Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.05.2018


Bezirk Reutte

Orchideen-Tourismus im Lechtal: Schuhe mit 16 Leibwächtern

Naturliebhaber pilgern derzeit in Massen ins Lechtal. Dort steht eine der prächtigsten Orchideen in Vollblüte. Die Bergwacht versucht, die Besucherströme zu „dirigieren“.

© TscholDer Frauenschuh kann momentan in voller Pracht bestaunt werden.



Von Simone Tschol

Elmen/Martinau – Sie ist rund zweieinhalb Hektar groß und derzeit eine der ohne Zweifel am strengsten überwachten Flächen im ganzen Außerfern: die Martinauer Au.

Den Grund dafür liefert der Cypripedium calceolus, der gelbe Frauenschuh. Er ist eine der prächtigsten wildwachsenden Orchideenarten Europas und steht in allen Ländern unter strengstem Schutz. Einmal im Jahr, von Mitte Mai bis Mitte Juni, steht Europas größtes zusammenhängendes Frauenschuhgebiet in voller Blüte. Dabei lockt die Orchidee mit ihren gelben, schuhförmigen Lippen nicht nur neugierige Insekten, sondern Tausende Naturliebhaber und Fotografen nach Martinau.

Auf schmalen Pfaden führt das rund 450 Meter lange Wegenetz die Besucher mitten durch das Blütenmeer.
- Tschol

„Der Bestand umfasst zwischen 5000 und 6000 Pflanzen, 1500 bis 2000 davon stehen jedes Jahr in Blüte“, weiß Wolfgang Köck. Der Einsatzstellenleiter der Bergwacht Elmen/Pfafflar und seine 15 Kollegen wachen mit Argusaugen über den botanischen Schatz und versuchen, die ständig steigenden Besucherströme durch das Augebiet zu „dirigieren“.

Besuch ist willkommen, nur muss die wildwachsende Orchideenart vor dem „Zu-nahe-Treten“ geschützt werden. Das ist trotz übersichtlichem Besucherlenkungskonzept oft schwerer, als man glaubt. Köck: „Wir haben an Spitzentagen bis zu 1000 Besucher. Die Wege sind schmal und wenn dann einer mal länger an einem Platz verweilt, um das perfekte Foto zu schießen, kommt es zum Stau. Nachfolgende Gäste werden ungeduldig und versuchen, sich vorbeizudrängen. Dabei steigen sie auf Jungpflanzen – unabsichtlich, weil sie sie nicht als solche wahrnehmen.“

Köck rät davon ab, an solchen Spitzentagen ins Frauenschuhgebiet zu kommen: „Das ist ja für die Besucher auch nix, wenn man nicht mal in Ruhe stehenbleiben, sich unterhalten oder ein schönes Erinnerungsfoto machen kann.“

All jenen, die das Naturschauspiel heuer noch sehen wollen, rät Köck jedoch zur Eile: „Normalerweise ist die Blütezeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni. Durch den warmen April sind die Pflanzen heuer aber etwas früher dran. Sie stehen vielleicht noch die erste Juniwoche in voller Blüte, allerhöchstens aber bis 10. Juni.“