Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.06.2018


Tirol

Vom Schrottplatz zum Genussgarten: Tag der offenen Gartentür

Am 17. Juni findet der sechste „Tag der offenen Gartentür“ statt. Interessierte können 52 Tiroler Gärten bewundern. Einer davon ist das Rhododendron-Paradies der Familie Brentel – eine Oase inmitten eines Industriegebiets.

© Thomas BöhmPflanzenexoten in Hall.



Von Judith Sam

Hall i. T. – Auf der Suche nach Erholung und Entschleunigung ist ein Industriegebiet wohl der letzte Ort, den man aufsuchen würde. In Hall wird man jedoch genau dort fündig. Margot und Hansjörg Brentel haben sich, umgeben von Lkw und nüchternen Gebäudefassaden, ihre grüne Oase gestaltet. „Vor 35 Jahren war das nur ein 1200 Quadratmeter großer Schuttplatz“, erzählt die Pensionistin.

Wer heute den hohen Zaun durchquert, ist umgeben von liebevoll angelegten Teichen, Freilandorchideen, Steingärten und Pflanzenraritäten wie Bananen- oder Mammutbäumen. „Und ganz wichtig: unsere Rhododendren“, ergänzt der pensionierte Schlosser, dessen Wohnhaus direkt an den Garten anschließt.

Margot und Hansjörg Brentel haben sich ihr Paradies geschaffen.
- Thomas Böhm

300 dieser farbenfrohen Sträucher hat Brentel in der ganzen Welt gesammelt: „Früher haben wir mit unseren Kindern Meeres- und Städteurlaube gemacht. Heute überlegen wir uns vor einer Reise, wo die schönsten Pflanzen gedeihen. Nach Neuguinea sind wir etwa geflogen, um Rhododendren zu sammeln.“

Eine der Pflanzen, die Brentel auf 3000 Metern Höhe entdeckte, wurde später von einem Botaniker untersucht. „Er stellte fest, dass sie eine neue Art ist. Kurzum wurde sie ,Rhododendron Brenteli‘ benannt“, erzählt Brentel voll Stolz. Vor Freude gestaltete der 75-Jährige eine Briefmarke, die „seine“ Pflanze zeigt.

In Patagonien sammelte das Paar, das früher vom Verkauf von Stahlseilen lebte, Inspirationen für ihre Steingärten. „Mein Mann hat sie leicht erhöht auf einer Unterlage angelegt, dass er sie auch im Alter pflegen kann, ohne Rückenprobleme zu bekommen“, plaudert die 73-Jährige, blickt kritisch auf den kurz getrimmten Rasen und rupft ein winziges, kaum sichtbares Unkraut aus. Früher, als das Gras noch nicht so „gezähmt“ war, jätete sie mit Hilfe eines Schraubenziehers.

Hansjörg Brentel, der inzwischen mit einer Pinzette Unkraut zwischen den Kakteen des Steingartens ausrupft, erzählt: „Wir machen jedes Jahr ein Rhododendron-Fest. Beim letzten sagte ich zu einem Bekannten, dass er nicht ein einziges Unkraut finden wird. Plötzlich kommt er mit einer Pflanze daher, die er hinter dem Teich aus der Erde gerissen hat.“ Brentel meinte darauf zu ihm: „Nein! Das war die Pflanze, die ich jahrelang gehegt und gepflegt habe!“

Willkommen im Grün

Am 17. Juni zwischen 10 und 17 Uhr kann jeder ohne schlechtes Gewissen in fremde Gärten spähen. Beim sechsten „Tag der offenen Gartentür“ laden die Besitzer von 52 Gärten Interessierte ein, mit ihnen zu plaudern und kostenlos die grüne Vielfalt zu bewundern – bei jedem Wetter übrigens. Die Auswahl reicht tirolweit von Bonsai- über Wasser-, Gemüse-, und Nutzgärten bis hin zu Bauerngärten. www.gartentuer.at

Noch heute lacht der Rentner, wenn er sich daran erinnert: „Unter uns: Das war wirklich Unkraut, aber der Bekannte hat vor Schreck bis heute nichts mehr in unserem Garten ausgerissen.“

Daran werden sich hoffentlich auch die Besucher halten, die Brentels Garten am 17. Juni im Rahmen des „Tages der offenen Gartentür“ bewundern. 15.000 Interessierte nahmen das Angebot – organisiert von den Tiroler Obst- und Gartenbauvereinen sowie dem Forum Blühendes Tirol – 2017 an. Eine dreiköpfige Jury wählte heuer zum sechsten Mal aus über 80 Tiroler Gärten die 52 interessantesten aus, die man kostenlos besuchen kann.

Dabei geht es laut Manfred Putz, Landesgeschäftsführer des Verbands der Tiroler Obst- und Gartenbauvereine, nicht nur darum, neue Ideen zu sammeln: „Sondern auch um das Zwischenmenschliche. ,Gartler‘ sind sehr sympathische Leute. Bei der Veranstaltung sind schon einige gute Freundschaften entstanden.“

Bei der Wahl der Gärten konzentrierten sich die Jurymitglieder auf das Gesamtbild, die Vielfalt und dass die Besitzer selbst Hand anlegen. „Das fasziniert mich nämlich besonders: Die Hobbygärtner müssen sich das Wissen selbst aneignen – durch Reisen, Lesen oder Unterhaltungen“, sagt Putz. Die meisten der ausgewählten „Gartler“ stehen noch voll im Berufsleben, manche sind bereits pensioniert: „Aber es kommen immer mehr Junge dazu. Die legen in erster Linie Nutzgärten an.“

Was Tipps für die Neueinsteiger angeht, sind die Brentels sicherlich gute Ansprechpartner. „Der Garten ist zu meiner Lebensaufgabe geworden. Morgens ist es das Erste, eine Runde durchzuspazieren. Später wird dann umgesetzt, gejätet und Unkraut beseitigt“, sagt Margot Brentel.

Aber sie nehme sich auch jeden Tag Zeit zum Einkaufen: „Meistens sind wir im Blumenladen. Vier Mal die Woche mindestens.“ Das einzige Problem an dem Hobby sei, dass ihnen langsam der Platz im Garten ausgeht.

Eine der Pflanzen wurde nach den beiden benannt – die "Rhododendron Brenteli". Hansjörg Brentel ließ daraufhin eine Briefmarke mit "seiner" Blume anfertigen.
- Thomas Boehm / TT