Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.07.2017


Freizeit

Andy Holzer am Mount Everest: Das Höchste der Gefühle

Der blinde Bergsteiger Andy Holzer erlebt am Everest seinen emotional größten Erfolg, extreme Belastungen für Körper und Geist. Kurz danach kommen Zweifel an einem anderen Gipfelsieg auf.

Der Mount Everest, ein symbolischer Sehnsuchtsort. Wie geht es aber Bergsteigern, wenn sie den höchsten Berg der Welt „abhaken“ können?

© dpa/dpawebDer Mount Everest, ein symbolischer Sehnsuchtsort. Wie geht es aber Bergsteigern, wenn sie den höchsten Berg der Welt „abhaken“ können?



Von Matthias Christler

Innsbruck – Endlich habe er den „Bichl“ erledigt, so nennt der Osttiroler „Blind Climber“ Andy Holzer den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, den er am 21. Mai im dritten Anlauf als erster blinder Bergsteiger über die Nordseite bestiegen hat. Obwohl andere Gipfel eine größere sportliche Herausforderung sein mögen, „gibt es von der emotionalen Symbolik für mich nichts Vergleichbares wie den Everest. Das ist eine bleibende Geschichte für mein Leben“, sagt der 50-Jährige im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Über eine andere Geschichte will er hingegen nicht mehr sprechen. „Auf das Thema gehe ich nicht mehr ein“, blockt er ab und verweist auf ein Statement auf seiner Homepage (www.andyholzer.com). Was war vorgefallen? Etwa eine Woche nach seinem Gipfelsieg am Mount Everest, mit dem er die so genannten „Seven Summits“, die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, abgehakt hat, kamen Zweifel auf, ob er bei einem davon wirklich am obersten Punkt war. Die Plattform bergsteigen.com schrieb nach einem anonymen Hinweis, dass Holzer vor neun Jahren in Alaska am Denali (dem höchste Berg Nordamerikas, der bis 2015 Mount McKinley hieß) den Gipfel auf 6190 Metern nicht erreicht habe.

„Bei meinen Vorträgen geht es nicht um die Seven Summits, ich bringe eine Philosophie vor“, sagt Andy Holzer.
„Bei meinen Vorträgen geht es nicht um die Seven Summits, ich bringe eine Philosophie vor“, sagt Andy Holzer.
- APA

Ein schwerer Vorwurf. In seinem Statement mit dem Titel „Blindes Misstrauen“ bezeichnet Holzer das als „ruf­schädigend“. Andreas Jentzsch, der die Geschichte ins Rollen brachte, glaubt trotzdem nicht, dass es ein gerichtliches Nachspiel geben werde. Im Prinzip ist der Sachverhalt geklärt, dieser wird nur unterschiedlich interpretiert. Holzer stellt es in seinem Statement wie folgt dar: Die Seilschaft wurde damals von einem Sturm erfasst und er traf deshalb 30 bis 35 Höhenmeter unterhalb des Vermessungspunktes die Entscheidung, umzukehren. Bei lebensgefährlichen Windverhältnissen gelte laut Holzer der Berg auch etwas unterhalb des Vermessungspunktes als bestiegen und er habe von den zuständigen Rangern ein Zertifikat für die gültige Besteigung. „Damit gilt für mich und meine Freunde der Berg nach wie vor als erfolgreich bestiegen“, schreibt er. Das sieht Jentzsch anders. Gipfel bleibt Gipfel und der kann nicht nach unten verlegt werden.

Im Gespräch nimmt Holzer doch noch einmal kurz zur Diskussion Stellung, aber „meine Fans interessiert es eigentlich nicht, die ärgern sich eher, dass so etwas hochgespielt wird“. Und ob er jetzt die „Seven Summits“ alle bis auf den letzten Meter geschafft habe oder nicht, deswegen werde er nicht von mehr oder weniger Unternehmen als Vortragender gebucht. „Dort bin ich nicht wegen der Seven Summits, ich bringe eine Philosophie vor und neue Perspektiven ein.“

Extrembergsteiger finanzieren sich ihre Abenteuer mit solchen Vorträgen und Motivationsseminaren. Etwas, was der deutsche Psychologe und Autor Manfred Ruoß (siehe Interview rechts) in seinem Buch „Zwischen Flow und Narzissmus“ kritisch betrachtet. Die Gesellschaft soll sich nicht die alpine Leistungs­elite als Vorbild nehmen. Extrembergsteiger und andere an extreme Leistungen gewöhnte Personen können schnell in einen Teufelskreis geraten, in dem sie gefangen bleiben.

Und wenn der Druck zu groß wird, kann es auch passieren, dass man wie „Skyrunner“ Christian Stangl die Unwahrheit verbreitet. Der Steirer hatte 2010 zugeben müssen, dass er nicht, wie behauptet, am Gipfel des K2 stand. Als Grund für seine Lüge gab er an, sich in einem „tranceartigen Zustand“ und aus Angst vor dem Versagen den Gipfelsieg eingebildet zu haben.

Zwei Jahre später holte er den Gipfel nach. Viel Aufmerksamkeit erregte er danach nicht mehr, inzwischen betätigt er sich hauptsächlich noch als Bergführer.

Zurück zu jenem „Bichl“, den Andy Holzer erledigt hat. Für einen Bergsteiger ist der Mount Everest das Höchste der Gefühle. Und weil Holzer den Denali als bestiegen bezeichnet, wirkt es derzeit so, als sehe er keine Veranlassung, dort noch einmal hinaufzusteigen. Was aber kommt jetzt? Kann er aussteigen, was ja von Psychologe Ruoß in Bezug auf Extrembergsteiger bezweifelt wird?

„Jetzt geht das Leben für mich erst los. Der Mount Everest hat mich in meiner Persönlichkeit geprägt. Und ich bin nicht der Typ, der alles toppen muss. Schneller, höher, geiler, steiler, das war nie meine Vorgabe“, versichert er. In den vergangenen Wochen stieg er durch Felswände in den Dolomiten. Er kann sich jetzt Träume erfüllen wie vor einem Jahr die Skitourenreise in die Antarktis. „Ich habe mir einen neuen Freiraum geschaffen. Das koste ich jetzt aus.“