Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.04.2018


Exklusiv

Schulforscher spricht sich für Gleitzeit an Schulen aus

Im Mai ist fast jedes Wochenende durch einen Feiertag verlängert. Haben Schüler zu viele Ferien? Ist das lernschädlich? Schulforscher Michael Schratz fordert neuen Lernrhythmus.

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© Julia HammerlaSymbolbild



Wie sehen Sie die derzeitige Ferienordnung?

Michael Schratz: Wir haben recht lange Sommerferien, aber nicht die längsten. Die Semesterferien sind mit einer Woche eher kurz.

Sind 9 Wochen Sommerferien noch zeitgemäß?

Wer die Ferien richtig genießt, kann sich auch von der Schule erholen. Michael Schratz glaubt, dass die Schüler sich dann wieder auf den Unterricht freuen, weil sie wissbegierig sind.
Wer die Ferien richtig genießt, kann sich auch von der Schule erholen. Michael Schratz glaubt, dass die Schüler sich dann wieder auf den Unterricht freuen, weil sie wissbegierig sind.
- Uni Innsbruck

Schratz: Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Entwicklung haben sich die Zeiträume für die Schulferien wenig geändert. Dies bietet vielen Jugendlichen die Möglichkeit zur Wahrnehmung von Sommerjobs, insofern profitieren viele davon.

Arbeitnehmer haben nur rund fünf Wochen Urlaub.

Schratz: Immer mehr Erziehungsberechtigte tun sich schwer, für ihre Kinder eine Beaufsichtigung in der schulfreien Zeit zu finden. Früher waren einzelne Familienmitglieder zur Versorgung der Kinder da, das nimmt rapide ab. Es bildet sich ein „freier Markt" für Sommeraktivitäten, den unterschiedliche Anbieter nutzen.

Entsprechen die Ferien dem Lernrhythmus?

Schratz: Die Ferien richten sich leider nicht nach dem idealen Lernrhythmus. Der bekannte Bildungsforscher Hattie bezeichnet die Ferien sogar als „lernschädlich", wobei er von den mehrmonatigen Ferien in den USA ausgeht. Davon sind wir aber nicht weit entfernt. Wichtig erscheint mir ein natürlicher Wechsel zwischen intensiven Phasen der Auseinandersetzung mit der Erarbeitung von Wissen und dessen Anwendung.

Wie sinnvoll sind generelle Herbstferien?

Schratz: Sie sind zu befürworten, wenn das Schuljahr nicht erst im Herbst beginnt — ansonsten machen sie keinen Sinn.

Steckbrief

Michael Schratz, geboren 1952 in Graz, ist Erziehungswissenschafter, Schulpädagoge und Professor an der Universität Innsbruck. Er ist Gründungsmitherausgeber mehrerer Fachzeitschriften (Journal für Schulentwicklung, Lernende Schule). 2011 wurde ihm der Titel Professor honoris causa von der Universität Bukarest verliehen.

Man hat den Eindruck, dass Schüler eine Woche vor Schulschluss wenig tun, und eine Woche nach Beginn auch. Braucht es das Hinein- und Herausgleiten?

Schratz: Diese „Gleitzeiten" sind schulorganisatorisch bedingt, sie sollten aber nicht zu Phasen des „Wenigtuns" werden. Viele Schulen nutzen diese Möglichkeit für vielfältige sinnvole Aktivitäten.

Sie sagen, die Rhythmisierung ist auch über den Tag nicht optimal. Wäre ein späterer Schulbeginn besser?

Schratz: Es geht nicht nur um den Beginn, sondern auch um eine lernunterstützende, abwechslungsreiche Verteilung von Aktivitäten über den Tag hinweg. Ist dies nicht der Fall, kommt es zu hohen Beanspruchungszeiten am Vormittag. Der Einstieg in den Tag wird an Schulen als produktiv erlebt, wenn es eine Gleitzeit gibt, bei der man sich einstimmen, auch Auskünfte bei ungelösten Problemen erhalten kann. Eine kluge Rhythmisierung ist nur im verschränkten Ganztagsbetrieb möglich.

Was wäre eine sinnvollle Ferienordnung?

Schratz: Für Schüler ist es wichtig, Abstand von Arbeitsroutinen zu erhalten. Bei längerer Unterbrechung von intensiven Lernphasen zeigt sich, wie nachhaltig das Gelernte wirkt. Unterschiedliche Aktivitäten in der freien Zeit tragen zur Belebung entsprechender Hirnaktivitäten bei. Zu lange Unterbrechungen können bei Kindern, die sich schwertun, zum Vergessen beitragen, wenn das Gelernte nicht belebt wird.

Gewöhnt man sich ans Nichtstun?

Schratz: Viele Schüler freuen sich auf den Unterricht, damit sie ihre Wissbegierde stillen können. Wenn diese nicht vorhanden ist, tut sich die Schule mit der Motivation der Kinder schwer. Meine Vorstellung von Schule ist die, bei der die Schüler das Gefühl haben etwas zu versäumen, wenn sie nicht hingehen.

Das Gespräch führte Alexandra Plank




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