Letztes Update am Mi, 16.05.2018 09:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Die Büchereien schlagen ein neues Kapitel auf

2500 Quadratmeter groß und ein Treffpunkt für alle: Die neue Innsbrucker Stadtbücherei, die heuer eröffnet wird, nimmt es mit den besten der Welt auf. Ihr Beispiel zeigt: Um Besucher anzulocken, muss eine Bibliothek mehr bieten als der Buchverleih aus vergangenen Zeiten.

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Von Deborah Darnhofer, Kathrin Siller und Philipp Schwartze

Als die Innsbrucker Stadtbücherei vor 20 Jahren in die Colingasse übersiedelte, war das ein „Quantensprung“, sagt deren heutige Leiterin Christina Krenmayr. Endlich fanden die vielen Bücher einen angemessenes Zuhause. Der Zahn der Zeit nagte allerdings auch an dem hübschen Innenhof-Gebäude. Und so wirken die Räumlichkeiten mit den grünen Lampen, dem blassroten Teppich und den Regalen auf Rollen heute verstaubt.

Der nächste Quantensprung steht allerdings kurz bevor: Das Innenleben der neuen Bücherei in der Amraser Straße existiert bislang zwar nur als Modell, doch bereits Ende des Jahres wird sie komplett bestückt sein. Deswegen ist Krenmayr in Aufbruchsstimmung. Denn vieles wird besser und schöner werden: Zu den momentan acht Mitarbeitern kommen 16 neue dazu, die 690 Quadratmeter werden gegen 2500 eingetauscht. Die 60.000 Medien (u.a. Bücher, Hörbücher, CDs, DVDs), die momentan auf willige Ausleiher warten, sollen innerhalb der nächsten sechs bis sieben Jahre an der 150.000-Marke kratzen. Pro Einwohner macht das cirka ein Medium. Um 16 Millionen Euro kaufte die Stadt die Räumlichkeiten, zwei Millionen Euro kostet der Ausbau samt Ankauf der Medien.

Die neue Innsbrucker Stadtbücherei wurde von den LAAC Architekten aus Innsbruck geplant.
- LAAC

Zum Vorbild nahmen sich Krenmayr und ihre Kollegen die Bücherei von Aarhus in Dänemark. Der futuristische Bau, in dem Groß und Klein aufeinandertrifft, Menschen arbeiten, essen, abhängen, gilt als „State of the Art“. „Die Aufgaben einer Bücherei haben sich einfach verändert“, bringt es Krenmayr auf den Punkt. „Früher waren Büchereien reine Wissensspeicher. Heute sind sie öffentliche Begegnungsräume, wo sich Menschen aufhalten, ohne etwas konsumieren zu müssen.“ Lern- und Arbeitsplätze, Loungesessel, Kaffeehaustische, Lesenischen und Sitz-Podeste sollen in die neue Bücherei locken.

Lesestoff für 91.200 Tiroler

Laut der österreichischen Büchereilandkarte des Bundeskanzleramtes gibt es tirolweit rund 200 öffentliche Büchereien mit jährlich 91.200 Nutzern und 1200 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Mit mehr als 3,5 Millionen Büchern und Bänden sowie 84 Datenbanken ist die Universitäts- und Landesbibliothek für Tirol die größte Bibliothek Westösterreichs und die drittgrößte Österreichs. An sieben Standorten in Innsbruck finden sich schon über 125.400 elektronische Zeitungen, Journale und E-Books. Die Bibliothek verzeichnet über 25.000 Kunden. Wer schon einmal im großen Lesesaal gesessen hat, weiß, wie’s dort wuselt.

Die Kinder können sich in spezielle Lesenischen zurückziehen.
- LAAC

Dass sich Bibliotheken immer mehr zu öffentlichen Treffpunkten entwickeln, beweist auch die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) in Wien, die heuer ihr 650-Jahr-Jubiläum feiert. Im letzten Jahr erlebte sie einen wahren Besucheransturm: Insgesamt wurden 438.963 Menschen registriert, das sind um 23 Prozent mehr als noch 2016. Die ÖNB sei „eine Kultureinrichtung, die stets aufs Engste mit der politischen Geschichte des Landes verbunden war“, sagt Generaldirektorin Johanna Rachinger. „Unsere Geschichte lebt“, lautet demgemäß das Motto der Feierlichkeiten.

Rachinger blickt mit ihrem Team nicht nur zurück. In ihrer 2012 erschienenen „Vision 2025. Wissen für die Welt von morgen“ beschreiben die ÖNB-Verantwortlichen Zukunftsperspektiven: Die Bibliothek soll freien Zugang zu Wissen sowie Innovation und Bildung ermöglichen. Bis 2025 sollen etwa alle Bestände digitalisiert werden.

Auch in der Innsbrucker Stadtbücherei betrachtet man die Digitalisierung eher als Bereicherung denn als Bedrohung: „Bereits heute haben wir 15.000 E-Medien, Tendenz steigend. Außerdem schätzen die Innsbrucker das Angebot der Arthousefilme, die sie nicht auf Netflix und Co. zu sehen bekommen“, berichtet Krenmayr.

„Anders als auf Amazon sind unsere Mitarbeiter greifbar, können Bücher empfehlen, bei der Suche helfen. Es gibt Mitglieder, die sich jeden Tag ein neues Buch ausleihen und sich über das Gelesene einfach gerne unterhalten“, so Krenmayr. Das Bedürfnis nach persönlicher Ansprache stirbt eben nie aus. Auch Kinder und Jugendliche haben nicht nur Smartphones im Kopf. Man müsse sie halt neugierig machen, ist Krenmayr überzeugt. Deswegen werden sich künftig zwei Mitarbeiter um das Kinder- und Jugendprogramm kümmern.

Das „Wohnzimmer“ der Telfer

Gelebt wird die moderne Bibliothek, mit Angeboten über das Ausleihen hinaus, bereits in Telfs. In der Bibliothek und Spielothek, die von der Gemeinde unterstützt wird, bieten 29 ehrenamtliche Mitarbeiter und Bibliotheksleiterin Nadja Fenneberg mehr als nur Bücher: Lesetreffen für jeden und nicht nur für Literaturkenner, Angebote für Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Lesungen machen die Bibliothek mit ihren 15.000 Medien – neben Büchern auch 600 Spiele, viele Zeitungen, DVDs und CDs – zu einem Ort der Begegnung, einem „öffentlichen Wohnzimmer“, wie es die Leiterin nennt.

„Wer heute nur Bücher als Dienstleistung über die Theke reicht, kann als Bibliothek nicht überleben“, sagt die Telferin. Besonders wichtig sind in der heutigen Zeit Lesungen, beworben werden sie in Telfs auch auf Facebook. „Die Leute wollen die Personen hinter den Büchern – die Autoren – kennen lernen“, sagt Fenneberg. Die Lesungen selbst kosten in Telfs keinen Eintritt, denn jeder soll Literatur erfahren können. Bei der Gemeinde will die 46-jährige Telferin deshalb aber nicht dauernd um mehr Geld betteln. So entstand die Idee, bei den Lesungen spezielle, zum jeweiligen Autor passende Cocktails zu verkaufen. Die Vorbereitungen für den Joe-Fischler-Cocktail für Juli laufen bereits – noch ist er aber geheim. „Beim ersten Mal haben uns die Menschen die Cocktails richtig weggetrunken“, lacht Fenneberg. Zu Uli Brées Lesung traf dann „Malakoff-Torte auf Speckbrot“, dazu gab es Musik. „Wir sind ein Ort der Bildung, der Kultur und der Integration – ohne Konsumzwang“, erklärt sie. 850 aktive Leser pro Monat danken es.

Die Bibliothek hat – vielfachem Abgesang zum Trotz – Zukunft. Mit neuen Konzepten und viel Einsatz: 3000 ehrenamtliche Arbeitsstunden kommen etwa in Telfs pro Jahr zusammen. „Als ich vor zehn Jahren Leiterin geworden bin, hat man gesagt: Jetzt kommen die E-Books, dann braucht es keine Bibliotheken mehr“, sagt Fenneberg. Doch die Besucherzahlen steigen. „Bibliotheken boomen. Ich bin gespannt auf die neue in Innsbruck und freue mich über jeden Quadratmeter Bibliothek, der dazukommt.“




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