Letztes Update am Mi, 06.06.2018 09:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiere

Assistenzhund: Eine Nase für viele Fälle

Ein Hund, der morgens bellt, ein anderer, der Befehle verweigert – klingt nach lausiger Erziehung. Dabei hat man ihnen dieses Verhalten antrainiert. Assistenzhunde arbeiten heute nicht nur als Therapeuten oder Warnhunde – sie erschnüffeln sogar Käfer und Krebstumore.

© TT/Julia HammerleAssistenzhund Jamie begleitet Frauchen Nele DeFrancq nicht nur in den Park, sondern auch zu Ämtern und in Supermärkte.



Von Judith Sam

Innsbruck, sechs Uhr morgens: Wie jeden Tag beginnt Labrador Jamie laut zu bellen. Und wie reagiert ihre Besitzerin darauf? Sie belohnt den Hund. „Das frühe Bellen ist anerzogen. So zwingt Jamie mich, den Tag zu beginnen“, sagt Nele DeFrancq. Die 45-Jährige leidet nämlich an einer Zwangsstörung: „Nach meinem Jura-Studium war die Krankheit so ausgeprägt, dass ich wochenlang meine Wohnung nicht verlassen habe – und die hatte damals nur 18 Quadratmeter.“ Einkaufen zu gehen, bedeutete so viel Stress, dass die 45-Jährige im Geschäft im schlimmsten Fall hyperventilierte.

Dann kam Jamie. Und mit ihr ein völlig neues Leben: Die gutmütige Hundedame trippelt artig neben DeFrancq am Inn entlang. Die gebürtige Belgierin, die dazu neigt, jeden noch so winzigen Aspekt ihres Lebens strikt zu planen, versinkt während des Spaziergangs in ihre Gedanken und beginnt unbewusst rasch zu marschieren. „Therapeutin“ Jamie nimmt das wahr, bleibt unvermittelt stehen und rollt sich auf den Rücken. Eine kleine Geste, die DeFrancq aus ihrem Trott reißt: „Dann streichle ich sie, werde ruhig und lebe im Hier und Jetzt. Mein Hund gibt mir Halt.“ So viel, dass die Innsbruckerin mittlerweile problemlos Geschäfte und Ämter besucht, Bus fährt oder mit ihrem Assistenzhund stundenlang durch den Wald flaniert.

Kein Wunder, dass die Nachfrage nach „Dr. Bello“ groß ist. Iris Rühl vom deutschen Assistenzhunde-Zentrum bildet Hunde für elf verschiedene Problemstellungen aus – vom Diabetiker- über den Asthma-Warnhund bis zum Demenz-Assistenzhund.

Hund riecht Stresshormone

„Beim Diabetiker riecht der Hund an dessen Mund und erkennt, ob der Blutzuckerspiegel auf ein gefährliches Niveau gefallen ist. Ist das der Fall, stupst das Tier seinen Besitzer an, und der kann rechtzeitig etwas essen, trinken oder Insulin spritzen“, schildert die Hannoverin.

Was genau das Tier riecht, ist unklar, vermutlich handelt es sich um einen Cocktail aus Stresshormonen. Gut ausgebildete Tiere wachen sogar nachts auf und warnen, wenn das Herrchen unterzuckert ist. Migräne-Warnhunde wiederum erkennen an der Körperspannung des Menschen, ob eine Attacke droht.

„Gefragt ist intelligenter Ungehorsam“, sagt Rühl. Klingt verwirrend. Lässt sich aber leicht erklären: „Beispiel Blindenhund – der anspruchsvollste aller ,Hundejobs‘ übrigens. Da muss der Hund seinen Besitzer nicht nur durch den Alltag navigieren, sondern vereinzelt sogar dessen Befehle übergehen. Stellen Sie sich vor, das Herrchen will die Straße überqueren, obwohl ein Auto kommt. Da muss der Hund die Entscheidung fällen.“

Um dazu in der Lage zu sein, beginnt die Ausbildung der Tiere bereits im Welpenalter: „Da trainieren wir noch keine komplexen Befehle, aber die Hunde eignen sich ein positives Weltbild an. Ein Assistenzhund muss nämlich so viele Situationen wie möglich kennen lernen, um stets souverän zu reagieren.“ Im Optimalfall kann man mit ihm ein Feuerwerk im Freien bewundern, ohne dass er die geringste Regung zeigt.

Nicht jeder Hund ist geeignet

Darum sei nicht jeder Hund für die Ausbildung geeignet: „Ein Tier, das immer am Land gelebt hat, ist überfordert, wenn es mit seinem Besitzer U-Bahn fahren, an lauten Mopeds vorbei oder durch Menschenmassen gehen soll.“

Abgesehen davon sei jede Rasse gleich gut geeignet. Rühl trainiert sogar lieber mit Terriern, die als „Freigeister“ gelten, als mit den angeblich so souveränen Labradors: „Da hat jeder seine Vorlieben. Darum kann der Klient auch entscheiden, ob er einen von uns fertig ausgebildeten Hund übernehmen will oder wir zusammen mit ihm einen Hund schulen, den er bereits besitzt.“

25.000 Euro teurer Hund

Meist eine Kostenfrage. Übt man selbst, in Begleitung der Profis, kosten Ausbildung und obligate Prüfung 3000 bis 4000 Euro. Für einen Hund, der ohne Zutun des Betroffenen auf dessen spezielle Bedürfnisse ausgebildet wurde, sind 25.000 Euro fällig. Stattlich, aber durchaus sinnvoll.

Die Königsklasse der Schnupperleistung ist derzeit nämlich das Riechen von Krebs: 2015 ließen Mailänder Forscher zwei ausgebildete Sprengstoff-Spürhunde an 902 Urinproben schnüffeln. 362 davon stammten von Männern, die an Prostatakrebs in verschiedenen Stadien litten, der Rest von einer gesunden Kontrollgruppe. Und siehe da: Die Trefferquote der Schäferhunde lag bei 98 Prozent. Sie erkannten Frühformen ebenso wie fortgeschrittene Karzinome.

Damit nicht genug: Zwei Riesenschnauzer erschnüffelten für eine Studie der Universität Göteborg im Jahr 2013 Ovarialkarzinome. Deren Erfolgsquote: 99 Prozent.

Cupper sucht Käfer

Im Vergleich dazu klingt Rileys Job beinahe etwas banal. Der Weimaraner soll im „Museum of Fine Arts“ in Boston Schädlinge wie Motten, Holzwürmer oder Pilzspuren in Kunstwerken finden, damit die alten Schätze nicht zerstört werden. Ein Pilotprojekt.

Bewährt hat sich hingegen Bordercollie Cupper, der ebenfalls Parasiten sucht. Allerdings nicht im Museum, sondern im nieder­österreichischen Nationalpark Thayatal. „Cupper erschnüffelt den schädlichen asiatischen Laubholzbockkäfer. Der knabbert Blätter und junge Äste an, sodass die Bäume so geschwächt werden, dass sie letztendlich absterben“, sagt Cuppers Herrchen Wolfgang Riener.

Außerdem machen sich der Förster und der achtjährige Vierbeiner regelmäßig auf die Suche nach Wildkatzen: „Deren Kot kann er übrigens von dem einer Hauskatze unterscheiden.“ So soll festgestellt werden, wie es um den Bestand der Wildkatzen steht.

Damit nicht genug: Kimmy, ein zehnjähriger Labradormix aus Gänserndorf in Niederösterreich, hilft seinem Herrchen Alexander Stetina versteckten Schimmel in Wohnungen aufzuspüren.

All das wird den Tieren spielerisch beigebracht. „Er sucht, ich belohne“, plaudert Förster Riener. Nur auf liebevolle Art könne man die „tierischen Suchmaschinen“ zu derartigen Leistungen motivieren.

Spielend lernen

Dafür wird etwa das Lieblingsspielzeug des Hundes mit dem Geruch des zu suchenden Stoffs präpariert. Zunächst darf der Hund damit spielen, um sich mit dem Duft vertraut zu machen. Anschließend wird es versteckt, sodass er danach suchen muss. So lernt das Tier anzuzeigen, wo es etwa nach Wildkatzenkot oder Drogen riecht. Bei Diabetikerhunden wiederum arbeitet man mit Atem- und Speichelproben von Unterzuckerten.

Hunde, die nichts zu erschnüffeln haben – wie Jamie –, werden speziell für die Probleme ihrer Besitzer trainiert. „Wir mussten vor zwei Richterinnen des Messerli-Instituts der Vetmed-Uni Wien Übungen absolvieren“, sagt DeFrancq und wird heute noch nervös, wenn sie sich daran erinnert.

Der Labrador sollte ruhig bleiben, auch wenn sich eine fremde Menschenschar um ihn drängte oder ihm Fahrräder und Kinder entgegeneilten. „Zudem galt es, selbst in den aufregendsten Situationen stets auf Kommando sofort zu mir zu kommen“, ergänzt das Frauchen. Jamie überzeugte und darf darum, wie jeder geprüfte Assistenzhund, Supermärkte, Ämter und Kliniken betreten.

Wie zur Bestätigung leckt der Labrador DeFrancq quer übers Gesicht. „Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache“, entschuldigt­ sie: „Aber ich mag das. Jamie macht mein Leben lebenswert. Wer sonst ist stets authentisch, ehrlich und bewertet mich nicht? Hunde sind so viel mehr als nur Gassi-Begleiter.“




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