Letztes Update am Sa, 17.03.2018 12:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Comic

Mehr als ein Comic: Feine Striche, die eine harte Wahrheit erzählen

Das sind doch nur Comics? Nein, es sind Erzählungen in Bild und Text, mit denen auch über sozialkritische Themen berichtet werden kann – wie vom Besuch eines Spitals für mangelernährte Kinder im Land Niger.

Eine Mutter hält ihr Kind im Arm. Das und viele weitere Motive hielt der Grafiker in einem Comic fest.

© Sandro HagenEine Mutter hält ihr Kind im Arm. Das und viele weitere Motive hielt der Grafiker in einem Comic fest.



Schwarz auf weiß stehen sie auf der Seite, Worte, die eine traurige Wahrheit erzählen und vielleicht der Anfang eines tragischen Endes sind: „Der kleine Sani hat hohes Fieber und wird von Durchfall geplagt. Der Malaria-Schnelltest ist positiv." Dieser Text allein, er wird gelesen, vielleicht als schlimm empfunden, aber ehrliches Mitgefühl löst er kaum aus. In Verbindung mit einer Zeichnung schon. Gefühle werden sicht- und spürbar. Die Striche zeigen eine Mutter mit Blick ins Leere, an ihre Schulter schmiegt sich ihr krankes Kind. Es ist eine reale Situation, wie sie der 37-jährige Schweizer Grafiker Sandro Hagen im November in einem Kinderspital in Niger miterlebt hat.

Im Auftrag von „Ärzte ohne Grenzen" sollte er eine Woche lang die Stationen vor Ort für mangel­ernährte Kinder begleiten. Die jährliche Hungerperiode ist verantwortlich dafür, dass 800.000 Kinder in der Region unterernährt sind. Malaria schwächt sie zusätzlich. Die am schwersten erkrankten Kindern werden in das Spital gebracht, wo die Organisation „Ärzte ohne Grenzen" mit Material, Schulungen und Personal hilft und versucht, Leben zu retten. Hagen hat von diesem Kampf um Kinderleben eine Reportage verfasst — in Form eines Comics.

Anfängliche Zweifel

„Ich wusste gar nichts über Niger, und wenn man im Internet googelt, findet man auch nicht allzu viel Positives. Im angrenzenden Nigeria im Süden sind die Boko Haram", erzählt er von anfänglichen Ängsten und Zweifeln, „ob ich eine Geschichte dort finde und ob sie sich auch zeichnen lässt." Es ist ihm gelungen. Ende Dezember erschien das dreiseitige Comic in den Regionalmedien der Neuen Zürcher Zeitung mit den Erlebnissen vom fiebergeplagten Sani und Souley — einem zweiten Kind, dessen Leben, wie Hagen im Comic berichtet, „am seidenen Faden hängt. Weder Mutter noch Tante hatten Hoffnung, dass er die Fahrt (ins Spital, Anm.) überleben würde."

In dem Spital in Magaria nahe der Grenze zu Nigeria ist es Realität, dass nicht alle Kinder gerettet werden können. Wer bei Comics in erster Linie an lus­tige Asterix- oder Mickey-Mouse-Geschichten denkt, wird jetzt die Stirn runzeln und einwerfen, dass die harte Wahrheit nicht in Sprechblasen und Zeichnungen abgehandelt werden sollte. Eine ganze Reihe sozialkritischer Themen in Wort und Strich beweist das Gegenteil. Der Wiener Sebastian Broskwa betreibt einen Comic-Großhandel, er kennt die Szene gut und weiß auch, warum erwachsene Leser und Verkäufer lieber von „Graphic Novel" sprechen: „Es sind eigentlich alles Comics. 'Graphic Novel', also der grafische Roman, ist eher ein Marketingbegriff, der sich bei uns durchgesetzt hat. Stellen Sie sich einen honorigen Doktor vor, der im Buchhandel nach einem Comic fragt — da klingt 'Graphic Novel' besser", erklärt der 41-Jährige die Begriffsdeutung und meint: „Ich sehe Comics als großes Erzählmedium."

Groß, weil man in kaum einer anderen Form der Erzählung so experimentieren kann. Aktuellstes Beispiel ist das Werk „Der Riss" des Fotografen Carlos Spottorno und des Journalisten Guillermo Abril, die ihre Reisen zu den EU-Außengrenzen in ungewöhnlicher Form zusammenfassen. Die Fotos haben sie absichtlich so bearbeitet, damit sie einen Comic-haften Charakter erhalten. „Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Fotostrecke plus Prolog geschafft hätten, so detailliert und genau zu erzählen, wie es mit der 'Graphic Novel' möglich wurde. Und egal, wie gut so ein normales Buch geworden wäre: Ich glaube nicht, dass wir damit ein breites Publikum erreicht hätten", erklärt Spottorno die Wahl des Mediums.

Stoff für „gute" Comic-Leser

Obwohl die Fotos bearbeitet sind, nehmen sie den Szenen von Flüchtlingen im Mittelmeer nicht ihre Wucht. Leicht verdaulich sind sie nicht. Und „nur" weil das Comic aus vielen Bilder mit Textblöcken besteht, heißt das noch lange nicht, dass es leicht verständlich ist. Broskwa sagt, man müsse ein „guter" Comic-Leser sein, damit einen diese Erzählform nicht überfordert. Guter Comic-Leser? „Ja, die sind geübt darin, die Übergänge zwischen den Bildern zu schließen. Bei einem Asterix, wo sich die Übergänge selbst erklären, rollt das Abenteuer ohne Probleme dahin. Aber wenn die Sprünge zwischen den Bildern weiter werden, wird das gemeinsame Erfassen von Text und Bild anspruchsvoll", sagt er.

Wer sich darauf einlässt, bekommt einen realistischen Eindruck von einem Kinderspital in Afrika, von den Außengrenzen der EU und bei einer weiteren Neuerscheinung vom Leben von Anne Frank. Ihr Tagebuch wurde 2017 als Comic-Adaption herausgegeben und wird seither von Kritikern gefeiert. Die Sprache Anne Franks, ihr Humor, ihre Zweifel, ihr zwischenzeitlicher Hass auf die Mutter, ihre Sehnsucht nach der Liebe des Vaters und ihre Ängste werden weder verfremdet noch beschönigt. Die eindringlichen Bilder führen bei einem Werk, das zur Weltliteratur zählt, eine zweite Ebene ein. Das, was man sich vielleicht nicht einmal vorstellen will und wo der eigenen Fantasie Grenzen gesetzt sind, wird einem schonungslos vor Augen geführt.

Pulitzer-Preis für die „Maus"

Das Anne-Frank-Comic folgt der Tradition von hochgelobten Werken, die sich mit der NS-Zeit beschäftigen — wie „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden". Darin thematisiert der Autor Art Spiegelman die Auschwitz-Erlebnisse seines Vaters, 1992 erhält er dafür den Pulitzer-Preis.

Auch eine Österreicherin, die in Wien geborene und heute in Berlin lebende Ulli Lust, hat mit „Flughunde" (2013) einen Beitrag geleistet. Sie erzählt aus Sicht von Helga Goebbels, der Tochter des NS-Propagandaminis­ters, vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Seitdem gilt Lust als eine der wichtigsten deutschsprachigen Comic-Künstlerinnen. „Comics sind ein geeignetes Mittel, um über jedweden Inhalt zu schreiben. Historische Erzählungen lassen sich zeichnerisch gut nachstellen", erklärt sie. Als Vorlage diente ihr bei „Flughunde" ein Roman und sie habe daraus sicherlich kein Jugendbuch machen wollen. „Harte Themen in Bildern zu erzählen, macht sie nicht gleichzeitig leichter verdaulich. Im Gegenteil."

In manchen Zeichnungen, sei es bei Anne Frank oder in Flughunde, blitzt Galgenhumor hervor. Die Botschaft dahinter: In den düstersten Momenten darf man nicht Hoffnung und Humor verlieren. Das zeigte sich genauso im Kinderspital in Magaria. An seinem letzten Tag erlebt Sandro Hagen, wie die Mütter und Helfer ein Fest feiern, um den Zusammenhalt zu stärken. Die letzte Zeichnung seines Comics zeigt diesen hoffnungsvollen Moment, lachende Gesichter von tanzenden Müttern. Dann reist Hagen ab. Es wäre ein schönes Ende seiner Geschichte, ein zu schönes Ende.

In weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund steht unter der Zeichnung: „Da viele Kinder bereits in sehr kritischem Zustand im Kinderspital ankommen, kam in dieser einen Woche für 22 Kinder jede Hilfe zu spät." Er habe nichts beschönigen wollen, nichts dazuerfinden, nichts übertreiben, nichts ausschmücken und deshalb war es ihm wichtig, das zu schreiben. „Wenn Sani und Souley gestorben wären in dieser Woche, hätte ich das auch gezeichnet", sagt Hagen. Sie haben überlebt — wie mehr als 300 Kinder in dieser einen Woche nach einer Behandlung mithilfe der „Ärzte ohne Grenzen". Das hat Hagen nach seiner Rückkehr erfahren und so endet sein Comic, der die harte und auch hoffnungsvolle Wahrheit erzählt. (Matthias Christler)

Hagen macht sich vor Ort Notizen. Wieder zu Hause, setzt er die Eindrücke in der Geschichte "Das Kinderspital in Magaria" um.
Hagen macht sich vor Ort Notizen. Wieder zu Hause, setzt er die Eindrücke in der Geschichte "Das Kinderspital in Magaria" um.
- Lukas Nef

Comics

Der Riss: Ein Fotograf und ein Journalist machen sich für eine spanische Zeitung auf den Weg an die EU-Außengrenzen. Die Fotos wandeln sie in Comic-hafte Bilder um und verarbeiten alles in einer ungewöhnlichen Graphic Novel. „Der Riss“, Carlos Spottorno und Guillermo Abril, avant-Verlag, 2017, 184 Seiten, 32 Euro

Das Tagebuch der Anne Frank: Dieses „Graphic Diary“, also ein grafisches Tagebuch, ist bereits die zweite und dieses Mal auch hochgelobte Comic-Adaption von Anne Franks Werk. Die Originaltexte wurden mit fiktiven Dialogen ergänzt. „Das Tagebuch der Anne Frank“, Ari Folman und David Polonsky, S. Fischer, 2017, 160 Seiten; 20,60 Euro