Letztes Update am Mi, 27.12.2017 08:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kuschel Kiste

Eine Profi-Kiste für alle Unterkuschelten

Elisa Meyer kuschelt für ihr Leben gern. Mit der Kuschel Kiste möchte Österreichs erste Profi-Kuschlerin auch der vereinsamten Gesellschaft helfen.

© Elisa Meyer Angezogen ist Kuscheln gar nicht anzüglich. Bei Elisa Meyer (l.) kann man sein Berührungs-Defizit ausgleichen.



Von Theresa Mair

Solange er oder sie gewaschen ist und fein riecht, geht Elisa Meyer mit jedem in die Kis­te. Ein Schelm, wer jetzt an Unanständiges denkt. „Kuschel Kiste“ hat die 31-jährige Deutsche ihren Verein für Profi-Kuschler genannt, ein Netzwerk, das sie vor einem Jahr in Wien gegründet hat.

Über einen Online-Artikel, in dem es um die zehn verrücktesten Jobs ging, sei sie auf die Idee gekommen. Für voll genommen habe sie am Anfang niemand. Jetzt hofft sie, bald vom Kuscheln leben zu können.

Ihr Beruf als Germanistin sei ihr zu kopflastig. „Ich wusste, dass ich etwas Körperliches machen will und dass ich gut kuscheln kann“, schildert Österreichs erste Profi-Kuschlerin, wie vor gut zwei Jahren alles begann. Meyer startete mit Kuschelpartys, bevor sie den Verein gründete. Freunde hätten der Kuschel-Pionierin, die jetzt wieder in Deutschland lebt und schmust, bestätigt, dass sie ein Kuschel-Talent sei. „Ich habe überhaupt keine Berührungsängste.“

In England und den USA, wo das Kuscheln für Geld schon länger praktiziert wird, hat Meyer in Ausbildungen Berührungstechniken gelernt und sich mit den ethischen Kuschel-Regeln vertraut gemacht.

Sie entwarf eine Art Ehrenkodex, der von Kuschlern und Kunden eingehalten werden muss. Die Hose bleibt oben, das T-Shirt an und es ist auch nicht erlaubt, mit der Hand darunterzuschlüpfen. Die Bikini-Zone ist sowieso Sperrgebiet, Küss­chen ins Gesicht verboten. Das alles klären Meyer und die derzeit 13 weiteren Kuschler in E-Mails und einem Vorgespräch ab.

Kuscheln für die Gesellschaft

Wer „nicht angemessen vorbereitet“ ist, also stinkt oder schmutzig ist, wird nachhause geschickt. Es komme schon vor, dass manche berührungstechnisch ganz frech die Grenzen austesten. „Dann mach’ ich ihm die Regeln noch einmal bewusst. Wenn es noch einmal vorkommt, breche ich auch ab.“ Angst vor Übergriffen hat Meyer nicht.

Wer keine Freunde, Familie oder Partner hat, mit dem er kuscheln kann, hat durchaus ein Berührungs­defizit, findet sie.

In Zeiten von Single-Haushalten und drohender Vereinsamung erfülle sie mit ihrem Angebot auch einen gesellschaftlichen Auftrag. „Wir reden da auch von Berührungs­therapie. Es passiert schon, dass beim Kuscheln wie beim Psychologen teilweise die Probleme hochkommen. Bei Fremden ist es, wenn die Atmosphäre passt, oft einfacher zu reden.“ Gekuschelt wird beim Profi-Kuschler daheim, beim Kunden, im Park oder auch im Kino. Ob jemand dünn oder dick, klein oder groß ist, oder das Geschlecht – spielt alles keine Rolle. Auch die Weltanschauung nicht. Meyer würde mit Rechtsextremen kuscheln. „Manche sind ja so komisch drauf und unzufrieden, weil sie keinen zum Kuscheln haben.“

Kuscheln zur Überbrückung

Profi-Kuschler spüren, ob der Kunde eine tröstliche Umarmung braucht oder man sich aktiv mit in den Laken wälzen muss, um ihn aus „seiner Nusschale“ zu locken. Ein Problem trete dabei manchmal auf: „Kunden, die sonst niemanden haben, fixieren sich schon einmal auf den Kuschler. Ich sage dann: Ich bin nicht deine Freundin.“

Die meisten Kuschelbedürftigen sind Männer um die 45, Singles und welche, die nie eine Freundin hatten, oder frisch Getrennte. „Wir sind oft der Übergang zur nächsten Freundin. Sie genießen es, beim Kuscheln einmal keine Leistung bringen zu müssen.“ 50 Minuten Kuschelzeit seien da eher zu kurz. Meyers Maximum war ein Dreieinhalb-Stunden-Kuschelmarathon. Dass es noch mehr Kuschlerinnen als Kuschler gebe, habe nichts mit der männlichen Nachfrage zu tun, sondern eher damit, dass es männliche Profi-Kuschler oft nicht so lange durchhalten, Privates und Berufliches weniger gut trennen können. „Sie haben ihr eigenes Bedürfnis oft noch nicht befriedigt.“ Das kann Meyer nicht behaupten. Ihr Freund ist Kuschel-Profi Sebastian.




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