Letztes Update am Mi, 23.05.2018 16:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


glück.tage

Die verkrampfte Suche nach dem Glück

Was macht glücklich? Bei den glück.tagen in Kufstein wird der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid von druckmachenden Ratgebern und inspirierenden dunklen Phasen berichten.

© Heike SteiwegPhilosoph Wilhelm Schmid.



Herr Schmid, darf ich fragen, wie es Ihnen geht, sind Sie glücklich?

Wilhelm Schmid: Jetzt, wo dieser Frühling schon ein früher Sommer ist, genieße ich die Frühlingssonne und das Leben. Ja, das sind Glücksgefühle.

Sie Glückspilz! Aber momentan ist die Ratgeber-Literatur ja auch geprägt von vielen Tipps für allumfassende Happiness. Warum ist dieses Thema derzeit in?

Schmid: Wir erleben gerade eine Zeit, die etwas verunsichernd ist für viele. Sei es, was die eigene Gesellschaft angeht, wo Menschen vom sozialen Abstieg bedroht sind, bzw. was die Weltlage betrifft mit ihren aktuellen Konflikten. In dieser Situation flüchten sich viele Menschen in ein Glück, welches durch nichts bedroht sein soll. Deswegen auch die Konjunktur der Ratgeber, die ein Glück versprechen, das immer währt und durch nichts bedroht ist.

Kann aber diese Glückssuche auch von Erfolg gekrönt sein?

Schmid: Glücklichsein macht schon Sinn. Aber es auf Dauer haben zu wollen, macht keinen Sinn. Diese verkrampfte Suche danach macht vielmehr unglücklich. Jeder Mensch, der in einer Beziehung lebt, erfährt z. B., dass Beziehung nicht jeden Tag Freude macht. Warum aber beenden wir dann nicht sofort die Beziehung, wenn es einmal unglückliche Tage gibt? Weil es etwas gibt, was wichtiger ist als Glück und das ist Sinn. Sinn kann eine Beziehung dann auch wertvoll machen, wenn wir gerade nicht glücklich sind damit.

So wie auch die Frühlingssonne nicht immer scheinen und glücklich machen kann ...

Schmid: Zum Glück gibt es immer noch eine andere Seite, unweigerlich kommt wieder anderes Wetter und dann erleben wir auch Tage, von denen der österreichische Schriftsteller Ernst Jandl einmal in einem sehr schönen Gedicht gesagt hat, das sind eben „scheißen Tage“. Das Leben geht einfach immer hin und her zwischen diesen Gegensätzen und das bezeichne ich als die Fülle des Lebens.

Lautet deshalb der Titel eines Ihrer Werke „Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist“?

Schmid: Mir liegt einfach daran, diesen Zustand nicht abzuwerten. Auch das Unglück ist etwas wert und sei es, um einen Kontrast zu erleben. Wenn wir immer nur Sonnentage erleben würden, könnten wir dann diese noch genießen? Davon abgesehen macht eine unglückliche Zeit auch etwas feinnerviger, empfindlicher und letztlich empfindsamer. Wir haben dann eine Empfindung dafür, wenn es anderen Menschen schlecht geht, und laufen nicht davon, sondern sagen, schau, so eine Phase habe ich auch schon erlebt, das hat mir geholfen und ich steh’ dir bei.

Jetzt verstehe ich auch, warum ein weiterer Buchtitel von Ihnen lautet „Unglücklich sein. Eine Ermutigung“...

Schmid: Ja, denn das Wichtigste ist noch gar nicht gesagt: Unglücklichsein macht Menschen kreativ. Man muss sich nur Biographien von Künstlern anschauen, aus dem Unglücklichsein heraus entstehen die besten Kunstwerke. Wenn ein Mensch Abgründe überbrücken muss, kann Großartiges entstehen. Auch ich habe so etwas schon erlebt und nur aus dieser Zeit heraus kam mir das Thema „Lebenskunst“ in den Sinn, die Idee, ich muss von Grund auf neu leben lernen. Das aber kam aus einem absoluten Tief im Leben, wo die Gefahr bestand, dass das Leben auch aufgehört hätte.

Das Gegenstück zu den ständig Glück suchenden Menschen sind jene, die zu wohlstandsgenährt und oft unzufrieden sind. Was würden Sie als Philosoph mit dem Schwerpunkt „Lebenskunst“ solchen Menschen raten?

Schmid: Vor einiger Zeit war ich selbst etwas unzufrieden mit den Zuständen bei uns. Dann habe ich mit meiner Frau eine Vortragsreise nach Indien angenommen und habe gleich gesagt, das wird uns wieder auf andere Füße stellen. Wenn man sieht, wie die Zustände dort im Argen liegen, dann kommt man dankbar nach Europa zurück und freut sich über das, was einige Generationen an Hervorragendem geschaffen haben. Wohl ein jeder kennt in seiner Umgebung Leute, denen es nicht so gut geht, sei es seelisch oder materiell. Warum nicht mit diesen das Gespräch suchen und sie von sich erzählen lassen? Dann stellt sich der eigene Wohlstand, der eigene Zustand gleich wieder ganz anders dar.

Das Interview führte Irene Rapp

Wilhelm Schmid und die glück.tage

„Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“ lautet der Buchtitel, mit dem Wilhelm Schmid vor drei Jahren monatelang die Bestseller-Listen anführte und zu großer Bekanntheit gelangte. „Da habe ich einen Nerv getroffen“, sagt er heute über diesen Erfolg.

Wilhelm Schmid wurde 1953 in Billenhausen/Bayerisch-Schwaben geboren und begann nach seiner Lehre als Schriftsetzer das Studium der Philosophie und Geschichte. Sein Schwerpunkt ist die Lebenskunstphilosophie.

Die glück.tage mit zahlreichen namhaften Referenten finden heuer vom 24. bis 26. Mai im Kufsteinerland statt. Wilhelm Schmid wird am 25. Mai im Kulturquartier Kufstein zu hören sein. Infos: www.glueck-tage.com