Letztes Update am Mo, 09.10.2017 09:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Reportage aus der stinkenden Kanalisation Innsbrucks

Oben scheint die Sonne, unten herrscht Dunkelheit. Wer sich in die Innsbrucker Kanalisation wagt, sieht, wo der eigene Unrat hinschwimmt. In London ist daraus sogar ein riesiger Fettberg geworden. Den sucht man in Tirol dank Reinigung vergebens. Ein harter Weg ist der Gang in den Untergrund trotzdem.

© TT/Rudy De MoorSchmal und tief: Unter dem Kanaldeckel geht es fünfeinhalb Meter hinunter.



Was ist das für ein Ort, der sich unter der Stadt befindet? Wie sieht das Netz aus Rohren und Kanälen aus, das wir täglich benutzen, aber nie sehen? Wer an Kanalisation denkt, assoziiert geheime Verstecke für Gangster, ein Paradies für Ratten und beträchtlichen Gestank. All das stimmt so nicht ganz. Schwer zu ertragen ist ein Spaziergang dort trotzdem.

Nach dem ersten Blick hinein in den Untergrund bei der Kaiserjägerstraße im Innsbrucker Saggen ist schnell klar: Viel Platz zum Verstecken ist hier nicht. „Das ist einer der geräumigsten Kanäle“, erklärt Armin Gattermayr, Gruppenleiter der Abteilung Kanal bei den Innsbrucker Kommunalbetrieben. Der oval geschnittene Gang ist gerade zwei Meter hoch und einen Meter zwanzig breit. Platz für Ganoven ist hier keiner. Sie würden auch beim ersten starken Regen einfach weggespült werden. Die einzige Bedingung für diesen Ausflug unter die Erde ist nämlich schönes Wetter. Bei Starkregen hat hier keiner etwas verloren. Wer bleibt, ertrinkt.

Alles kommt zusammen: In Innsbruck gibt es ein Mischwassersystem, bei dem Ab- und Regenwasser zusammenfließen.
- TT/Rudy De Moor

Das öffentliche Innsbrucker Kanalnetz hat 259 Kilometer Länge. Würde man die Leitungen aller privaten Haushalte bis zum Wasserhahn dazurechnen, käme man auf knapp 400 Kilometer. Gereinigt und gewartet wird dieses lange und nicht weniger verwinkelte Kanalsystem von sechs IKB-Mitarbeitern. Zählt man jene, die bei Tageslicht in den Büros ihren Dienst versehen, dazu, kommt man auf 28 Leute. Die Arbeiter in den Kanälen sind hart im Nehmen. Ein erstes Einatmen im Kanal, fünfeinhalb Meter unter der Straße, macht klar, der Geruch ist nicht das größte Problem. Es duftet zwar nicht, aber es stinkt mehr nach Siphon oder nach Gully. Nun gut, das ist exakt der Ort, an dem man sich gerade befindet.

Abschreckender ist das trübe Wasser, das seitlich aus den Rohren spritzt. Keiner möchte eine unfreiwillige Dusche abbekommen. Mit den Füßen, fest eingepackt in dicke Gummistiefel, watet man knöcheltief in brauner Suppe mit Stückchen. Wer genauer hinschaut, sieht, es sind Fäkalien und Klopapier, das sich um die Füße schlängelt.

In voller Montur: Kanalmeister Gernot Raffl (l.) zeigt bei einem TT-Lokalaugenschein, wohin das Abwasser fließt.
- TT/Rudy De Moor
In voller Montur: Kanalmeister Gernot Raffl (l.) zeigt bei einem TT-Lokalaugenschein, wohin das Abwasser fließt.
- TT/Rudy De Moor

Die Innsbrucker Kanalisation hat ein Mischwassersystem. Das heißt, dass hier Regen und Abwasser zusammenlaufen. Klares Wasser sieht man hier selten. In den Kanalrohren kann man schlecht stehen, da die Böden abgerundet und glitschig sind. Der Experte sagt dazu besser: „Mit Bio­film bedeckt.“ Es kann auf jeden Fall leicht passieren, dass man ausrutscht. Und dann gilt eine wichtige Regel. „Als Erstes lernst du hier, den Mund zuzumachen“, grinst Gernot Raffl. Er hat seine erste „Kanaldusche“, wie das unfreiwillige Bad im Abwasser unter Profis genannt wird, längst hinter sich. Er und sein Mitarbeiter Richard Leitner können nur herzhaft lachen, wenn es um solche Abenteuergeschichten geht. Ein Kanalarbeiter hat selbstverständlich die dringend nötigen Hepatitis-Impfungen und wird regelmäßig untersucht.

Genau im Auge müssen Raffl und Leitner während der ganzen Tour durch das Kanalnetz das Gasmessgerät haben. Stimmt der Sauerstoffgehalt nicht mehr oder steigt zum Beispiel der Schwefelwasserstoff an, dann heißt es raus ans Tageslicht. „Aber immer in Ruhe und geordnet“, meint Richard Leitner. Panik könne man hier herunten keine gebrauchen. Wer Angst hat, macht Fehler. Und ist damit hier unten ziemlich alleine. Funkgeräte und Handys gibt es in der Kanalisation nicht, als Beleuchtung dient nur die eigene Stirnlampe, die besser nicht ausfallen sollte.

Zu den wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen neben dem Gas-Check gehört also die Rufbereitschaft am Einstieg zum Gully. Dort muss immer ein Kollege postiert sein, um Wache zu halten. Erst wenn alle wieder aus dem Kanalloch geklettert sind, kann der Pos­ten verlassen werden.

Kontrolle ist eine Überlebensfrage: Die Kanalarbeiter müssen das Gasmessgerät immer im Auge behalten.
- TT/Rudy De Moor

Kanalarbeiter zu sein, ist ein Job, der einen ordentlichen Mangel an Angst und Ekel voraussetzt und eine gehörige Portion Arbeitswillen. Denn der Kanal muss immer frei sein. „Deswegen gibt es Bereitschaftsdienst“, erklärt Gernot Raffl. Wenn bei Gewitter zum Beispiel eine Pumpe klemmt, heißt es schnell vor Ort sein. „Und das ist oft nachts, aber das gehört dazu.“

Ein Klischee, das gerne mit den dunklen Gängen einer Kanalisation in Verbindung gebracht wird, sind die Scharen von Ratten, die durch die Gänge laufen. Es ist aber keine einzige zu sehen. „Ja, klar gibt es die“, meint Raffl. „Aber das ist kein großes Thema. Die laufen schneller weg, als wir sie sehen können.“

Nasse Arbeit: Im Kanal kann es auch von der Decke tropfen.
- TT/Rudy De Moor

Solange die Menschen nicht aufhören, die Essensreste in den Abfluss zu leeren, werde sich am Ratten-Aufkommen auch nichts ändern. Das sei nämlich purer Nährstoff für die Nager. „Und das ist nicht alles, was hier herumschwimmt“, weiß Gattermayr. „Hier finden sich täglich Slipeinlagen, Windeln und Wattestäbchen. Aber die Toilette ist eben kein Abfalleimer.“ Immer wieder müsse er sich wundern, was hier unten alles landet. Sogar ganze Hosen wurden schon aus dem Abwasser gezogen. Das ist mitunter das größte Problem bei seiner Arbeit.

Einen 130 Tonnen schweren Fettberg, bestehend aus Windeln, Feuchttüchern und hartem Kochfett, wie er gerade in der Londoner Kanalisation gefunden wurde, kann es in Innsbruck dennoch nicht geben. „Da gäbe es längst eine Verstopfung. Außerdem werden in Innsbruck alle Kanäle regelmäßig mit Wasser-Hochdruck gereinigt, damit es erst gar nicht zu solchen Ablagerungen kommt“, weiß Gattermayr. Aus dem britischen Fundstück soll jetzt Biodiesel entstehen. Energiegewinnung aus Abwasser kennt man in Innsbruck längst.

Nasse Arbeit: Im Kanal kann es auch von der Decke tropfen.
- TT/Rudy De Moor

Am Ziel, wenn das Mischwasser bei der Kläranlage Roßau angekommen ist, wird mit dem abgesetzten Klärschlamm nämlich Bio­gas erzeugt. Das macht das Werk zum Energie-Selbstversorger. Der überschüssige Strom wird ins Netz geleitet. Mit der gewonnenen Wärme wird dann noch das Schwimmbad im Olympischen Dorf sowie das Restaurant am Baggersee gespeist.

Auf der Kanaltour im Innsbrucker Saggen sind Gedanken an saubere Schwimmbäder fern. Lange hält es ein Anfänger dort unten nicht aus. Nach 400 Metern ist Schluss. Zu viel Enge und zu wenig Luft plagen die Kanal-Touristen. Raffl und Leitner sehen das gelassener. Klimatisch sei es dort unten sogar recht angenehm, denn „im Sommer ist es kühl, und im Winter warm“. Das klingt für die Besucher wie ein Scherz, aber es ist tatsächlich ernst gemeint. (Andrea Wieser)

Kanal und Zahl

45 Tonnen Klärschlamm und Feststoffe werden täglich aus dem Abwasser entsorgt. Dazu zählen auch Hygieneartikel, Zigarettenkippen, Speisereste und sogar Akkus und Textilien.

55 Millionen

Liter Abwasser werden an einem trockenen Tag durch das Kanalnetz von Innsbruck gespült.

145 Millionen

Liter fließen bei starkem Niederschlag oder auch bei Schneeschmelze durch die Kläranlagen.

1903

wurde mit dem Bau des Innsbrucker Kanalnetzes begonnen. Viele Teile davon werden bis heute noch genutzt.

259 Kilometer

beträgt die Länge des Innsbrucker Kanalnetzes. Zählt man die privaten Rohre dazu, käme man auf 400 Kilometer.

6299

Einstiegsschächte zählt das Netz, über die man in die Kanalisation in den Untergrund absteigen kann.

10.800

Hausanschlüsse sind an das Kanalisationsnetz der Stadt Innsbruck angeschlossen.

8 Mio. KWh

Strom werden jährlich in der Kläranlage Roßau erzeugt. Das entspricht einem durchschnittlichen Verbrauch von 2300 Haushalten.

120 Liter

Abwasser fallen circa pro Person pro Tag in Österreich an. Das ergibt sich durch Kochen, Waschen, Duschen und Toilette. Bei Letzterem sind es über 30 Liter pro Tag.




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