Letztes Update am So, 29.10.2017 10:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Pferde in Tirol: Das Glück der Erde steht auf vier Beinen

Die Tiroler sind im Pferdefieber. Immer mehr wollen die Tiere reiten, trainieren oder einfach nur streicheln. Und noch immer sind es vor allem die Mädchen, die die Ställe belagern. Beim Pferdeherbst Mils kann man heute sehen, was den Pferde-Charme ausmacht.

© Brigitte KaltenboeckStarker Zug: ein Noriker-Gespann mit historischem Salzwagen beim Pferdeherbst Mils.



Mils – Wenn Haflinger Studebaker umarmt wird, hält er still. Dann können die Mädchen im Reitverein Royal in Vill die Arme um ihn legen, sein flauschiges Fell kraulen und die Wärme des großen Tiers spüren. „Meine Tiere strahlen eine Ruhe und eine Wärme aus, das lieben die Kinder“, meint Gabi Auer. Sie muss es wissen. In ihrem Verein bietet sie Ponystunden an, zu denen kleine Pferdefans kommen können. Und der Zulauf ist stark. Pferde boomen in Tirol.

Beliebte Haflinger und Noriker

„Bei der Anzahl der Pferde in Tirol gab es einen Anstieg von circa 20 Prozent in den letzten zehn Jahren“, bestätigt Tierarzt Josef Kössler. Der Leiter der Tiroler Landesveterinärdirektion kennt die Reitszene. Rund 14.000 Pferde würden derzeit in Tirol gehalten. Ganz exakt könne man es aber nicht sagen. Dabei ist man statistisch besser denn je organisiert. Seit 2012 müssen die Tiere einen Pass haben. Forciert wurde die Markierungspflicht auch durch den Pferdefleischskandal im Jahr 2013.

Nachwuchs: Auch ganz junge Reiter sind beim Fest in Mils dabei.
- Brigitte Kaltenboeck

Aber Pferd ist nicht gleich Pferd. Die Bandbreite reicht in Tirol vom gelassenen Kaltblut, das ursprünglich in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, bis zum feurigen Araber, wie sie der ehemalige Skirennläufer Mario Matt in Flirsch züchtet. „Die beliebtesten Rassen in Tirol sind Noriker, Haflinger und dann allgemein die Warmblüter“, erklärt Tierarzt Kössler.

Allesamt Pferderassen, die sich durch ein ruhiges Gemüt auszeichnen. Der Haflinger, der am Fohlenhof Ebbs seine berühmtesten Stallungen hat, gilt als ideales Freizeitpferd. Die Sicherheit im Gelände machen das Tier beliebt, aber auch in der Dressur oder beim Springen und sogar beim Voltigieren, also beim Turnen zu Pferd, kann sich das Tier blicken lassen.

Tirol als Reiterland

Aber auch der Noriker wurde vielseitiger. „Er hat einen wahrlichen Siegeszug gemacht“, ist sich Verbandssprecher Hannes Fitsch sicher. 500 eingetragene Zuchtstuten gibt es derzeit in Tirol, dazu elf Deckhengste. Die Zucht hat sich hin zum Reitpferd, weg vom reinen Arbeitstier entwickelt. Die Bedürfnisse der Käufer sind jetzt eben andere. Und dann ist da noch die große Gruppe der Warmblüter. Zu diesen großgewachsenen Tieren zählen Rassen wie die Trakehner oder Hannoveraner, allesamt gezüchtet für den Reitbetrieb.

In Tirol lassen aber auch die Sport- reiter aufhorchen. „Wir sind hier in Tirol eigentlich ein kleines Reiterland, aber mit einer sehr hohen Qualität“, meint Michaela Wachs vom zuständigen Pferdesportverband. Derzeit sind 853 Pferde als Turniertiere gemeldet. Und die Erfolge können sich sehen lassen. Aus Tirol kommen zurzeit die Staatsmeister und Vizestaatsmeister im Springreiten, der Bronze-Staatsmeister in der Dressur und die Voltigierer konnten in den letzten Jahren Titel auf Bundesebene erringen und sogar auch Europa- und Weltmeistertitel erkämpfen.

Im Gleichschritt: Pia führt in Vill den Haflinger Studebaker.
- Michael Kristen

Wer bei Gabi Auer über den Hof geht, der ist in einer ganz anderen Welt. Bei den Ponystunden steht das Streicheln und Pflegen der Pferde im Vordergrund. Die Tiere auf ihrem Hof sind für Anfänger und die sind meist weiblich. Es geht zu wie auf dem Ponyhof aus den Mädchenzeitschriften. „Ich denke, es hängt damit zusammen, dass Mädchen eher ihre Zuneigung zeigen. Das jugendliche, männliche Kraftzeigen hat da keinen Platz“, meint Auer. Dass es an der Erziehung liege, glaubt sie nicht. Als zweifache Mutter von einer Tochter, die reitet, und einem Sohn, den das wenig interessiert, sagt sie: „Beide waren als Kinder immer mit im Stall, nur meinen Sohn haben Pferde nie so fasziniert.“

Auch Burschen springen auf

In der Psychologie hat man sich schon mehrmals an dem Thema abgearbeitet. 1994 veröffentlichten Helga Adolph und Harald Eule von der Uni Kassel eine Arbeit mit dem Titel „Warum Mädchen und Frauen reiten“. Das Fazit der Untersuchung: Es geht um die Fürsorge. Mädchen würden sich einfach lieber um die Tiere kümmern als Buben. Die magische Wirkung der Tiere auf Frauen untersuchten 2015 auch Dona Lee Davis und Sarah Dean von der University of South Dakota. Sie führten Tiefeninterviews mit 52 Frauen und kamen zu dem Schluss, dass die Reiterinnen die Wirkung des Pferdes sogar genauso wertvoll wie eine echte Psychotherapie einschätzten. Das Pferd tut der Frauenseele also gut.

Aber Jungs sind nicht kategorisch ausgeschlossen, das weiß Matthias Lair. Der passionierte Reiter, der als Mitarbeiter des Tourismusverbandes Hall-Wattens den Pferdeherbst Mils begleitet, erinnert sich noch gut: „Wir Burschen waren als Kinder die Ausnahme.“ Er selbst hatte durch die Landwirtschaft daheim in Völs mehr Bezug zu Pferden. Aber auch für jene, die diese Möglichkeit nicht haben, tut sich was. „Ich sehe im Nachwuchs immer mehr junge Burschen“, freut er sich über die Veränderung.

Wer in Tirol welche Pferde liebt, kann heute bei der großen Show (11 Uhr, bei jeder Witterung) beim Pferdeherbst Mils bestaunt werden. Es ist das Finale des viertätigen Festes, das vom Pferdehof Tiefenthaler in Mils organisiert wird. „Wir kommen aus dem traditionellen Bereich, aber unser Ziel ist es, die ganze Tiroler Szene abzubilden“, betont Lair. Deswegen werden beim Festumzug neben Züchtern und Reitschulen auch private Reiter teilnehmen können. Westernreiter werden ihr Können zeigen, Kutschengespanne werden auffahren und ein Pony soll sogar als Einhorn mitwirken.

Pferde-Parade mit Einhorn

Vereinen wird bei der großen Vielseitigkeit alle Pferdenarren die Liebe zum Tier. Und die ist unerschöpflich. „Es mag ausgelutscht klingen, aber ‚das Glück der Erde liegt wirklich auf dem Rücken der Pferde‘. Man bekommt viel von ihnen zurück“, schwärmt Matthias Lair. „Es ist erstaunlich, dass ein so temperamentvolles Tier so sanft und sensibel sein kann.“