Letztes Update am Mo, 09.04.2018 15:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Der Froschlotse aus dem Sellrain

Retter vor dem Tod auf der Straße: Zweimal täglich wandert Toni Kuen die Sellraintalstraße entlang, um Frösche in einem Kübel über die Straße zu tragen. Mehr als 2000 Amphibien hat er dieses Jahr bereits auf ihrer Wanderung begleitet.

Mir nach: Dieser Frosch scheint den Artgenossen hinter ihm den Weg zum Laichplatz zu zeigen.

© KuenMir nach: Dieser Frosch scheint den Artgenossen hinter ihm den Weg zum Laichplatz zu zeigen.



Von Philipp Schwartze

Die Melach rauscht das Sellraintal hinab. Wenige Meter daneben tun es ihr die Autos auf der Sellraintalstraße L13 gleich. Dazwischen ein kleiner, fast unscheinbarer grüner Zaun auf einem winzigen Damm, der Bach und Straße trennt. Alle paar Meter sind weiße Kübel auf der Bachseite des Zaunes in den Boden eingelassen.

Es ist April und die letzten Nachzügler der Amphibienwanderung im Sellraintal warten in den Eimern geduldig auf ihren Weitertransport, der an diesem Morgen bereits naht: Anton „Toni“ Kuen wandert zweimal täglich fast zwei Kilometer der Sellrainbundesstraße entlang, um die Frösche aus den Kübeln über die Straße zu tragen.

Endstation: Toni Kuen setzt die tierischen Fahrgäste seines „Kübeltaxis“ im Wald aus.
Endstation: Toni Kuen setzt die tierischen Fahrgäste seines „Kübeltaxis“ im Wald aus.
- Rudy De Moor

„Heute sind nicht mehr viele drin“, sagt der 64-jährige Toni Kuen. Dabei hat er Verstärkung dabei: Frau Waltraud (64) und Enkelin Anna (3), die gerade zu Besuch ist, gehen mit. Dieses Jahr sind die Grasfrösche spät dran, denn der Frost im Februar hat die Amphibien-Wanderungszeit verzögert. „Im März musste ich die Kübel aus dem Schnee ausgraben, am nächsten Tag begann bereits die Wanderung“, sagt Toni Kuen.

Seit acht Jahren spielt der Sellrainer zwischen erster und zweiter Galerie auf der L13 für die Frösche „Kübeltaxi“. „2009 habe ich die vielen toten Frösche auf der Straße gesehen und gewusst, es muss etwas passieren“, erinnert sich der Pensionist. Er stieß bei den Behörden auf offene Ohren, seit 2010 steht im Sellraintal der knapp zwei Kilometer lange Kunststoffzaun und hält die Frösche auf dem Weg zu ihren Laichgebieten auf. In den Kübeln ahnen sie nicht, welch tödlicher Gefahr sie auf der Straße entgehen.

„Als ich 2010 angefangen habe, gab es noch 189 tote Frösche und nur knapp 300 Überlebende. Dieses Jahr habe ich bereits mehr als 2000 über die Straße gebracht“, sagt Kuen, der genau Buch führt. Gleichzeitig versucht er einen Frosch davon abzuhalten, aus dem Eimer zu springen. „Die Sprungkraft ist gewaltig“, kommentiert der seit 1984 im Naturschutz aktive Sellrainer den Ausbruchversuch seines „Taxi-Fahrgasts“. Frau und Enkelin sind indes weiter oben an der Straße mit Fröschesammeln beschäftigt.

Mit diesen Kübelfallen im Boden werden die Amphibien aufgehalten und gesammelt.
Mit diesen Kübelfallen im Boden werden die Amphibien aufgehalten und gesammelt.
- Rudy De Moor

Der Amphibien-Zaun wurde von Land Tirol und EU finanziert. Doch ohne Kuen würde das Sys­tem nicht funktionieren. „Ich bin der Einzige, der das im Sellrain macht. Es braucht aber ein Amphibien-Leitsystem mit Tunneln, denn ewig geht es nicht weiter“, meint der 64-Jährige auch im Hinblick auf sein Alter. Er ist aber guter Dinge, dass die Grasfrösche eines Tages allein unter der Straße hindurchwandern können.

„Das Amphibien-Leitsystem im Sellrain ist finanziell noch nicht fixiert, aber in Planung“, bestätigt Harald Pittracher von der Abteilung Umweltschutz des Landes Tirol. Ein solches System ist seit Sommer in Matrei in Osttirol in Betrieb. Kleinere Zäune sind in Mieming und am Natterer See geplant. „Wenn wir die Meldung erhalten, dass an einem Ort besonders viele Amphibien überfahren werden, schicken wir einen Experten hin. Wir sind in ganz Tirol vor allem auf die Freiwilligen vor Ort angewiesen.“

In einem Tümpel haben Grasfrösche den Laich abgelegt.
In einem Tümpel haben Grasfrösche den Laich abgelegt.
- Rudy De Moor

Menschen wie Toni Kuen. Wer weiß, ob Enkelin Anna einmal in die Gummistiefel-Fußstapfen ihres Großvaters tritt, auch wenn die Begeisterung bei den Jüngsten da ist. „Kinder sind fasziniert und fragen mich aus, mit super Fragen. Erst kürzlich kam eine Familie mit einem Bub, der alles über die Frösche wissen wollte“, sagt Kuen. Solche Begegnungen rühren den Sellrainer, dem generell viele positive Rückmeldungen zu Ohren kommen. 2015 erhielt er sogar den „Greenerino“, den Eurotours-Umweltpreis.

„Das war eine Überraschung. Aber um die Auszeichnung geht es mir nicht“, stellt er klar, und stapft den kleinen Damm entlang zum nächsten Kübel.

Direkt vor der Ehrung im Jahr 2015 hatte die Hochwasserkatastrophe im Sellrain großen Schaden angerichtet. Auch die Amphibien-Schutzzäune und der Damm wurden weggespült. Die Wassermassen zerstörten zudem zwei Tümpel, in denen die Frösche laichen konnten. Doch Kuen, dessen Keller damals mit Wasser volllief, ließ sich nicht unterkriegen. 2016 war alles wieder aufgebaut, an die 1000 Frösche wurden direkt darauf gerettet.

Dabei handelt es sich hauptsächlich um Grasfrösche. Jene Art, die zum Lurch des Jahres 2018 ernannt wurde. „Die kommen bis auf 2000, 2500 Meter hinauf“, erklärt Kuen. Andere Arten tun sich im Gebirge dagegen schwerer, leben lieber im Tal.

Größenvergleich: Ein Grasfrosch in den Händen von Naturschützer Toni Kuen. Über 2000 Tiere hat er dieses Jahr im Sellraintal über die Straße gebracht.
Größenvergleich: Ein Grasfrosch in den Händen von Naturschützer Toni Kuen. Über 2000 Tiere hat er dieses Jahr im Sellraintal über die Straße gebracht.
- Rudy De Moor

„Drei Stück waren im 29er“, ruft Waltraud Kuen, als sie, mit Enkelkind an der Hand, die Straße herab kommt. 33 Auffangbehälter sind dieses Jahr aufgestellt, jeder Einzelne ist nummeriert und wird genau dokumentiert. „Die Daten gebe ich an das Land weiter“, sagt Kuen mit dem Statistikbogen in der Hand. Sein Rekord waren dieses Jahr 420 Frösche, die er an einem Vormittag in drei Stunden über die Straße brachte. „Die Population ist gesund und wächst“, freut sich der ehemalige Postler. Tote Frösche gäbe es nur noch ganz selten.

Doch nicht alle Nachrichten aus der Amphibienwelt sind so positiv. Alle Amphibien-Arten Österreichs sind bedroht. „Vor allem die Zerstörung der Lebensräume und deren Zerschneidung durch immer mehr Verkehrswege bedroht die Amphibien“, sagt der Absamer Biologe Florian Glaser. Besonders im Tal wird es für sie eng. Dem stimmt Pittracher zu. Er verhandelt über eine Lösung für die Kreuzkröte an ihrem einzigen Standort in Tirol, nahe einer Deponie in Breitenwang. „Amphibien sind stark im Rückzug“, sagt Pittracher. Umso wichtiger sei ihr Schutz.

Neben Straßen sind auch Weideroste eine Falle für Amphibien. Deshalb wurden vom Land Tirol Ausstiegshilfen – Lochbleche – entwickelt und finanziert. Über sie können die kleinen Tiere sicher auf die andere Seite gelangen.

Der Wirtsee ist das Ziel ihrer Reise.
Der Wirtsee ist das Ziel ihrer Reise.
- Kuen

Auch Amphibienteiche wurden an vielen Orten in Tirol extra angelegt, wie Glaser berichtet. Doch immer wieder setzen Menschen ihre Goldfische dort aus. Die verdrängen dann Amphibien. Nicht zu vergessen Krankheiten, wie etwa Chrytridiomykose, die den gebeutelten Tierchen den Rest geben, für eine hohe Bedrohung und sinkende Populationen sorgen.

Großen Respekt zollt Glaser Toni Kuens ehrenamtlichem Einsatz. „Sein Engagement ist total wichtig. Er macht das allein, normal teilen sich das Sammeln bei Schutzzäunen mehrere Personen auf. Noch dazu ist er an einer nicht nur für Frösche, sondern auch für Menschen gefährlichen Straße unterwegs.“

Über besagte Straße bringt Kuen gerade die Frösche, Frau und Enkelin hat der Sellrainer eine Pause gegönnt. Mit dem Kübel in der Hand geht es auf der anderen Seite den Wald hinauf. „Dort oben sind wir weit genug weg von der Straße. Den restlichen Weg zum Wirtsee klettern sie allein.“ Insgesamt überwinden die Tiere bei ihrer Wanderung 250 Höhenmeter. Der See – rund 1500 Quadratmeter groß – ist das bevorzugte Laichgebiet der Grasfrösche in dieser Gegend. Er stammt aus der Eiszeit. Bei der steigenden Frosch-Population dürften hier bald Platzprobleme auftauchen, mutmaßt jedoch Kuen.

Mit dem leerem Eimer steigt der 64-Jährige zurück zur Straße hinab. „Es ist schon fordernd. Aber ich bewege mich viel und bleibe dadurch fit.“ Langweilig wird dem Pensionisten auch außerhalb der Amphibienwanderungszeit nicht. „Bald erscheint ein neuer Vogel-Brutatlas. Dazu will ich beitragen“, sagt er. Die Idee, ein Buch über die Froschwanderung zu schreiben, schwirrt ihm auch im Hinterkopf herum. „Aber das ist sehr aufwändig.“

Jetzt muss er ohnehin erst die restlichen sechs Kübel auf dem unteren Abschnitt der L13 leeren. Eine Woche lässt er sie noch offen, damit alle Nachzügler sein „Kübeltaxi“ zum Laichgebiet erwischen. Dann ist die große Wanderung der Amphibien vorbei.

Wie die Frösche im Herbst von den Laichgebieten in ihr Winterquartier unter den Steinen der Melach zurückkommen, ist auch Experten nicht bekannt. Irgendwie schaffen es die Tiere in den Bach – ohne auf der vielbefahrenen Straße überfahren zu werden. „Ich habe auf der anderen Seite der Straße im Herbst extra einmal Kübel aufgestellt. Aber da waren keine Frösche drin“, berichtet Kuen. Eines aber ist sicher: Auch im nächsten Frühjahr brechen die kleinen Tiere wieder zum Laichen auf. „Kübeltaxi“ Toni wird sie sicher über die Straße bringen.

Besonders bedrohte Amphibien in Tirol

Kreuzkröte. Sie kommt in Tirol nur im untersten Lechtal – von Reutte bis Füssen – vor. Am liebsten mag sie Steinbrüche und Auwälder. In Bayern ist sie verschwunden.

Laubfrosch.

Früher in Tirol weitverbreitet, kommt der Laubfrosch inzwischen nur noch an wenigen Standorten vor.

Wechselkröte.

Regulierte Flussläufe machen der früher im Inntal stark vertretenen Wechselkröte zu schaffen. Restbestände konnten sich nur in Schottergruben des mittleren Inntals halten.

Gelbbauchunke.

Ihr Bestand ist stark zurückgegangen. Im Großraum Innsbruck gibt es nur noch eine größere Population. Eine Pilzerkrankung macht ihr zu schaffen.

Kammmolch.

Der „Wasserdrache“ ist stark gefährdet. Nur in wenigen Tümpeln im unteren Lechtal und Unterinntal gibt es den Nördlichen Kammmolch. In Osttirol lebt ein kleiner Restbestand des Alpenkammmolchs.

Feuersalamander.

Der gelbgetüpfelte Waldbewohner kommt in Tirol v. a. in Osttirol und dem östlichen Nordtirol vor. Es gibt Anzeichen für eine schwindende Anzahl.

Kleiner Wasserfrosch.

Die Art kommt nur noch an wenigen Moorgewässern in den Bezirken Kitzbühel und Kufstein vor.




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