Letztes Update am Mo, 14.05.2018 08:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bauboom

Der Erde geht der Sand aus

Es klingt wie ein schlechter Scherz: Es gibt immer weniger Sand auf der Welt. Dabei würde man meinen, es gäbe ihn wie Sand am Meer! Doch die kleinen Körnchen sind nach Wasser der wichtigste Rohstoff, vor allem für die Bauindustrie.

© iStock



Von Evelin Stark

Türkisblaues Meer, weißer Sandstrand und Kokospalmen – so sieht er aus, der perfekte Strand. So kennen wir ihn aus der Werbung, aus Zeitschriften oder dem ein oder anderen Urlaub. Bald könnte damit aber Schluss sein. Jeden Tag karren Lkw Tonnen von Strandsand davon, saugen riesige Schwimmbagger den Meeresboden rund um den Globus an und transportieren ihn zu Baufirmen auf der ganzen Welt.

Für Baubeton verwendbares Material ist nur der Sand aus dem Meer bzw. aus Flüssen. Die feinen Körnchen aus der Wüste eignen sich nicht – sie sind zu glatt. Deshalb können Sand und Kies im alpinen Raum wie Tirol sogar vor Ort abgebaut werden, denn auch hier sind die Körner scharfkantig und machen den Beton so belastbar, wie es ihn braucht. Alternativen wie Polymerbeton oder Sand aus Altglas befinden sich derzeit in der Testphase.

Die UNEP, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, schätzt, dass weltweit jedes Jahr 40 Milliarden Tonnen Sand verbraucht werden. „Im asiatisch-pazifischen Raum wird mit Abstand am meisten abgebaut, gefolgt von Europa und Nordamerika“, sagt Aurora Torres. Sie ist Wissenschafterin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die Umwelt

Die Spanierin leitet seit 2015 eine Forschungsgruppe mit Wissenschaftern verschiedener Unis der USA. Das Ziel: Man will eine integrative Perspektive auf die weltweite Verwendung von Sand und deren ökologische und wirtschaftliche Folgen im Zusammenhang aufzeigen. Sand komme nicht nur als Baumaterial, sondern auch bei Strandaufschüttungen, in der Schiefergasförderung und der Herstellung vieler Produkte, etwa in der Elektronik, zum Einsatz.

„Blickt man auf die Märkte, lässt sich feststellen, dass der Handelswert von Sand in den letzten 25 Jahren fast um das Sechsfache angestiegen ist und Sand sich zu einem zunehmend globalisierten Rohstoff entwickelt hat, mit den USA als größtem Exporteur und Singapur als größtem Importeur“, so die Expertin.

Mensch und Tier

Der Inselstaat Singapur ist klein, seine Einwohnerzahl wächst aber stetig. Der einzige Platz, der noch verfügbar ist, ist das Meer. So wird aus den Nachbarländern Malaysia, Indonesien und Kambodscha Sand importiert und die Küsten damit aufgeschüttet und neue Hochhäuser gebaut.

Der intensive Abbau bleibt aber auch nicht ohne Konsequenzen für Natur und Mensch, erklärt Torres am Beispiel des Mekong-Deltas in Vietnam. Hier wird das Grundwasser knapp und das Meerwasser dringt in das Landesinnere, wodurch der Boden unfruchtbar wird: „Das betrifft grundsätzlich alle Gebiete, wo großflächig Sand abgebaut wird“, erklärt die Forscherin. Andernorts senken sich wiederum die Küsten ab, wodurch der Schutz vor Tsunamis und starkem Wellengang schwinde.

Sandgewinnung stelle eine ernsthafte Gefahr für die Biodiversität (biologische Vielfalt) der Natur dar: „Der Gangesgavial zum Beispiel ist eine in asiatischen Flüssen heimische, stark bedrohte Krokodilart, die durch die Sandgewinnung zunehmend gefährdet ist. Diese Spezies ist vornehmlich auf Sandbänken anzutreffen, die durch den Abbau zerstört oder abgetragen werden“, sagt Torres.

Das Kernproblem bleibt: Meeressand ist zu billig, als dass sich ökologische Alternativen wie Altglas- und Polymerbeton in der Bauindustrie lohnen. Dennoch ist die Sanduhr am Auslaufen und der sprichwörtliche Sand am Meer ist bald nicht mehr da.

Sandstaat Singapur

Beliebter Rohstoff

Traumstrand La Pelosa

Bedrohte Tiere




Kommentieren


Schlagworte