Letztes Update am Fr, 15.06.2018 10:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Panini-Alben aus Modena: Wo der Mythos (k)lebt

Modena ist seit 40 Jahren im Fußball-Fieber, weil dort die Panini-Alben produziert werden. Durch die norditalienische Stadt können Besucher auf den Spuren vier armer Brüder bummeln, die weltweite Sammelleidenschaft entfachten.

© iStockDie Piazza Grande ist Modenas Wohnzimmer.



Von Stephan Brünjes

Kartoffelartiges Kopfsteinpflaster, ein schmachtendes Eros-Ramazotti-Double vorm Uhrenturm, entspannte Zuhörer auf der Terrasse der Bar Concerto: Die Piazza Grande ist Modenas Wohnzimmer. Einheimische und Besucher flanieren über den Platz, am zu groß geratenen Dom scheinbar lauernd beäugt von zwei wuchtigen Steinlöwen, die den Seiteneingang bewachen.

Auf der Treppe, nicht so recht passend in dieses cool-relaxte italienische Alltagsgemälde, kauern zwei Jungs. Lautstark wie heißblütige Skatspieler fuchteln sie mit aufgefächerten Kärtchen herum – nur Buben auf der Hand, aber kaum Trümpfe: „Nicht mal gegen Messi, Ronaldo und Özil zusammen tausche ich den“, wettert der kleinere, schwarzgelockte und rückt seinen besonders seltenen Kicker nicht raus.

Bei der WM 2014 war Julian Draxler einer dieser meistgesuchten Sammelbilder fürs Panini-WM-Album. Nun haben beide Jungs das fürs Turnier in Russland auf den Knien, reißen voller Hoffnung auf fehlende Kicker weitere Tüten auf, eben erstanden für 90 Cent pro Stück im Kiosk um die Ecke, wo die Panini-Story einst begann.

Matteo, Sohn des Firmen-Gründers, mit einem Bildchen-Automat.
- Brünjes

Mama Olga Panini, Kriegswitwe mit acht Kindern, verkauft hier ab 1946 Zeitungen und Zeitschriften. Viele gibt’s damals nicht, und so reicht’s den Paninis jahrelang kaum für eine warme Mahlzeit pro Tag. Sohn Guiseppe, der Älteste, bei einem Krankenhaus-Aufenthalt schon als talentierter Süßigkeiten-Verkäufer aufgefallen, hat mit seinen Brüdern Benito, Umberto und Franco eine clevere Altpapier-Geschäftsidee: Man nehme Zeitungen und Zeitschriften der Vorwochen, dazu einen Luftballon und „Figurine“ – Sammelbilder, die damals üblicherweise in Zigarettenpackungen als Zugabe klemmen. Alles zusammen in einen Papierumschlag, zukleben und als „Wundertüte“ anbieten.

Die kommen gut an bei den Kiosk-Kunden, besonders die „Figurine“. Also setzen die Panini-Brüder auf reine Bildertüten mit Pflanzenmotiven drin. Ein Flop. Aber dann: Italienische Fußballer sind ab 1961 Paninis erster Sammelbild-Renner, beginnend mit Bruno Bolchi, dem Kapitän von Inter Mailand.

Die Kärtchen von der Kassa

Er prangt heute, leicht vergilbt, in Modenas „Museo della Figurina“. Von den Panini-Brüdern gegründet und kostenlos zu besichtigen, zeigt es die Geschichte der Sammelbilder, beginnend um 1870 im Pariser Kaufhaus „Au Bon Marché“. Mit der vermutlich ersten Quengelware der Geschichte steigert es seinen Umsatz enorm: Kostenlose bunte Kärtchen, beliebt vor allem bei Kindern, die ihre Mütter zu weiteren Einkaufsbesuchen drängen, um die Bildersammlung zu komplettieren. Paninis Erfolgsstory präsentiert das Museum erfreulich bescheiden: Die etwa 600 Millionen Euro Jahresumsatz in 110 Ländern stehen nirgendwo, zu sehen ist aber, womit sie erreicht werden.

Angefangen hat alles mit den vier Panini-Brüdern Giuseppe, Umberto, Franco Cosimo und Benito.
- Brünjes

Nach den Fußballern folgen Alben mit Flugzeugen und Raketen, Comic-Helden und Pop-Ikonen, TV-Stars von Heidi bis Hannah Montana. Ein Hingucker ist auch die Weiterentwicklung der Bilder: Zuerst noch schwarz-weiß und mit Fotoecken umständlich im Album zu arretieren, bald schon nachkolorierte Fotos, in den Siebzigern dann kommen farbige, selbstklebende und heute schließlich Glitzer-Sticker sogar mit 3D-Effekt. Auch in Zeiten von Internet und Smartphone noch immer Stoff zur Befriedigung der „Haben-wollen“-Sucht von Milliarden Klebern und Sammlern weltweit, jeder Dritte zwischen sechs und zehn Jahren alt, jeder Vierte über 25.

Keine Panini-Huldigung

Panini – längst ein Gattungsbegriff wie Tesa oder Tempo, aber ohne jede Helden-Huldigung in Modena. Keine Panini-Straße, kein Platz, kein Denkmal. Nur ein Hinweis auf die nächsten Spiele der hiesigen Volleyballer – im Panini-Sportpalast, benannt zu Ehren von Giuseppe, begeisterter Volleyballer und langjähriger Sponsor des Erfolgsclubs. So steht’s auf einem Plakat an der Via Emilia. Ein Zufall? Genau hier kippte Umberto Panini mal ein dreirädriger Kleinlaster voller Panini-Bilder um, alle Tüten vom Winde verweht über die alte römische Handelsstraße, die sich schnurgerade durch Modenas Zentrum zieht. Schmalere Gassen gruppieren sich drumherum wie Schichten einer Zwiebel. Praktisch, weil man so beim Bummeln durch die vielen, oft unter Arkaden liegenden Geschäfte nie in den Stadtplan schauen muss.

Egal, ob man sich im Feinschmecker-Imbiss „Giusti“ mit Kolonialwarenladen-Theke und Sonnensitzplätzen stärkt, bei „Bloom“ ein süßes Eis nascht, in Suzanna Martinis Murano-Glas-Schmuck-Boutique „La Gioja“ stöbert oder bei „La Vacchetta Grassa“ würzigen Lederduft inhaliert und den Handwerkern beim Nähen von Gürteln und Taschen zuschaut – früher oder später steht man immer wieder auf einer „Ach-hier-sind-wir“-Kreuzung und weiß, wo man ist.

Die Leute kennen auch andere Themen in Modena und entspannen bei einem Espresso im Straßencafé Guisto.
- Brünjes

Modenas Altstadtfassaden strahlen in vielen leuchtenden Pastell-Variationen, so, als hätten die Maler einen XXL-Tuschkasten benutzt. Die schönsten Farbspiele bietet die Via Castel Maraldo, Paninis erster Firmensitz – in den frühen Sechzigern geprägt von purer Handarbeit: Im Keller werfen Giuseppe, Franco und Benito die Bilder mit Schaufeln durcheinander und mischen sie per Handkurbel in einem Butterfass so lange, bis sicher schien, dass keines doppelt in eine Tüte kommt.

Auf Dauer zu mühselig, darum rufen sie Umberto, den zwischenzeitlich für eine Ölfirma nach Venezuela ausgewanderten Bruder, zurück. Der Tüftler soll eine Bilder-Misch-, Sortier- und Eintüt-Maschine erfinden.

Seine „Fifimatic“ ist bis heute in Betrieb, in der 1965 gebauten Panini-Fabrik außerhalb der Altstadt. Ein schmuckloses Gebäude, das auch einen größeren Klempnerbetrieb beherbergen könnte. Nichts deutet drauf hin, dass hier in WM-Jahren täglich mehr als 60 Millionen Sticker produziert und von Lkw in die Welt hinaustransportiert werden.

Reich geworden durch ihre Firma und deren Verkauf 1988 investieren die Panini-Brüder in andere Geschäftsfelder. Umberto kauft eine 300-Hektar-Farm mit 500 Kühen, startet seine Öko-Parmesankäse-Produktion, seit Umbertos Tod geführt von Sohn Matteo. Ein Besuch dort – 15 Autominuten außerhalb Modenas – ist das Highlight der Panini-Tour, auch wegen der noch von Umberto aufgekauften Maserati-Oldtimer-Sammlung, der größten Italiens.

Keine Tricks beim Mischen

Matteo zeigt sie und die Käseherstellung gern, erzählt dabei über seine Zeit als Sohn im Sammelbilder-Imperium: „Viele wollten in den Siebzigern mein Freund sein, weil sie wussten, ich kann ihnen das Sticker-Album sofort voll machen.“ Apropos: Warum sind eigentlich bestimmte Kicker – so wie Draxler vor vier Jahren – so selten in der Tüte wie die Blaue Mauritius im Briefmarkenladen?

„Zufall“, sagt Matteo Panini mit nicht ganz überzeugendem Mienenspiel, „wir haben wirklich nie Bilder zurückgehalten, damit die Leute mehr kaufen müssen, um das Album zu füllen.“ Man könne ja die fehlenden ganz einfach bei Panini bestellen.

Im Übrigen hätten manche Kicker viel größere Probleme als die Sammler, fügt er augenzwinkernd hinzu. Wer im Album ist, steigert Börsenwert und Selbstwertgefühl. Und wer nicht drin ist, beklagt sich schon mal bei Panini. Italiens Alessandro del Piero etwa, lange bevor er Deutschland 2006 aus dem Turnier schoss und wenige Tage später Weltmeister wurde.




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