Letztes Update am So, 05.11.2017 07:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Pointner: „Die Trauer kommt immer in Wellen“

Den Tod ihrer Tochter Nina infolge eines Suizid­versuchs arbeiten Angela und Alexander Pointner mit einem Buch auf. Der Ex-Skisprungtrainer und die Autorin sprachen über den Schicksalsschlag vor drei Jahren und den harten Weg zurück ins Leben.

© Foto Rudy De Moor / Tiroler TageDer Kellerbereich, in dem Tochter Nina den Suizidversuch unternahm, soll belebt werden. Alexander Pointner gestaltete ihn zuletzt in einen Freizeitraum mit Autorennbahn um.



Mut zur Klarheit. Woher die Kraft zum Weitermachen kommt." Dem Titel ihres Buchs gemäß fragen sich das Angela und Alexander Pointner (beide 46) wohl auch selbst, wenn sie über den Tod ihrer Tochter sprechen. Kürzlich taten das die beiden im Ö3-Radio am Sonntagvormittag — mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit will das Ehepaar enttabuisieren und damit auch selbst einen Weg zur Aufarbeitung finden. „Die Trauer wird aber niemals weggehen. Die kommt zwar seltener, aber immer wieder und in Wellen."

Sie gaben unlängst ein bewegendes Ö3-Interview bei Claudia Stöckl. Wie fielen die Reaktionen aus?

Alex: Überwältigend und ausschließlich positiv, weil viele Menschen in einer ähnlichen Situation sind, in weniger dramatischen, aber auch in schlimmeren. Vielen geht es nicht gut, und das hat nicht nur mit persönlichen Schicksalsschlägen zu tun. Gerade vor Allerheiligen, das merken wir auch, kommt das Vergangene schwerer zum Tragen.

- Seifert

Sind Interviews, der Gang an die Öffentlichkeit, ein Stück weit auch Therapie? Geht es einem besser, wenn man Leid teilt?

Angela: Mit Sicherheit, aber es ist nicht der Akt des Interviews selbst, das ist nicht angenehm. Es sind die Reaktionen und das Gehörtwerden in so einem Zusammenhang. Das Wissen: Wir sind nicht die Ersten, andere haben das öfter erleben müssen. Wenige haben in unserer Gesellschaft die Möglichkeit, sich auszutauschen, die Kultur des Offen-Redens wird nicht gepflegt. Schweigen fällt viel schwerer, weil man oft so tun muss, als wäre nichts. Ich kann bei Interviews sein, wie ich bin, das hilft mir am meisten.

Ninas Geburtstag, der Suizidversuch der damals 16-Jährigen am 5. November 2014, ihr Tod am 17. Dezember 2015 — gibt es Rituale, die einen an solchen Tagen begleiten?

Angela: Am 17. Dezember unternahmen wir im Vorjahr eine Fackelwanderung zum Höttinger Bild, daran nahmen viele teil. Es tat gut, gemeinsam mit Laternen den Waldweg raufzumarschieren. Der 5. November ist für mich schwieriger. Ich war letztes Jahr im Vorfeld weg, heuer bin ich es auch — zum Wandern mit Freundinnen. Aber am 5. bin ich wieder daheim.

Alex: An Geburtstagen Ninas kommen wir zusammen, da darf auch gelacht werden. Da erinnert man sich, schließlich überwiegt die positive Erinnerung bei Weitem. Irgendwann soll man auch an die schönen Erlebnisse zurückdenken können, noch geht das schwer.

Mit Ninas Tod wurde ein Kapitel abgeschlossen, zuvor lag Ihre Tochter 13 Monate im Wachkoma. Fiel es leichter, sich obenzuhalten, als noch ein Funke Hoffnung bestand?

Angela: Ich empfand mich kraftvoller, als Nina noch lebte. Ich habe vieles bewusster getan, gestand es mir auch mehr zu, für mich etwas zu tun. Nach ihrem Tod folgte die Leere, weil sie körperlich nicht mehr anwesend war, ich konnte sie nicht mehr berühren. Es dauert lange, wieder Sinn in normalen Dingen zu sehen.

Sie haben es sich nicht zugestanden, einen sonnigen Tag zu genießen?

Angela: Ich habe es mir nicht zugestanden, auf mich selber zu schauen, obwohl ich wusste: Ich muss mit meinen Kräften haushalten. Manche Leute fragen, ob wir immer noch trauern ...

Steht das jemandem zu?

Alex: Natürlich hat jemand das Recht, so etwas zu sagen. Aber solche Menschen haben Ähnliches wohl noch nicht erlebt. Trauer dauert länger als ein, zwei Jahre. Sie geht wohl nie weg, man lernt nur besser damit umzugehen. Deshalb braucht es externe Unterstützung.

Angela: Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft. Ich traf eine Frau, die verlor ihren Mann vor fünf Jahren — die war voller Lebensfreude. Sie sagte: Das sei eine Seite, aber ihr gehe es auch schlecht. Die Trauer komme in Wellen, und je länger das Ereignis her ist, umso seltener kommt sie. Aber sie gehe nicht weg.

Alexander und Angela Pointner mit ihren Töchtern Lilith (2. v. l.) und Paula (r.). Die Zeit der Aufarbeitung ist nach dem Tod der Tochter und Schwester nicht vorbei, aber das Leben der Tiroler gewinnt wieder an Farbe.
- Privat

Alexander: Die 13 Monate im Wachkoma waren trotzdem erfüllt, weil wir immer versucht haben, etwas Gutes zu geben: unserer Nina, unseren Kindern und dabei möglichst die Balance zu halten. Mit Ninas Tod ging auch der Tagesablauf, plötzlich war eine Leere da. So schlimm es auch war, ins Krankenhaus zu fahren. Und dort war es auch nicht immer leicht, etwa, wie mancher mit uns umging.

Sie schreiben auch von so genannten „Göttern in Weiß" ...

Angela: Es gibt eine jüngere Generation an Ärzten, die das anders leben will. Viele haben uns sehr ernst genommen, die schrieben uns eine wichtige Rolle zu, andere arbeiteten lieber mit Distanz und Abstand. Das Positive überwog aber am Ende.

Alex: Klarheit kann schmerzhaft sein, aber die Qualität liegt darin, dass sie nicht verletzend ist. Es gibt so viele Betroffene und Angehörige, die für eine mögliche Heilung Haus und Hof aufgeben. Ärzte richten mit einer „professionellen" Distanzierung und fehlender Empathie oft noch mehr Schaden an.

Ihre Kinder Max (21), Paula (14) und Lilith (9) litten auch unter dem Tod ihrer Schwester, begaben sich in professionelle Betreuung ...

Angela: Offen und altersgerecht. Lilith verdrängte die Dinge am Anfang, sie wollte in die Schule gehen und Freundinnen besuchen. Ihr war eine Form der Normalität wichtig. Aber wir schauten immer, dass jeder seine Aufmerksamkeit bekommt.

Und jetzt?

Angela: Bei Lilith kommt erst jetzt manches rauf, sie spricht über das Erlebte und sucht Nähe. Paula hat im Sommer eine Depression entwickelt, wird therapeutisch und medikamentös unterstützt. Die genetische Veranlagung spielt sicher eine Rolle, bei ihr ging es ebenso in der Pubertät los wie bei ihrem Bruder Max und bei Nina. Bei ihm ging es dann wieder.

Alex: Daraus schöpfen wir Hoffnung. Max war vier Monate in der Klinik, hat sich aber erholt. Zur Zeit ist er in Bildungskarenz im Ausland, er ist Kostümschneider im Landestheater und möchte sich weiterbilden. Da können auch wir Mut schöpfen.

Wäre es etwas anderes, wenn Nina nicht in Folge eines Suizids verstorben wäre? Ändert das die Betrachtung?

Angela: Die Trauer ist sicher dieselbe, aber die persönlichen Schuld- und Schamgefühle machen es anders. Fragen kommen dann auf wie: Warum bin ich für eine Viertelstunde bei ihrem Suizidversuch weggefahren? Warum habe ich nichts erkannt? Nina war lange im Wachkoma. Aber wenn sie gleich gestorben wäre, dann wäre das noch schlimmer.

Warum sprechen Sie von Scham?

Angela: Man fragt sich: Habe ich als Mutter versagt?

Alexander: Oder: Habe ich in dem versagt, was ich aus beruflichem Eifer getan habe (Skisprung-Trainer, Anm.)? Schließlich war ich oft unterwegs. Nina war stolz auf das, was ich getan habe, aber Schuldgefühle sind da.

Eine Partnerschaft wird in solchen Zeiten wohl auch auf eine harte Probe gestellt.

Angela: Wir erleben Partnerschaft neu. Es gab aber sicher auch Zeiten, in denen ich Alex Vorwürfe machte: Warum bist du so oft weg? Wir waren aber beide bereit, uns Hilfe zu holen. Uns war klar: Wenn wir nicht zusammenhelfen, dann zerbricht alles.

Alex: Viele meinten, dass sie es schätzen würden, dass wir zusammenblieben. Wir hatten das Glück, dass es zumeist einem besser ging und der dann den anderen auffing. Das war auch ein Glück.

Das Interview führte Florian Madl