Letztes Update am Fr, 03.11.2017 12:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Peter Cornelius: „Endlich alles von der Seele schreiben“

Peter Cornelius scheint unverwüstlich. Zumindest lautet so sein aktueller Album-Titel. Darin kritisiert der Querkopf so ziemlich jeden – von seinen Eltern bis zu Angela Merkel.

© Sein aktuelles Album "Unverwüstlich" stellt Cornelius im Rahmen seiner gleichnamigen Tour vor, die ihn am 19. November nach Innsbruck (Congress) führt.



Vor Kurzem erschien Ihr neues, 22., Album. Die Texte haben Sie wieder selbst geschrieben. Sind Sie quasi eine musikalische Autobiografie?

Vieles davon. Das Lied „Kinder spüren“ ist eine Aufarbeitung meiner zerrütteten Jugend, als Kind einer von Hass und Spannungen durchzogenen Ehe. Ein auswegloser Zustand. Gott sei Dank hatte ich meine Großmutter, bei der ich im Grunde aufgewachsen bin, bis ich zehn war. Sie hat mich gerettet. In der Schule habe ich oft Mitschüler aus vermeintlich harmonischen Familien beneidet. Der Lied-Titel müsste eigentlich heißen „Lasst es um Gottes willen nicht die Kinder spüren“, aber der ist einfach zu lang. Ich konnte mir all das erst von der Seele schreiben, nachdem meine Eltern gegangen sind. Ich wollte nicht zwei alt gewordenen Menschen zu ihren Lebzeiten noch mal zeigen: „So, das habe ich davon gehalten!“

Sie sind 66 Jahre alt und nach wie vor auf Tour. Gibt es da einen Zusammenhang zum Album-Titel „Unverwüstlich“?

Im Moment könnte man sagen, es heißt so, weil ich trotz eines starken Infekts – ich musste mir heute Früh Cortison spritzen lassen, um das Interview zu überstehen – nicht im Bett liege. Im Ernst: Mit 66 Jahren habe ich mir einfach erlaubt, diesen Titel zu wählen.

Warum nehmen Sie bereits seit Jahren all Ihre CDs in einem New Yorker Tonstudio auf?

Die Stadt ist für mich wie ein Akku. Improvisation ist dort der natürliche nicht der Ausnahmezustand. Meine Frau und ich sitzen da am Times Square und genießen die unzähligen Impulse, die von der Stadt ausgehen. New Yorker lassen alte Ideen fallen und widmen sich neuen, ohne den alten nachzutrauern. Wenn ich vorschlage, man könnte ein Lied adaptieren, wird da nicht erst fünfmal herumdiskutiert. Da steht der Erste auf und macht’s einfach. Man bricht mit der Routine. Ich dachte schon, all meine Naivität wäre weg. Gekillt. Weggehobelt und zerschunden. Aber in New York, da entdecke ich endlich wieder Augenblicke, wo der Spieltrieb wiederkommt. Wo ich endlich wieder naive Handlungen setzen kann und sage: „Versuchen wir das einfach.“

Wären Sie ohne New York „Reif für die Insel“?

Als ich dieses Lied herausgebracht habe, war Naxos meine Insel, auf der ich Ruhe gefunden habe. Heute, wo jeder irgendwie getrieben ist, kann ich jedem nur eine Insel anbieten: ein Gedankenmodell. Jeder muss versuchen, so gut wie möglich seine eigene Insel zu sein.

Wie darf ich das verstehen?

Jeder ist mit seinem Alltag so beschäftigt, dass er abends einfach nur den Hammer fallen lassen will. Das heißt, er will nur heim, seine Ruhe und unauffällige Unterhaltung – z. B. ,Dancing Stars‘ im Fernsehen. Da bleibt den Leuten keine Zeit, die Dinge zu hinterfragen. Wir leben in einem hochdramatischen Zeitalter. Die Politik hat uns in ein Koma regiert. Soll uns Brüssel künftig sagen, wie wir unseren Löffel zu halten haben? Wir befinden uns in einem Krieg, der punktuell immer wieder aufflammt, dort und da. Nur wird er so nicht als Krieg wahrgenommen. Sagte doch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer kürzlich: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“ Wer regiert uns? Die Bilderberger, die Familie Rothschild und der US-Investor George Soros! Das ist Faschismus. Diesmal von links.

Haben Sie keine Sorge, bei so direkten Aussagen Fans zu verlieren?

Es geht doch nicht, dass jeder Künstler eine Meinung vertreten muss, die zu hundert Prozent angepasst ist. Ich muss sagen können, was ich denke: Ich finde, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hasst die Deutschen. Sie lächelt über alles hinweg. Kennen Sie No-go-Areas? So bezeichnet man Räume mit erhöhter Kriminalität, wo sich kein Polizist mehr hintraut. Schweden hat angeblich schon 60 davon. Frankreich 700. Was bringt Merkels Bevölkerungsaustausch? Dass wir leichter regierbar werden.

Ein anderes Thema: Warum bleiben Sie deutschen Texten treu?

Weil ich nur so authentisch klinge. Ich bin Wassermann und Löwe im Aszendent. Der Wassermann will mit dem ganzen Mist nichts zu tun haben. Der Löwe begibt sich nur in den sozialen Verbund, wenn er unbedingt muss. Ich habe mir immer gedacht: „Schreibt ihr eure Lieder, wie ihr wollt, ich mache mein Ding.“

Das Interview führte Judith Sam


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