Letztes Update am Di, 13.02.2018 08:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kalender

Russlands neuer Kalender: 13 Tage, die es nie gab

Vor 100 Jahren bekam Russland einen neuen Kalender und machte damit einen direkten Sprung vom 31. Jänner auf den 14. Februar. Seitdem lebt das Land zwischen zwei Zeitrechnungen – der julianischen und der gregorianischen. Warum, das erklärt ein Historiker.

© Die Tage zwischen dem 31. Jänner und 14 Februar gab es 1918 in Russland nicht.



Von Evelin Stark

Was in Russland zwischen dem 1. und 13. Februar 1918 geschah, ist schnell gesagt: nichts. Die 13 Tage hat es nämlich nie gegeben. Was das heißt und wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte, die uns bis ins Römische Reich zurückführt.

Von Julius Cäsar im Jahr 45 v. Chr. eingeführt, ist der julianische Kalender einer der ältesten überhaupt. „Er hatte bereits 365 Tage, stimmte astronomisch aber um einige Minuten nicht“, erklärt Kurt Scharr, Historiker für Österreichische Geschichte an der Uni Innsbruck. Das julianische Jahr war nämlich gegenüber dem Sonnenjahr um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang. Das klingt nach einer kleinen Verspätung – dem Nachmittagstermin würde man das allemal verzeihen. Es hatte aber zur Folge, dass bis zum 16. Jahrhundert ein Überschuss von elf ganzen Tagen da war, die Cäsars Schaltjahrkalender nicht mitzurechnen vermochte.

Ende des 16. Jahrhunderts wurde deshalb unter dem Namensgeber Papst Gregor XIII. der gregorianische Kalender eingeführt, der seither auch in Österreich gilt. Ihm liegt eine durchschnittliche Jahreslänge von 365,2425 Tagen (im Gegensatz zu 365,25 Tagen in der julianischen Rechnung) zugrunde. Ganz rücksichtslos wurden hier zehn Kalenderdaten übersprungen und auf den 4. Oktober folgte im Jahr 1582 flugs der 15. Oktober. Den Zahnarzttermin am 11. Oktober konnte man also getrost als erledigt abhaken.

„Die Ostkirche hat diese Reform aber nicht angenommen, weil sie von der katholischen Kirche kam. Damit haben sich gegenüber dem gregorianischen Kalender bis 1918 insgesamt 13 übrige Tage angehäuft“, erklärt Scharr. Die Macht der russisch-orthodoxen Kirche sei damals eben noch so groß gewesen, dass sie auch den Kalender bestimmte.

Etwas problematisch war diese Situation angesichts der Tatsache, dass sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Länder Europas immer mehr annäherten. Es gab Handelsbeziehungen zwischen den Ländern und etwa auch Zugstrecken über die Grenzen hinweg.

Man stelle sich etwa vor, ein Geschäftsmann aus Moskau muss­te am 10. Mai in Berlin sein. Der 10. Mai in Berlin war aber gleichzeitig der 26. April in Russland. Wann sollte unser Moskauer nun losfahren? Und wenn er wieder zurückfuhr, sagen wir am 2. Mai Berliner Rechnung, wann sollte seine Frau in Moskau am Bahnhof auf ihn warten? „Solche Probleme wurden so gelöst, dass in Korrespondenzen und bei Zugplänen immer beide Daten angegeben wurden“, so Scharr.

Irgendwann war damit aber auch genug. Dieser Meinung waren vor allem die Bolschewisten, die sich mit der Oktoberrevolution 1917 an die Macht in Russland putschten und mit der Umstellung zum Kommunismus auch den Kalender auf den gregorianischen umstellten.

So geschah es also, dass auf den 31. Jänner 1918 der 14. Februar folgte und von da an der gregorianische Kalender auch in Russland galt. Allerdings ohne unser geliebtes Wochenende! Die Bolschewiki waren nämlich der Meinung, dass Familienstrukturen genauso altmodisch sind wie mehr als ein freier Tag in Folge. Nach fünf Tagen Arbeit gab es also jeweils nur einen freien. „Raboti, raboti“ war das Motto.

Dass mit der neuen Rechnung gleich auch die Kirchentradition über den Haufen geworfen wurde, kam dem Revolutionsführer Lenin ganz recht. Nicht zuletzt, weil man von 140 kirchlichen Feiertagen im Jahr auf fünf reduzieren konnte. Mit der neuen Zeitrechnung wird seitdem die Oktoberrevolution nicht mehr im Oktober, sondern am 7. und 8. November gefeiert. Ein kleiner Wermutstropfen für eine große Reform.

„Die russisch-orthodoxe Kirche rechnet aber nach wie vor nach dem alten Kalender“, sagt Scharr. So lebt Russland seit genau einem Jahrhundert zwischen zwei Zeitrechnungen: Im Alltag gilt der neue Kalender, die Kirchenfeste folgen aber nach alter Rechnung mit 13 Tagen Abstand. Neujahr kann also zweimal gefeiert werden. Allerdings nur, wenn man kein Problem damit hat, dass das „neue“ Neujahr als Hauptfamilienfest mit üppigem Essen auf das „alte“ orthodoxe Weihnachtsfasten fällt.




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