Letztes Update am Fr, 06.07.2018 12:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sommer 2018

Stress ade: So wird der Urlaub wirklich zur Erholung

Schönste Zeit des Jahres? Von wegen! Urlaubsbeginn ist purer Stress. Mit den Kniffen der positiven Psychologie könnte es heuer aber besser laufen.

© iStockUrlaub soll erholsam sein, die Vorbereitungen und Die Anreise dafür sind dagegen meist stressig.



Von Andrea Wieser

Innsbruck — Alle Koffer, Schlafsäcke und Lieblingskuscheltiere sind im Auto, die Kinder auf die Rückbank gequetscht und die Eltern „diskutieren lautstark" die optimale Route. Die Luft ist dick, die Nerven liegen blank. So oder so ähnlich wird es manchen Tirolern ergehen. Der Urlaubsbeginn kann leider weniger erfreulich sein als erhofft.

Ferienantrittsstress ist für die Innsbrucker Psychologin Melanie Hausler ein bekanntes Phänomen: „Gerade dadurch, dass viele noch zu viele Erledigungen vor dem Urlaubsantritt einplanen, steigt der Druck enorm."

Eine zu lange Liste abarbeiten

Sie meint damit die unendliche Liste, die wir noch zu Hause abarbeiten wollen. Das reicht vom tipptopp geputzten Eigenheim über den perfekt gemähten Rasen bis zum Erledigen aller beruflichen Belange. „Wer seine Ansprüche senkt, ist gut beraten", sagt die Expertin. Vielleicht muss nicht alles optimal erledigt werden, vielleicht können alle Familienmitglieder zusammenhelfen?

Kooperation kann den Druck verringern. Denn wer das nicht tut, könnte am Strand seine Rechnung quittiert bekommen: „Häufig kommt mit der ersten Ruhephase dann die Krankheit." Weil das Immun­system während der Stressphase zunächst unterdrückt wird, äußert sich der grippale Infekt erst später, wenn wir uns entspannen.

Fünf Urlaubstipps

Druck raus. Bitte nicht alles putzen und aufarbeiten wollen. Ebenso verzichtbar: der Stau zum Ferienstart.
Besser planen. Sich schon eine Woche vorher um Postbetreuung und Katzensitter zu kümmern, spart Nerven.
Gute Gefühle. Wer in Vorfreude schwelgt, stimmt sich positiv ein und steigert dadurch seine Stressresistenz.
Positive Seiten. Wenn es nicht so läuft (Stau, Schimmel ...), dann hilft der Fokus auf das Positive (Schlaf, Zeit ...).
Dankbar sein. Wer wiederholt gute Dinge notiert (vielleicht gemeinsam mit der Familie), hat mehr vom Urlaub.

Aber nicht nur der Körper will gehört werden. Hat sich der urlaubsreife Tourist erst einmal auf Reisen begeben, kann die Enttäuschung größer sein als die Freude am Urlaub. Was ist, wenn das Erlebte nicht den Wunschvorstellungen entspricht? Wenn das Frühstückbuffet miserabel ist und das Wetter ebenso? Der Turm von Pisa zu wenig schief und der Louvre heillos überlaufen? Dann kann das Fachgebiet von Melanie Hausler Abhilfe schaffen. Sie setzt sich in ihrer Praxis mit den Effekten der positiven Psychologie, der Wissenschaft des gelingenden Lebens, auseinander.

In diesem Fall, wenn das Bild vom Urlaub so viel schöner ist als das reale Erleben, weist sie auf die Fähigkeit des Menschen hin, sich selbst entscheiden zu können — für die Enttäuschung oder für die restlichen positiven Eindrücke. Und davon gibt es im Urlaub viele. Vom schönen Sonnenaufgang über die gemeinsame Zeit mit geliebten Menschen bis hin zur simplen Möglichkeit, einfach mal ordentlich ausschlafen zu können.

Fokus auf das Positive lenken

„Worauf legen wir unseren Fokus?", ist eine hilfreiche Frage, die Hausler im Coaching bei Stresssituationen bestens empfehlen kann. Einen positiven Blickwinkel einzunehmen, wirkt sowohl für den Moment als auch längerfristig. „Es entsteht eine so genannte ,Aufwärtsspirale'", erklärt die Psychologin. Unser Blickfeld wird, im Gegensatz zum Tunnelblick, breiter und die Chance auf positive Erlebnisse größer.

Aber nachdem wir in dem vollgepackten Auto, vorzugsweise Richtung Brenner, nicht alleine sitzen, lohnt auch ein Blick auf die Reisekollegen. Der Urlaubsklassiker beim Reiseantritt, ein Streit im engen Gefährt, kommt nämlich in den besten Familien vor. Deeskalation funktioniert für Hausler in drei Schritten: „Achtsam wahr­nehmen, Verbundenheit schaffen und freundliche Perspektive einnehmen", nennt sie das. Mit dem letzten Punkt ist gemeint, dass wir uns überlegen könnten, wie ein guter Freund in diesem Moment zu uns sprechen würde. Was würde er raten? Die Worte wären oft liebevoller als jene, die wir an uns selbst richten. Alle drei Schritte sind sehr hilfreich. Am wichtigsten ist, dass wir die Situation akzeptieren, denn am schlimmsten ist der Ärger über den Ärger. Dann hagelt es Vorwürfe — gegenüber uns selbst und gegenüber dem Partner.

Dass sich der Urlaubsantritt auch mal schlecht anfühlen kann, muss aber nicht nur an strapaziösen Mitreisenden liegen. Auch Social-Media-Plattformen, die den urlaubsreifen Touristen auch noch mit utopischen Bildern füttern, machen die Sache schwierig. Mache ich einen ebenso großartigen Urlaub wie meine Facebook-Freunde? Sehe ich in Badehose auch so gut aus? Sorgen, die mit einem Ausschalten des Handys und einem Besinnen auf die eigenen Stärken schnell vom Tisch sind. „Es ist wichtig, für jeden Einzelnen herauszufinden, was ihm wichtig ist, und danach die Reise zu planen", betont Hausler.

Erkenntnisse für den Alltag

Überlegungen, die sich auch längerfristig, also für das Leben nach der Rückkehr aus dem Urlaub, als sinnvoll erweisen können. „Man könnte die Reise als eine Art Probeleben erfahren und bewährte Erkenntnisse dann in den Alltag mitnehmen", schlägt Psychologin Melanie Hausler vor. Denn Nichturlaub ist schließlich den ganzen Rest des Jahres.