Letztes Update am So, 25.09.2016 07:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Stadt-Tour

„Ugly Tour“: Abseits der Klischees

Glanzvoll und historisch – Innsbruck zeigt sich jeden Tag von seiner schönsten Seite. Doch auch hier gibt es Ecken, wo der Glanz des Goldenen Dachls verblasst. Die TT und Fremdenführerin Antonella Placheta machten auf der Suche nach Schandflecken eine regelrechte „Ugly Tour“.

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© Andreas Rottensteiner / TT



Innsbruck – Halbnackte Frauen, die sich leidenschaftlich küssen und ekstatische Männer mit kaum verdeckten Popos – wer hätte gedacht, dass eines der am häufigsten fotografierten österreichischen Denkmäler derart verrucht ist? „Fast schon wie ein Softporno. Ich bin mir nicht sicher, ob der große Komponist Johann Strauss mit diesem, ihm gewidmeten Denkmal im Wiener Stadtpark Freude hätte“, sagt Eugene Quinn. Glaubt man dem Wiener Fremdenführer, erfreuen sich auch Touristen immer seltener an den typischen Sehenswürdigkeiten: „Wen interessiert es, eine Renaissancekirche nach der anderen und ein halbes Dutzend grauer Barockgebäude zu besichtigen?“

Als Gegenbewegung bietet der gebürtige Brite seit knapp zwei Jahren so genannte „Ugly Tours“ abseits des „Sissi-Klischees“ an: „Ich zeige den Leuten die schlimmsten Bausünden Wiens. Also quasi 600 Jahre Hässlichkeit.“

Einmal wöchentlich lotst der Fremdenführer etliche internationale Gäste etwa zum Flakturm – „einem hässlichen Nazi-Turm inmitten schöner Barockbauten“. Zu den „Ugly-Top-10“ zähle auch das Gesundheitsministerium, das unheilvoll wirke und so völlig ohne Charme an britische Provinzspitäler erinnere.

Quinn will mit seinen Touren allerdings nicht nur unterhalten: „Es ist auch ein Versuch, auf subtile Art auf architektonische und stadtplanerische Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen.“ Man könnte meinen, dass sich die Stadt bei so viel Touristenpräsenz aufrafft und die eine oder andere Fassade renoviert: „Im Gegenteil. Der Chef der Stadtentwicklung mailte mir kürzlich elf weitere hässliche Gebäude, die ich in die Tour aufnehmen kann.“

Doch nicht nur in Wien geht Quinn regelmäßig auf die Suche nach Verlierer-Ecken. Anfang des Monats bot er eine „Ugly Tour“ in München an. Beim Besuch der dunklen Seite der „Bussibussi-Metropole“ konnte er wieder eine wunderbare Diskussion über Hässlichkeit ins Laufen bringen. Innsbruck kennt Quinn noch nicht. Daher ging die TT mit Hilfe der Innsbrucker Fremdenführerin Antonella Placheta von den „austriaguides“ auf die Suche nach hiesigen Schandflecken. Und wir wurden fündig!

Zu den größten Aufregern bei Stadtführungen zählt laut Placheta etwa der Landhausplatz: „Die Gäste vermissen Bäume und bemängeln den vielen Beton oder die Rostflecken.“ Eine Meinung, die sie keineswegs teilt: „In den 70er-Jahren war das gesamte Areal ein schmuckloser Parkplatz. Heute lebt der Platz – nicht zuletzt wegen der Skaterszene. Und ist es nicht Sinn einer Stadt, genützt zu werden?“

Spätestens, wenn sie den Touristen erzählt, dass auf dem Platz 36 Bäume stehen, die Jahr für Jahr größer und präsenter werden, ändert sich deren Standpunkt: „Bei näherer Betrachtung fällt vielen auch auf, dass auf dem Landhausplatz vier Denkmäler stehen, die erst seit der Umgestaltung zur Geltung kommen.“ (Judith Sam)

Die Tücken des Denkmalschutzes

Wenn Placheta mit ihren Gästen das alte Hungerburg-Ensemble – bestehend aus der früheren Bahnstation (siehe Bild), der zugehörigen Brücke und dem ehemaligen Rundgemälde-Gebäude – passiert, ist „verwahrlost“ noch eines der schmeichelhaften Kommentare dazu.

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- Andreas Rottensteiner / TT

„Schade, denn der über 100 Jahre alte Rotundenbau ist eine Rarität in Tirol. Wird das Gebäude nicht genutzt, verliert es Tag für Tag mehr an Glanz. Der bestehende Denkmalschutz macht die Sache auch nicht unbedingt einfacher“, kritisiert Placheta von den „austriaguides“.

Die 48-Jährige trauert auch der verworfenen Idee nach, die alte Brücke in eine Art Treppe zum Hafelekar umzuwandeln: „Hätte man das Projekt realisiert, könnten die Gäste heute über 10.000 Stufen 1760 Höhenmeter überwinden.“

Attraktionen wie diese sind laut der Innsbruckerin künftig immer gefragter, da sich die Gästestruktur ändert: „Früher reichte es, den Leuten ein ,bissl‘ zu zeigen. Heute sind Touristen reiseerfahren, wollen unterhalten und fasziniert werden. Ganz begeistert sind sie etwa immer von der neuen Hungerburg-Bahnstation der Star-Architektin Zaha Hadid.“

Für den Wiener Fremdenführer Quinn ist die Leidenschaft für diese moderne Architektur überraschend: „Alle 20 Jahre ändert sich der vorherrschende Baustil in einer Stadt. Immer, wenn es so weit ist, schimpfen die Leute darüber, weil ihnen die neue Architektur nicht gefällt.“

1890 liefen etwa die Pariser gegen den Eiffelturm Sturm: Dieses Gebäude passe angeblich so gar nicht ins Stadtbild.

Mögen Sie die Bögen?

Nervöses Rattern, Vibrationen der Bahn, düstere Viadukte, Videoüberwachung – das Wort „einladend“ ist nicht zwingend das erste, das Placheta bei den Bögen einfällt.

Doch ein Blick auf deren Geschichte zeigt, dass Viadukte Mitte des 19. Jahrhunderts gängig waren, um auf sumpfigem Gebiet bauen zu können und Höhendifferenzen auszugleichen. „Zudem war die Bogen-Bauweise sinnvoll, weil die Bahntrasse so nicht mit der bestehenden Infrastruktur in Konflikt kam“, ergänzt die Fremdenführerin.

Hochhaus, Hochhäuser, am „Hochhausten“

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- Andreas Rottensteiner / TT

Ob Geiwi-Turm (o.), Jugendherberge in der Reichenau (großes Bild) oder Hilton-Hotel (u.) – sie alle haben für Placheta eines gemein: „Hässlichkeit. In den 70ern achtete man kaum auf das tädtebild. Darum schmiegt sich keines der Gebäude in seine Umgebung.“

Ein Beispiel: 1926 wurde Innsbrucks erstes „Hochhaus“ realisiert – das heute die Kommunalbetriebe beherbergt. Damals wurde noch heiß diskutiert, ob ein derart hohes Haus so nahe der Triumphpforte das Umfeld nicht entstellen würde.

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- Andreas Rottensteiner / TT

Gut 40 Jahre später stellte sich diese Frage nicht mehr, als der Hilton-Komplex unmittelbar daneben errichtet wurde und das IKB-Gebäude um Längen überragte. „Heute stört das Hilton das Stadtbild, egal, von wo aus man Richtung Patscherkofel blickt. Und natürlich ist Schönheit subjektiv, aber der Löwenanteil meiner Gäste findet auch die Fassaden-Farben dieser Gebäude abstoßend“, kritisiert Placheta.

Dabei sei die Architektur der 70er teils alles andere als brachial: „Zeitgleich entstand der Mariahilf-Wohnpark, wo die Wohnungseinteilung zu den gelungensten der ganzen Stadt zählt.“

Zudem habe man dort das erste Gebäude niedriger und etwas quergestellt erbaut, um den Blick auf die Mariahilfkirche aus dem 17. Jahrhundert frei zu lassen.

Grüne Oase mit Makel

Der Haydnplatz im Saggen, der zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs noch als Kartoffel- und Krautacker genutzt wurde, gefällt Placheta. Nicht zuletzt, weil er sehr gepflegt ist. Ebenso wie die umliegenden Häuser. Wo liegt also das Problem?

„Angrenzend an diese gepflegte, grüne Oase stehen mehr als ein Dutzend Müllcontainer. Das hätte man auch eleganter lösen können“, kritisiert die 48-Jährige. Besonders irritierend wäre deren Anblick, wenn die Container an den Wochenenden überfüllt sind.

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Zum Anti-Sieger gekürt

Den zweifelhaften Titel „Unort der Stadt“ vergibt Placheta an das Gewerbegebiet in St. Bartlmä: „Ob Eingang zur Sillschlucht, die konzeptlose Anhäufung kleiner Bauten oder das Graffiti-Geschmiere (o.) in der Unterführung – Innsbruck zeigt sich hier nicht von seiner besten Seite.“

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Dabei lässt sich die Fremdenführerin sonst für Graffiti begeistern: „Die schillernden ,Gemälde‘ in vielen Unterführungen halte ich für eine regelrechte Kunstrichtung. Aber diese Schmieragen an der Sillschlucht richten nur materiellen und optischen Schaden an.“

Das Gewerbegebiet irritiert sie außerdem, weil es den Blick auf die Kapelle St. Bartlmä, eine der ältesten Innsbrucks (in der Bildmitte unten sieht man versteckt den Kirchturm), verstellt.