Letztes Update am Mi, 27.06.2018 15:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Misswahlen

Die neuen Missen sagen zum Bikini baba

Bei der Miss-Austria-Wahl gibt es heuer keinen Bikini-Durchgang mehr. Ist das der Aufbruch in eine neue Ära oder reine Augenauswischerei?

© dpa/Patrick Seeger(Symbolfoto)



Von Kathrin Siller

Lange Beine, Wallemähne, ein straffer Bikini-Body: Eine Miss verbindet man mit makelloser Schönheit. Englischkenntnisse, blitzender Intellekt oder Ideen zum Weltfrieden sind zwar nicht von Nachteil, aber eher zweitrangig. Das war immer so und wird auch immer so bleiben. Oder nicht? Beim Miss-Austria-Finale am 1. September in Linz wird einiges anderes sein. Der Bikinidurchgang vor dem Finalpublikum etwa ist passé. Stattdessen dürfen sich die Titelanwärterinnen in Outfits präsentieren, in denen sie auch fortgehen würden.

„Die jungen Frauen sind alle mutig, aber sich vor einem großen Publikum im Bikini zu präsentieren, ist speziell“, sagt Jörg Rigger. Der Schwazer ist seit diesem Jahr Geschäftsführer der Miss Austria Corporation und will den Bewerb neu aufstellen: „Wir wollen den Kandidatinnen mehr Sicherheit bieten und das Ganze stilvoller machen. Ein Bikiniauftritt muss absolut nicht sein.“

2016 gab es bei der Miss-Tirol-Wahl noch einen Bikinidurchgang.
- Harald Angerer

Es bleibt ein Beautybewerb

Ist das jetzt eine kleine feminis­tische Revolution? Ganz ehrlich: Viel ändert sich nicht. Missenmaße bleiben nämlich nach wie vor Voraussetzung für das Krönchen. „Es ist und bleibt ein Schönheitswettbewerb“, stellt Rigger klar. Eine gewisse Mindestgröße und passende Proportionen gehören einfach dazu. Deswegen müssen sich die Kandidatinnen vor dem eigentlichen Finale vor der Jury im Bikini präsentieren.

Bei der Miss-Tirol-Wahl wurden heuer erstmals die Bikinis durch Sportmode ersetzt, wie Veranstalterin Romana Exenberger erklärt. Abgeschafft sei die Bademode aber nicht, man lasse sich die Bikini-Sache offen. „Das hängt eben auch von unseren Modepartnern ab“, erklärt Exenberger.

Für die Miss Tirol 2017, Alexandra Pahr, war der Bademodendurchgang damals kein Problem: „Ich habe ja gewusst, auf was ich mich einlasse.“ Eine bikinilose Wahl empfindet die Kitzbühelerin als widersprüchlich: „Bei der Wahl soll der Bikini zu offenherzig sein, aber bei den Dessous-Shootings wär’s dann plötzlich wieder o. k.“ Sie habe sich lediglich gewünscht, ihren eigenen Bikini anzuhaben.

Kulturelle Revolution

Bei der Miss-America-Wahl schlagen die Veranstalter – inspiriert durch die MeToo-Bewegung – geradezu revolutionäre Töne an: „Wir sind kein Schönheitswettbewerb mehr“, erklärte die Kuratoriumsvorsitzende Gretchen Carlson. „Wir erleben in unserem Land eine kulturelle Revolution, bei der Frauen den Mut finden, aufzustehen und sich in vielen Bereichen Gehör zu verschaffen.“ Auftritte in Badebekleidung sind gestrichen. Und: Die Frauen würden nicht mehr länger nach ihrem Aussehen beurteilt. Ein ziemlicher Widerspruch.

Für die Innsbrucker Geschlechterforscherin Tanja Vogler sind diese News eher eine Augenauswischerei: „Der Schönheitswettbewerb in seiner Grundidee bleibt ja bestehen: Frauen und ihre Körper werden danach bewertet, inwieweit sie dem gerade aktuellen Schönheitsideal entsprechen.“ Das sei eben problematisch.

Gerade in Amerika mussten sich die Frauen während der Wahl zudem einiges gefallen lassen: Im Dezember wurde der Chef der Miss-America-Organisation, Sam Haskell, deshalb rausgeworfen. Er hatte sich abschätzig und sexistisch über Teilnehmerinnen geäußert, eine ehemalige Kandidatin sogar als „ein Stück Müll“ bezeichnet. 49 frühere Miss Americas hatten Haskells Rücktritt gefordert.

In Kenia sollen die Miss-Albino-Wahlen auf Probleme der Albinos aufmerksam machen.
- AFP

Wenn Männer die Schönheit von Frauen bewerten und damit auch in eine gewisse Machtposition geraten, ist das häufig ein Spiel mit dem Feuer. Das weiß auch Jörg Rigger. „Ich muss sehr auf meine Wortwahl achten. Frauen herabzuwürdigen, ist natürlich ganz schlimm und geht gar nicht.“

Frauenrechtlerinnen sind die weltweiten Misswahlen jedenfalls ein Dorn im Auge. Besonderer Stein des Anstoßes: Die jährlich in Brasilien stattfindende „Miss Bumbum“-Wahl, bei der der knackigste Po gewinnt. Die Frauen in knappen String-Tangas würden zum Objekt degradiert, regen sich Kritiker auf. Für ähnliche Reaktionen sorgte auch der Bikini-Contest des tschechischen Atomkraftwerkbetreibers CEZ. Die Siegerin gewann ein 14-tägiges Praktikum im AKW Temelin. Viele fanden diese Art von „Vorstellungsgespräch“ frauenverachtend.

„Niemand kann entkommen“

Für die Geschlechterforscherin Vogler tragen solche Wettbewerbe dazu bei, Vorstellungen von Frauen, die auf ihren Körper reduziert werden, zu bestärken. „Wir alle wachsen in einer Gesellschaft auf, die über Medien, Familie, Werbung, Bildung unsere Vorstellungen davon prägt, wie eine Frau zu sein hat und wie nicht. Niemand kann dem entkommen.“

Trixie Maristela wurde 2015 zur Miss International, einem Bewerb für Transgender und Transsexuelle, gekürt.
- REUTERS

Ob Misswahlen deswegen der richtige Rahmen dafür seien, auf Missstände, Probleme und Randgruppen aufmerksam zu machen? Darüber lässt sich streiten. Im Oktober 2017 wurde Alexandra Schischikowa aus Weißrussland zur weltweit ersten „Miss Rollstuhl“ gekürt. Sie wolle das Bild von Frauen in Rollstühlen verändern, damit sie nicht nur auf diese Eigenschaft reduziert werden. Neben dem Aussehen bewertete die Jury auch Persönlichkeit, Engagement, Sozialleben.

Ähnlich ambitioniert ist die 22-jährige Sozialarbeitsstudentin Sithembiso Mutukura, die 2016 zur ersten „Miss Albino Simbabwe“ gekürt wurde. Sie wolle sich für die Rechte von Kindern mit Albinismus einsetzen, da in dem afrikanischen Land Menschen mit Albinismus immer noch Opfer von Gewalt und Diskriminierung werden. Alles schön und gut, aber braucht es dazu einen Bewerb, bei dem das hübsche Aussehen im Fokus steht? Ist es überhaupt noch zeitgemäß, Frauen von so genannten Schönheitsprofis begutachten zu lassen? Für Vogler steht fest: „Schönheitswettbewerbe stellen ein kleines Rädchen in dem großen Getriebe dar, das uns genau solche problematischen Schönheitsideale vermittelt.“ Und wirklich „freiwillig“ misst sich daran niemand.