Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.03.2016


Optische Täuschung

Das Gehirn kann sich nicht dagegen wehren

Optische Täuschungen lassen uns staunen und auch an unserem Sehsinn zweifeln. Doch die Augen lügen nicht, sie geben nur relativ spärliche Informationen weiter und das Gehirn macht das Beste bzw. das Sinnvollste daraus. Deshalb verändern sich wie von Zauberhand Farben und aus zwei Bildern entsteht vor unserem inneren Auge eine virtuelle Welt.

© Andreas Rottensteiner / TTAuf den ersten Blick erkennen die meisten eine venezianische Maske. Erst wenn man ihnen sagt, dass auch zwei küssende Gesichter dargestellt sind, werden diese wahrgenommen.



Ein langgezogenes „Ahhhaaa“ wiederholt sich immer wieder vor den Ausstellungsstücken, doch bei einem Bild wird daraus ein kurzes „Oh“, nicht schön, ein Anblick fast wie aus einem Horrorfilm. Das Bild zeigt ein verkehrt aufgehängtes Gesicht einer blonden, vermeintlich hübschen Frau; wenn man es um 180 Grad dreht, wird eine Fratze daraus. Augen und Mund wurden beim Foto gedreht. Der Betrachter hätte das beim verkehrten Bild leicht erkennen können, doch weil das menschliche Gehirn an Gesichter gewöhnt ist, hat es den Fehler nicht übernommen und eine normale Erscheinung angenommen. Das Auge sieht, was es sucht. Im Audioversum in Innsbruck wurde diese Woche die Ausstellung „Illusionen – Täuschung der Sinne“ eröffnet und auf einer Tafel, die erklärt, wie die Auge-Gehirn-Kommunikation funktioniert, steht: Das Auge ist ein ziemlich mäßiges Aufnahmegerät, aber die Bildverarbeitung ist unerreicht.

Der deutsche Sehforscher Michael Bach hat vor 20 Jahren damit begonnen, optische Täuschungen und Sehphänomene auf seiner Internetseite zu beschreiben. „Man liest oft, das Auge würde lügen, aber das stimmt nicht. Durch das Auge nehmen wir eigentlich wenige Informationen auf. Das Gehirn muss daraus viel machen und eine eigene innere Welt aufbauen“, sagt Bach.

Eines seiner Lieblingsbilder ist das Schachbrett, auf das ein Schatten geworfen wird. Als Betrachter glaubt man, dass bei zwei Feldern mit der gänzlich selben Farbe eines heller und eines viel dunkler ist. Das Gehirn rechnet den Schatten weg und zeigt uns vor dem inneren Auge die wahrscheinlichste Farbe. Mehrere Variationen dieser optischen Täuschung führen im Audioversum zu diesen „Ahhhaaa“-Momenten. Zum Beispiel beim bunten Hund. Der untere der beiden sieht gelblich aus, der obere bläulich, doch der bewegliche Vergleichshund beweist, dass beide identisch sind. Der Kurator der Ausstellung, Manfred Liedtke, klärt auf: „In diesen Bildern sind Helligkeitsverläufe eingearbeitet, die uns täuschen.“ Und er fährt fast begeistert fort: „Das Gehirn kann sich nicht wehren, dass es die Farben unterschiedlich wahrnimmt.“ Stimmt, denn auch wenn man den „Schmäh“ kennt, schafft man es nicht, egal, ob mit einem kurzen Blick oder einem minutenlange Starren, bei beiden dieselbe Farbe zu erkennen.

Genauso spielt es sich nicht in die andere Richtung. Hat man einmal bei näherer Betrachtung die zwei küssenden Gesichter in der venezianischen Maske erkannt, gelingt es kaum noch, das eine männliche Gesicht, das beim ersten Blick zwar unscharf, aber deutlich zu sehen war, wiederzuentdecken. Da könnte einem schwindelig werden. Das passiert spätestens bei einer der zwei Virtual-Reality-Brillen, die zum Testzweck auf eine Achterbahnfahrt einladen. Der 3D-Effekt und das Gefühl, in eine virtuelle Welt einzutauchen, sind im Prinzip nichts anderes als eine optische Täuschung. Das Auge liefert die zwei getrennten Bilder, die ihm gezeigt werden, ans Gehirn weiter und dort setzt sich diese dreidimensionale Welt zusammen. Bei Virtual-Reality-Brillen kommt noch etwas dazu: „Sie sitzen absolut ruhig da und durch den optischen Eindruck, dass Sie auf der Achterbahn mitfahren, entsteht im Gehirn die Illusion einer Bewegung des Körpers“, sagt Kurator Liedtke. Die Augenwahrnehmung passt nicht mit der des Körpers zusammen. Einen ähnlichen Effekt kennt jeder, der schon einmal in einem stehenden Zug gesessen hat und am Nebengleis ein anderer Zug losfährt. Man glaubt, der eigene Zug bewegt sich mit derselben Geschwindigkeit in die entgegengesetzte Richtung. Das nennt sich Vektion. Manchen wird davon kurz übel.

Bei optischen Täuschungen, die ohne eine VR-Brille funktionieren, überwiegen die „Ahhhaaa“-Ausrufe. Fassungslos steht man als Betrachter vor dem schachbrettartigen Feld, dessen Linien schräg wirken. Doch ja, sie sind gerade. Im Audioversum erzählt man die Geschichte, dass einmal ein Fliesenleger, der so ein Muster legte, vom Auftraggeber wegen schlecht ausgeführter Arbeit gefeuert wurde. Doch der Fliesenleger war nicht betrunken, die Arbeit völlig in Ordnung, nur erscheint sie vor dem geistigen Auge schief.

Wie in unserem Gehirn optische Illusionen wie diese entstehen, es aus einem Gesicht zwei macht, Mund und Augen in einem falschen Bild richtig einsetzt oder Grautöne so uminterpretiert, wie es das aus der Erfahrung kennt, das lässt Sehforscher Bach schwärmen: „Computer können das nicht. Das ist eine Glanzleistung unseres Gehirns.“ (Matthias Christler)

Ausstellung und Online

„Illusionen – Täuschung der Sinne“. Im Audioversum in Innsbruck, Wilhelm-Greil-Straße 23, wurde vergangene Woche die Sonderausstellung „Illusionen – Täuschung der Sinne“ eröffnet. Die optischen Täuschungen lassen sich selbst erforschen und überprüfen. Außerdem stehen zwei Virtual-Reality-Brillen für eine rasante, aber nicht reale Achterbahnfahrt bereit.

Online erklärt. Der Sehforscher Michael Bach zeigt auf seiner Website http://www.michaelbach.de/ot/ über 100 optische Täuschungen und Sehphänomene und erklärt, warum unser Gehirn wahrnimmt, was nicht da ist.