Letztes Update am Di, 30.01.2018 08:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA/Europa

Bildband „EUSA“: Traditionen mit vertauschten Rollen

In den USA lieben sie es, Dirndl zu tragen, in Europa spielen große Jungs Cowboy und Indianer. Die einen sind von der Kultur der anderen begeistert. Eine Fotografin hat diese Rollenspiele, die meist nur ein romantisches Abbild der Realität sind, auf ihren Reisen dokumentiert.

© EUSA/Naomi HarrisEin junges Mädchen hat sich für das örtliche Maifest fein gemacht. Leavenworth im US-Bundesstaat Washington imitiert ein Bergdorf in den Alpen.



Von Matthias Christler

Willkommen in „Liefenwörs“, dem typischsten Alpendorf außerhalb der Alpen. Es gibt die typischen Häuser mit Satteldach und Holzverbau, jedes Jahr ein Oktoberfest und natürlich einen Christkindlmarkt, dazu kommt ein Nussknackermuseum, das die Alpen-Idylle perfekt macht. Eigentlich heißt der kleine Ort Leavenworth. Weil in den 60er-Jahren ein wichtiger Verladebahnhof geschlossen wurde, drohte Leavenworth zu einer Geisterstadt zu werden. Also entschlossen sich die wenigen verbliebenen Einwohner, die Stadt in ein typisches Alpendorf zu verwandeln. Die Touristen freut’s. Und die Einheimischen auch. Ein Mädchen im Dirndl hält ein Ziegenkitz im Arm. Mehr Kitsch geht fast nicht.

In Brezno in Tschechien wird eine his­torische Schlacht zwischen Soldaten und Indianern nachgestellt.
- EUSA/Naomi Harris

Naomi Harris hat das Foto gemacht, auf dem diese Szene zu sehen ist. Und sie hat viele Fotos in den USA von Orten geschossen, in denen Europa idealisiert wird. Und umgekehrt. Orte in Europa, in denen erwachsene Männer Cowboy und Indianer spielen. Fast zehn Jahre lang reiste sie für ihr Projekt durch die EU und die USA. Im Bildband „EUSA“ hat sie die oft skurrilen Aufnahmen zusammengefasst. „In den USA haben die europäischen Schauplätze fast etwas Märchenhaftes. Und in Europa zeigen die Freizeitparks und Festivals eine anhaltende Begeisterung für ein glorifiziertes Amerika der Vergangenheit“, berichtet Harris von ihren Erfahrungen.

Sie war zum Beispiel in „Pullman City“, einer „typischen“ Westernstadt in Bayern. Die Cowboys von heute können Bullenreiten, sich im Saloon das eine oder andere Bier schmecken lassen und den Abend am Lagerfeuer ausklingen lassen. Wie im Wilden Westen eben.

Für ein holländisches Tulpenfest haben sich junge Frauen in Orange City (Iowa) herausgeputzt.
- EUSA/Naomi Harris

Nicht ganz. Mario Klarer vom Institut für Amerikastudien der Universität Innsbruck spricht wie Naomi Harris von einer idealisierten Darstellung: „In so einer Wes­ternstadt schaut es mit Sicherheit nicht so aus wie im Wilden Westen, sondern so, wie man es im Filmgenre Western eben schon 100-mal gesehen hat“, erklärt er. Das Phänomen, mit dem eigenen Körper in eine andere Realität einzutauchen, habe es auch schon früher gegeben. Klarer spricht das Tableau vivant (französisch für „lebendes Bild“) an, das Ende des 18. Jahrhunderts als Freizeitaktivität in Europa und Amerika immer beliebter wurde. „Diese Darstellungen durch lebende Personen haben sich auch nicht an der Wirklichkeit orientiert, sondern an künstlerischen Abbildungen davon. Es war eine Art Gesellschaftsspiel“, beschreibt Klarer den Versuch von meist Frauen, Gemälde von Künstlern im eigenen Wohnzimmer nachzustellen.

Heute werden die Bilder nachgestellt, die man von der jeweils anderen Kultur hat. Zu später Stunde kann es dann auch in Pullman City, wenn viel Alkohol geflossen ist, schon einmal rauer zugehen. Die ausgelassene Stimmung, die man genauso bei einem Oktoberfest oder einem Wurst-Fest in den USA auf Harris Bildern erkennt, erinnert, für Klarer nicht ohne Grund, an ein Faschingsfest. Er erkennt darin das „Konzept des Karnevalesken, in dem die gesellschaftlichen Normen auf den Kopf gestellt werden“. In der Rolle des anderen kann man sich endlich einmal so richtig gehen lassen.

Das Abtauchen in eine andere Wirklichkeit hat auch andere Gründe, manchmal ist es schon eine Sehnsucht. Mario Klarer erinnert sich an ein Oktoberfest, das er in den 80er-Jahren, als er in Indiana studierte, besucht hat. „Dort haben sich deutschstämmige Emigranten getroffen, um ihre eigenen Traditionen hochzuhalten.“ Es war kein Schauspiel, sondern vielmehr der Versuch, nicht zu vergessen, woher man kommt.




Kommentieren


Schlagworte