Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.05.2018


Lange Nacht der Kirchen

Tiroler Kirchen als Orte der Sehnsucht

Bei der Langen Nacht der Kirchen strömten wieder Tausende Besucher in Tirols Gotteshäuser.

© Foto TT / Rudy De Moor



Innsbruck — „Deine Ideen sind gefragt", stand in großen Buchstaben auf der Spitalskirche in der Maria-Theresien-Straße geschrieben. In der Kirche lag eine Spendenbox auf — für „Ideenspenden" für eine Kirche im Herzen der Stadt, wie Florian Huber, Propst der zuständigen Dompfarre St. Jakob, sagt. Mit der Pensionierung des inzwischen verstorbenen Rektors der Spitals- kirche, Mons. Josef Wols- egger, vor einem Jahr ist die lange Ära der regelmäßigen Werktags- und Sonntagsgottesdienste zu Ende gegangen. Derzeit ist die Kirche ein Ort der Stille und des Gebets inmitten einer lebendigen, lauten Stadt. Denn einen Nachfolger für Mons. Wols­egger gibt es keinen.

„Wir erhoffen uns anregende Ideen und gute Gespräche", sagt Dompropst Huber. Natürlich habe man eigene Vorschläge, sei aber auch offen für anderes, Neues. Fest steht derzeit nur: „Die Kirche wird eine Kirche bleiben, sie wird nicht leer geräumt."

Die Aktion, Zeichen für eine Kirche, die sich öffnen will, fand am Freitag ihr Ende — symbolträchtig mit dem Beginn der Langen Nacht der Kirchen am selben Ort in Form einer ökumenischen Feier.

Für die Nutzung der Spitalskirche werden Ideen gesucht.
- Foto TT / Rudy De Moor

In ganz Tirol zeigten 55 Pfarrgemeinden, Ordensgemeinschaften, Jugendgruppen und viele andere Initiativen Christentum in seiner ganzen Vielfalt. Tausende Besucher nahmen die Einladung an und strömten in Gotteshäuser und Klöster. Umgekehrt suchte Bischofsvikar Jakob Bürger den Weg nach draußen und das Gespräch mit den Passanten und stellte dafür mitten in der Maria-Theresien-Straße eine Kirchenbank auf. „Kirche muss hinausgehen", sagte er.

Eine Kirchenbank mitten in der Stadt: Auf einen Plausch mit Bischofsvikar Jakob Bürgler.
- Vanessa Rachlé / TT

Die Caritas lud zum Rundgang der Not, ein Stadtrundgang der besonderen Art zum Sozialmarkt, der Notschlafstelle Mentlvilla und der Wolfgangsstube. Bischof Hermann Glettler bezeichnete Kirchen als „Marktplätze der vielen Fragen, die uns Menschen beschäftigen". Sie seien Sehnsuchtsorte, an denen die Freude und Dankbarkeit für das Leben ihren Ausdruck finden, aber auch Ängste, Nöte und Verwundungen der menschlichen Seele ernstgenommen würden.

Gemeinsames Kochen und Essen im Dinnerclub.
- Foto TT / Rudy De Moor

Die gesammelten Vorschläge für die Nutzung der Spitalskirche werden am 20. Juni bei einer Ideenwerkstatt im Haus der Begegnung präsentiert, besprochen und vertieft. Jeder, der Interesse an der Zukunft des Gotteshauses hat, soll die Gelegenheit haben, sich in den Diskussionsprozess einzubringen. (ms)

In der Auferstehungskirche verband ein roter Faden Menschen verschiedener Religionen (von oben).
- Foto TT / Rudy De Moor