Letztes Update am Mi, 13.06.2018 09:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Arbeitsmoral

Die Flucht von der Arbeit in die Freizeit

Arbeit dient nicht mehr der Selbstverwirklichung, sondern ist ein notwendiges Übel – sagt Uni-Professorin Evi Hartmann. Von der Verweichlichung der Gesellschaft und der Suche nach Wertschätzung.

© iStock(Symbolfoto)



Von Judith Sam

Die Arbeitsmoral sinkt. Eine provokante Aussage. Evi Hartmann, Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg, ist für mehr solche Sager gut. „Ihr kriegt den Arsch nicht hoch“ (Campus Verlag) lautet etwa der Titel ihres neuesten Buches.

Damit bezieht sich die BWL-Professorin auf den momentanen Zeitgeist: „Arbeit ist für viele heutzutage kein Mittel zur Selbstverwirklichung mehr, sondern nur ein notwendiges Übel.“

Ein Beispiel: „Sehen wir uns ein zehnköpfiges Projektteam an. Da hängen sich zwei voll rein, leisten Überstunden und erstellen fünf Arbeitspakete. Drei weitere Kollegen arbeiten so, dass man nichts daran aussetzen kann. Die restlichen fünf machen Dienst nach Vorschrift, null Überstunden und höchstens ein Arbeitspaket.“

Mit fremden Federn schmücken

Klingt überspitzt, sei jedoch Realität: „Dieses Beispiel stammt aus dem Alltag eines Praxispartners der Uni. Er erzählte sogar, dass die besagten fünf die Arbeit der effizienten zwei behindern und sich sogar mit deren Erfolgen schmücken.“ Während die Erfolgreichen Druck als Herausforderung erkennen, würden sich die Passiven nämlich davor fürchten.

Die Erfahrung, dass sich diese „Füße-auf-den-Tisch-Mentalität“ durch alle Branchen, Altersgruppen und Hierarchie-Ebenen zieht, macht die vierfache Mutter auch im Uni-Alltag: „Die Macher sterben aus.“

Absolventen auf Jobsuche würden ihr erzählen, dass sie im Einstellungsgespräch nicht ihre Leistung ansprechen, die sie dem Unternehmen bieten können, sondern Fragen stellen wie: Wie viel Urlaub habe ich? Wann kann ich ein Auszeitjahr nehmen? Hat die Firma ein Fitnessstudio? „Ich hätte mich das nicht getraut“, sagt Hartmann.

Die Frage nach der Höhe des Gehalts rücke in den Hintergrund: „Früher hat man noch auf ein Auto oder das eigene Haus gespart.“ Die neuen Statussymbole seien teure Smartphones, Urlaube und verschiedenste Hobbys.

Hartmann geht sogar einen Schritt weiter und spricht von einer Verweichlichung der Gesellschaft: „So drücken es zumindest Leute in Führungsebenen aus. Ein Vorgesetzter meinte kürzlich: ,Wenn ich einen Mitarbeiter hart anschaue und ihm eine Deadline setze, landet er schon in der Nervenklinik‘ – überspitzt gesagt.“

Früher härter im Nehmen

Diesen Eindruck hat auch der Wiener Unternehmensberater Alois Czipin: „Wir waren früher, im alten Jahrtausend, härter im Nehmen. Wochenlang täglich 22 Stunden Arbeit, das kam vor, musste erledigt werden und hat niemanden interessiert.“ Dann kam das Umdenken – und letztendlich die Erkenntnis, dass so viel Arbeit unmenschlich sei.

„Darum müssen auch Arbeitgeber umdenken“, sagt der Chef der Produktivitätssteigerungs-GmbH. Es sei eine Irrmeinung, zu denken, dass man Anspruch auf die Arbeit eines Mitarbeiters habe, nur weil man ihn bezahlt. Vielmehr drehe sich heute alles um Wertschätzung und das Vermitteln von Enthusiasmus.

„Man kann Mitarbeiter für alles begeistern – selbst für das Putzen von Toiletten.“ Führungsarbeit sei daher wesentlich anspruchsvoller, aber auch erfüllender geworden – wenn man sie richtig mache: „Es geht nicht darum, Fehler zu suchen, sondern Lösungen. Und das geht nicht ohne ein Team. Selbst Fußball-Star Ronaldo wäre nichts ohne seine Masseure, Trainer und Mitspieler. Das haben bisher allerdings sehr wenige verstanden.“

Habe ein Mitarbeiter den Eindruck, es interessiere weder Chef noch Kollegen, was er macht, bekomme er rasch das Gefühl, es ginge auch ohne sein Zutun: „Kommt dann noch wenig Wertschätzung für das Geleistete hinzu, beginnt er während der Arbeitszeit im Internet zu surfen, lässt abends auf die Minute genau den Bleistift fallen und eilt heim.“

Nur 62 Prozent genützt

Kein Wunder also, dass Czipin während des Coachens seiner Klienten aus den unterschiedlichsten Branchen beobachtete, dass von 225 Arbeitstagen jährlich lediglich 62 Prozent genützt wurden: „Das liegt oft an unzureichender Planung und Kontrolle, aber auch an unpassenden Arbeitskräften.“

Es gelte, geeignete Leute im Unternehmen zu versammeln. Manchmal hätten Mitarbeiter nicht die richtigen Talente für eine Aufgabe, dann müssten sie – auch zu ihrem Wohl – verabschiedet werden.

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Hartmann: „Jeder Einzelne muss viel mehr Energie in die Berufswahl investieren. Viele meiner Studenten wählten Betriebswirtschaftslehre, weil die Ausbildung breit gefächert ist und sie sich damit keine Wege verbauen. Schön und gut. Aber irgendwann muss man sich nunmal entscheiden.“

Denn auf Dauer sei man nur gut und motiviert, wenn der Job Spaß macht. Arbeit würde nämlich – ob man wolle oder nicht – immer Teil des Lebens sein: „Darum finde ich es auch falsch, stets von der vielgepriesenen ,Work-Life-Balance‘ zu sprechen.“

Flucht in die Freizeit

Diese sei oft nur ein Pseudonym für die Reduktion von Arbeit, um mehr Glück zu gewinnen: „Aber auch wenn man weniger arbeitet, dabei aber unglücklich ist, drehen sich die Gedanken weiterhin in erster Linie um die Freizeitgestaltung.“ Studien würden zudem besagen, dass man auch an einem Burnout erkranken kann, wenn der Job weder Druck noch Stress verursache, man dabei aber unglücklich sei.

Zumindest, was das Thema Krankenstände betrifft, ist in Tirol eine andere Entwicklung zu beob­achten. Laut Evelyne Walch von der Tiroler Gebietskrankenkasse – welche rund 450.000 versicherte Erwerbstätige zählt – sei die Dauer der Krankenstände rückläufig: „Von 12,33 Tagen 2007 auf 10,75 Tage im Vorjahr.“

Beate Sprenger vom bundesweiten Arbeitsmarktservice (AMS) hat nicht den Eindruck, dass die Arbeitsmoral sinkt. Zwar waren im Vorjahr 952.990 Österreicher mindestens einen Tag arbeitslos: „Aber es gibt viel weniger Arbeits­unwillige, als man glaubt.“

Immer wählerischer

Hingegen sei die Zahl der Arbeitslosen, die wählerischer sind, als es das Gesetz erlaubt, gestiegen: „Je mehr Jobs dem Arbeitssuchenden zur Wahl stehen, desto häufiger fällt Vermeidungsverhalten auf.“ Das Gesetz schreibe jedoch vor, dass jeder Beruf, der nicht gesundheitsgefährdend, nicht sittenwidrig, kollektivvertraglich entlohnt und innerhalb einer bestimmten Anfahrtszeit erreichbar ist, zumutbar sei.

Durch den Konjunkturanstieg und den größeren Arbeitskräftebedarf haben 2017 zudem mehr Unternehmen Vorfälle gemeldet, die für das AMS Ausgangspunkt für die Sperre von Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe waren.

In 50 Prozent der österreichweit 111.541 Sperren waren die Jobsuchenden dem AMS-Termin unentschuldigt ferngeblieben – also nicht zum Vorstellungsgespräch erschienen: „Weitere Sperren betrafen die Missbrauchsfälle – wie verweigerte Schulungen – einem Verhalten, das die Beschäftigung im Unternehmen unmöglich macht –, tageweise unentschuldigtes Fernbleiben oder Arbeitsunwilligkeit.“

Besonders Letzteres ist für Produktivitätsberater Czipin unvorstellbar: „Nichts ist so fad wie ein Leben ohne Druck. Natürlich müssen die Mitarbeiter etwas leisten. Aber in Bezug auf die Arbeitsmoral mache ich mir in Österreich keine großen Sorgen.“ Autorin Hartmann ist skeptischer: „Die sinkende Arbeitsmoral wird sich eines Tages auf die Wirtschaft auswirken.“




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