Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.04.2018


TT-Tourentipp

Der Zahme und die Wilde

Im Bereich der Langtalereckhütte im hinteren Ötztal herrschen noch traumhafte Skitouren-Bedingungen. Die Hochwilde und der Annakogel sind zwei mögliche Tourenziele.

© flexÜber den Langtaler Ferner wird aufgestiegen, in der Mitte die Hochwilde.



Obergurgl – Seit mehr als vier Jahrzehnten bewirtschaftet Familie Gufler aus Längenfeld die Langtalereckhütte im hinteren Ötztal. Von Obergurgl aus über mehrere Zustiege erreichbar, liegt das Schutzhaus mit mehr als 70 Schlafmöglichkeiten idyllisch am Fuße zwischen dem Langtaler bzw. Gurgler Ferner auf 2450 Metern Seehöhe.

Eine Etage höher, auf 2885 Metern, in südlicher Richtung gelegen, befindet sich eine weitere Hütte: das Hochwildehaus. Auch diese Hütte wurde über 30 Jahre lang liebevoll von Familie Gufler geführt. Wurde, denn seit mehr als zwei Jahren ist diese Hütte geschlossen. „Der Permafrost und die damit entstandenen Schäden machen die Hütte unbewohnbar“, erklärt uns Senior-Hüttenwirt Sigi Gufler. Und: „Eine Sanierung ist momentan nicht angedacht.“ Damit bleiben die Türen der Hütte wohl noch länger verschlossen.

In der Region Obergurgl und seinen Seitentälern gibt es noch genügend Schnee, welcher bei zeitigem Aufbruch und rechtzeitiger Abfahrt ein echter Leckerbissen für Firnfahrer ist. Da der Liftbetrieb bereits eingestellt wurde, ist das Gebiet somit einzig und alleine Skitourengehern vorbehalten. Das Wetterbericht ist gut. Also starten wir kurzerhand hinein zu Familie Gufler auf die Langtalereckhütte – zwei Tage lang und nützen dabei als „Firnfreaks“ die Topbedingungen aus.

Track für die Tour:

Ein Klassiker und vielleicht eine der schönsten Runden von der Langtalereckhütte aus ist die Tour über den Langtaler Ferner hinauf zum Nordgipfel der Hochwilde, von dort kurz bergab, wieder mit Skiern hinauf auf den Annakogel, bevor es über die weiten Flächen des Gurgler Ferners und einer imposanten Schluchtenabfahrt zurück in Richtung Langtaler­eckhütte geht.

Der Klettersteig zur Hochwilde, Trittsicherheit ist erforderlich.
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Unterschätzen sollte man die Tour nicht. Insgesamt sind es fast 20 Kilometer, die eine Packung an Kondition, sicherer Skitechnik und vor allem Trittsicherheit bei der Besteigung der Hochwilde erfordern. Wie kommt man zur Langtalereckhütte? Wir sind diesmal über das Rotmoostal und das Eiskögele aufgestiegen (1320 Höhenmeter, Gehzeit ca. 3,5 Stunden, schwierig). Eine Option, bei der man allerdings gleich einen Gipfel mitnimmt und bereits im Hochebenkar in den Genuss einer herrlichen Abfahrt zur Hütte kommt. Der „normale“ Winterzustieg erfolgt von Obergurgl aus über die Schönwieshütte und von dort entlang des Sommerweges (750 Höhenmeter, Gehzeit ca. 2,5 Stunden).

Doch nun zurück zur Tour auf die Hochwilde und zum Annakogel: Der Wecker klingelt. Es ist 5 Uhr. Wir haben gut geschlafen und dies war bei so mancher bisherigen Hüttenübernachtung nicht immer der Fall. Zähne putzen, denn das Frühstück auf der Langtalereckhütte steht schon bereit. Sigi Gufler ist um diese Zeit längst auf den Beinen und gut gelaunt, wie man hört. Halblaut summt er ein Volkslied vor sich hin und füllt uns eine Kanne mit Kaffee. „Und wohin geht’s heute?“ „Hochwilde und Annakogel“, antworten wir. „Gewaltige Tour, ihr werdet schon sehen“, schmunzelt Gufler und gibt uns noch einige Tipps.

6 Uhr: Was zeigt das Thermometer? Minus 4 Grad. Perfekt. Es ist gut durchgefroren. Pickel, Klettergurt, Steigeisen und eine Bandschlinge mit Karabiner und die Harscheisen sind im Rucksack. Es geht los: Aufgefellt haben wir noch nicht, denn von der Hütte weg rutschen wir zuerst mit etwa 80 Meter Höhenverlust leicht bergab und schräg hinein ins Langtal. Bei dieser Querung ist Vorsicht geboten.

Im Langtal angekommen, folgen wir nun aufgefellt den alten Spuren flach in Richtung Süden. Vorbei an einer Gletscherhöhle (rechts) und ohne nennenswerten Höhengewinn bis zu Beginn des Langtaler Ferners. Die Hochwilde haben wir von nun an ständig im Blickfeld. Es wird etwas steiler. In einem weiten Rechtsbogen geht’s weiter, einige Spalten umgehend, bis eine knackige Steilstufe uns erwartet. Spitzkehre für Spitzkehre bringen wir uns über diese nach oben auf die Scharte und den Gurgler Ferner und folgen nun dem breiten Rücken in südlicher Richtung zur Hochwilde. Skidepot. Jetzt wird es spannend. Auf den Nordgipfel der Hochwilde führt ein Klettersteig hinauf. Auch wenn der Aufstieg nur etwa 25 Minuten in Anspruch nimmt, der Anstieg zum Gipfelkreuz hat es in sich. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und der sichere Umgang mit Steigeisen auf Fels sind absolute Voraussetzung, ein Sicherungsset oder Ähnliches ist empfehlenswert. Wer es letztendlich bis auf den Gipfel schafft, der wird mit einer Megaaussicht belohnt.

Der Ausgangspunkt: die Langtalereckhütte.
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Zurück beim Skidepot. Die Hälfte der Tour ist in etwa geschafft. Es geht in die erste Abfahrt. Über herrliches Gletschergelände des Gurgler Ferners schwingen wir hinunter bis zur Einsattelung zwischen Mitterkamm und Annakogel (3333 Meter), bevor erneut aufgefellt wird. Im Gegensatz zur Hochwilde ist der Annakogel leicht und sogar mit Skiern zu besteigen. Was die Aussicht betrifft, steht sie der Hochwilde kaum nach. Die Gehzeit ab der Einsattelung beträgt etwa 20 Minuten.

11.30 Uhr: Es ist an der Zeit abzufahren. Wir haben gerade den richtigen Moment erwischt. Direkt vom Gipfel des Annakogels folgen wir bei traumhaftem Firn den schier unendlichen Weiten des Gurgler Ferners hinunter zum Hochwildehaus und von dort weiter durch die Schlucht bis in den Talkessel.

Bei der Durchfahrt durch die Schlucht ist noch einmal Vorsicht geboten und man sollte auf keinen Fall zu spät am Weg sein – eine wirklich unbeschreibliche Abfahrt. Der einzige Wermutstropfen: Wir müssen noch einmal auffellen und etwa 150 Höhenmeter zur Langtalereckhütte aufsteigen. Doch nach so einer grandiosen Tour nehmen wir das gerne in Kauf. 12.30 Uhr und sechseinhalb Stunden später: Wir sind zurück bei der Langtalereckhütte. Der gemütliche Teil kommt und auf den haben wir uns gefreut: Auf der Sonnenterrasse vor der Hütte zischt das erste Weizenbier mindestens gleich gut wie der Schnee bei unserer sensationellen Firnabfahrt. Herrlich.

Inzwischen ist auch Georg Gufler auf der Hütte eingetroffen. Einer der Söhne von Sigi Gufler. Er ist als Pächter in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Für einen netten und ausgiebigen Plausch nimmt auch er sich Zeit für uns, bevor wir uns verabschieden. Zurück nach Obergurgl geht’s über den Sommerweg, der noch in bestem Zustand ist. Fazit: Wer noch in den Genuss einer tollen Hochtour kommen will, ist mit der Langtalereckhütte gut beraten. Die Hütte hat noch bis mindestens 1. Mai, bei guten Verhältnissen auch noch länger geöffnet. (flex)

Über den Langtaler Ferner wird aufgestiegen, in der Mitte die Hochwilde (1). Der Klettersteig zur Hochwilde, Trittsicherheit ist erforderlich (2), der Ausgangspunkt: die Langtalereckhütte (3).Fotos: flex
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