Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.06.2018


Freizeit

Der Blick hinter die Fassade

Er ist kein typischer Fremdenführer, sondern erzählt Geschichten und geht in Wohnungen. Mit Christian Kayed lernen selbst Einheimische viel über ihr Zuhause.

© Vanessa Rachlé / TTStoryguide Christian Kayed verbringt viel Zeit in der Bibliothek des Innsbrucker Franziskanerklosters (o.), wo er auch in seinen Rundgänge hinführt.



Von Evelin Stark

Innsbruck – Ein Spaziergang mit ihm durch das Innsbrucker Kapuzinerkloster ist wie eine Reise in längst vergangene Zeiten, verbunden mit spannenden Geschichten. Seine Augen blitzen auf, wenn er anfängt, über das Kloster und seine Schätze zu schwärmen. Christian Kayed ist Story­guide – Geschichtenführer –, der erste und wohl einzige seiner Art in Österreich.

„Ich versuche, in meinen Führungen das Erklären mit dem Erzählen zu verbinden“, sagt der gebürtige Bludenzer. Geht es zum Beispiel um das Thema Gold, sei die erzählerische Klammer seiner Führung die Sage um den griechischen König Midas, der aus allem in seiner Reichweite Gold machen konnte.

So kann Kayed spannende Fakten über die Schindeln des Goldenen Dachls einfließen lassen und im Kapuzinerkloster in der Kaiserjägerstraße weitererzählen. Die Kirche dort und vor allem die Bibliothek bergen goldene Schätze, die nur sehr wenige kennen.

Zum Beispiel das Predigtwerk „Sermones quadragesimales“ aus dem Jahr 1478, auf dessen goldene Lettern er ehrfürchtig zeigt, während er von den Anfängen des Buchdrucks erzählt. „Hier entdecke ich oft neue Schätze“, sagt Kayed. Diese helfen dem Storyguide wiederum dabei, die Geschichten seiner Führungen mit neuen Sehenswürdigkeiten zu verbinden.

Mit vier Jahren von Vorarlberg nach Zams gezogen, studierte Christian Kayed Philosophie und Germanistik in Innsbruck und Freiburg. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Jerusalem – sein Vater stammt aus Palästina – kehrte der heute 47-Jährige zurück nach Innsbruck, um die Ausbildung zum staatlich geprüften Fremdenführer und Reiseleiter zu absolvieren. Das war vor genau 20 Jahren.

- Vanessa Rachlé / TT

Seine Neugierde und sein Wissensdurst trieben Kayed an, aus den üblichen Fremdenführungen mehr für sich und seine Gruppen herauszuholen: „Ich zeige Details, an denen die Leute sonst achtlos vorbeigehen“, sagt er. Sein Selbstverständnis, so der Zammer, sei es, ein „Fremde-zueinander-Führer“ zu sein.

Deshalb verbringt der promovierte Philosoph viel Zeit in Bibliotheken. Wenn der einfühlsame Geschichtenerzähler durch die Gänge der Kapuzinerbibliothek schlendert und ein neues Werk entdeckt, beginnt in seinem Kopf bereits die nächste Story. „Chroniken sind aber auch eine wichtige Quelle für meine Arbeit, so wie die Forschung“, so Kayed.

Die Gegenwart ist aber auch spannend: Gemeinsam mit verschiedenen Vereinen hat der Fremdenführer Stadtrundgänge durch Innsbruck entwickelt, die auf Missstände aufmerksam machen wollen. Kayed und Südwind Tirol haben sich zum Beispiel unter dem Titel „Die Katze im Sack kaufen“ eine Spezialführung ausgedacht.

Dabei geht es um globale und lokale Hintergründe des Konsums. „An diesen Führungen nehmen nur Einheimische teil. Es ist erstaunlich, wie viel man über nachhaltigen Konsum lernen kann, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht“, so Kayed.

In seinen Geschichtenführungen bietet der Guide seinen kleinen Gruppen immer wieder die Möglichkeit, in privaten Wohnungen hinter die Fassade zu blicken. Dort kann mit den Menschen, die darin wohnen, in Dialog getreten oder etwas über die Geschichte und Architektur der Gebäude gelernt werden.

„Für fremde Menschen ist es auch interessant, sich mit Leuten von hier darüber auszutauschen, wie das Leben im jeweiligen Heimatland ist“, erzählt er. Aus der Begegnung würden sich die besten Geschichten ergeben. Eine Journalistin aus Finnland sei einmal bei so einer Führung in Hall mit dabei gewesen und habe deshalb ein Porträt über Kayed und seine Arbeit in ihrer Zeitung veröffentlicht.

Die inzwischen 33 verschiedenen Führungen der „Haller Stadtrundgänge“, die Kayed gemeinsam mit Barbara Knoflach-Zingerle anbietet, feiern dieser Tage ihr 20-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass gibt es eine Spezialführung, die aus dem Leben von Handelsherren, Fassbindern und Türmern erzählt. Am 10. und 24. Juni, jeweils um 14.30 und 17 Uhr, kann Hall erkundet werden. Anmeldung unter: 0676/4103071. „Eine Führung ist das ideale Medium, Wissen zu vermitteln“, so Kayed. Deshalb nehme er auch selbst bei Stadtrundgängen teil – in Innsbruck, Hall und anderswo: „So lerne und sehe ich neue Dinge.“ Seine Geschichten, lacht er, fänden ihn dann ganz von selbst.




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