Letztes Update am So, 08.07.2018 09:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Im Inn surfen sie jetzt gegen den Strom

Vor dem „Hawaii“ der Alpen in Kranebitten haben sich Tiroler schon vor 50 Jahren in den Inn geworfen. Meist nackert. Anderorts hatten Surfer kurzen (Silz) oder gar keinen Spaß (Sill). Doch dank eines Seil-Systems lebt der Sport nahe am Traditionsort wieder auf. Wir haben es getestet.

© TT/Julia HammerleDer surfende Redakteur tut sich schwer.



Von Matthias Christler

Wie „Waschmaschine“? Bei dem Wort schnappt der Gelegenheitssurfer sogar an der frischen Tiroler Luft panisch nach Sauerstoff und merkt, wie sich sein Langzeitgedächtnis verängstigt erinnert, als nicht nur einmal ein Surfbrett die Schädeldecke traf. Die „Waschmaschine“ gehört aber dazu. So nennt man es, wenn ein Surfer von der Welle mitgerissen und gefühlt minutenlang unter Wasser herumgeschleudert wird.

Livia Wöll testet Tirols Surf-Spot zwischen Autobahn und Flughafen.
- TT/Julia Hammerle

Emanuel Fischer hat, während er am Ufer des Inns bei Kranebitten zusammen mit Livia Wöll den ersten Surf-Kurs Tirols beginnt, das böse Wort „Waschmaschine“ in den Mund genommen. Er hat es anderes gemeint. Der Teilnehmer, ungeduldig wie ein kleines Kind, will – so schnell es geht – ins Wasser. „Okay, die Waschmaschine wäre verkauft“, sagt Fischer und hört auf, vom neuen „Up-Stream“-System zu schwärmen. Der Kunde hat längst angebissen. Denn er hat trotz Schleudergängen in Frankreich, Portugal und Sri Lanka immer Lust aufs Wellenreiten. Oder zumindest auf etwas, das dem nahekommt. Nur die Berge im Hintergrund, die Autobahn, der kalte Inn, das verhindert noch das ganz große Surf-Gefühl. Doch Livia und Emanuel, die beiden Trainer, tun ihr Bestes: „Ja, das System ist ein Kompromiss, aber es macht Spaß“, sagt die 25-jährige St. Johannerin über das patentierte System. Später wird sie ihre Meinung noch ändern ...

Wie der Name schon sagt, bewegt man sich beim „Up Stream Surfing“ den Strom aufwärts. Der Surfer hält ein Seil fest, das über Umlenk­rollen an einer Brücke mit einem „Unterwassersegel“ verbunden ist. Erst wenn sich jemand auf dieses rote Segel setzt und zurücklehnt, bewegt es sich den Fluss abwärts und zieht gleichzeitig den Surfer am Seil in die andere Richtung den Fluss hinauf.

Ein Schleudergang im Inn

Der Inn schaut an diesem Tag so aus, als hätte er einige Schleudergänge mit den Mutigen vor, die sich in die Fluten wagen. Michael Strobel bleibt gelassen. Er hat das System, das in der Schweiz erprobt wurde und jetzt in Innsbruck erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, mitentwickelt und zigmal getestet. Er begleitet den Kurs. Auch um zu schauen, wie die gerade erst ausgebildeten Coaches sich mit dem ersten Kunden anstellen. „Wir können bei einem Wasserstand von maximal 3,6 bis 3,7 Meter ins Wasser. Heute passt es“, macht er sich keine Sorgen. Die Stelle bei Kranebitten, nahe dem (FKK)-Strand Hawaii, wo schon vor 50 Jahren Nackerte auf Brettern in den Inn sprangen, habe man gewählt, weil der Fluss hier breit sei und man viele Buchten habe, an denen man leicht ans Ufer gelangt.

Das Tosen des Wassers übertönt die nahen Autos. Immer noch tut man sich schwer mit diesem Sommer-Strand-Surf-Gefühl. Im dicken Neoprenanzug wird es wenigstens schnell warm. Livia geht nach einem Aufwärmprogramm, das genauso in Surfcamps in Portugal durchgezogen wird, Richtung Wasser und bespricht einige Grundsätze, zum Beispiel beim Tragen. „Finne vorne innen“, erklärt sie – bedeutet: Man hält das Brett so, dass man die Finnen immer sieht und nirgendwo damit anstößt.

Direkt am Ufer sitzen vier Jungs, sie trinken Bier und schauen sich die für Innsbruck so ungewohnte Sportart aus der Nähe an. Livia bleibt freundlich, aber streng: „Die Flaschen nehmt’s bitte wieder mit.“ Kein Müll wird am Strand gelassen, das ist ein Ehrenkodex unter verantwortungsvollen Surfern. Der Öko-Gedanke gehört zur Geschäfts­idee. Bei „Up Stream“ surft man nicht nur gegen den Strom, sondern ohne Strom. Das patentierte System läuft emissionsfrei, es wird nur durch das Unterwassersegel angetrieben. Der ökologische Fußabdruck ist gleich null.

Surfen am Meer hat den Nachteil einer langen Reise mit vielen Flugkilometern. Weil sich das der normalverdienende Tiroler nicht alle paar Monate leisten mag, gibt und gab es viele Versuche, das Erlebnis in die Heimat zu holen, meist mit stehenden Wellen in Flüssen.

Tiroler Wellen-Täler

In Silz konnten sich die Surfer die vergangenen Jahre austoben, doch die Welle funktioniert derzeit nicht. Vom Austrian-Surfing-Verband heißt es kryptisch, dass die wenigen bekannten Tiroler Spots von den ansässigen Nutzern nicht öffentlich gemacht würden. Im Salzburg gibt es künstliche und öffentliche Wellen. In München ist die Eisbachwelle weltberühmt. In Innsbruck scheiterte der Bau einer künstliche Welle bei der Sillmündung 2012 kläglich. Sie war nicht surfbar. Die Initiative „Eine Welle für Innsbruck“ hat sich 2017 zusammengeschlossen, um neue Standorte der Politik vorzuschlagen. Eine Umsetzung ist noch fern.

„Up Stream“, so funktioniert’s:

Herzstück von „Up Stream Surfing“ ist das rote „Unterwassersegel“. Es ist so konstruiert, dass es trotz Strömung an einer Stelle im Fluss bleibt. Erst wenn sich jemand auf das Segel setzt, bewegt es sich mit der Strömung mit. An dem Segel ist ein Ende eines Seils befestigt, das über Umlenkrollen bei einer Brücke wieder zurück ins Wasser verläuft. Am anderen Ende hält sich der Surfer fest. Das Segel liegt möglichst nahe bei der Brücke, der Surfer ca. 300 Meter weiter fluss­abwärts. Wenn sich nun jemand am Segel nach hinten lehnt, beschleunigt es, spannt das Seil und zieht so den Surfer durch den Fluss in Richtung Brücke. Infos und ein Video unter: www.upstreamsurfing.com

Zurück nach Kranebitten, wo der „Up Stream“-Anfänger erst an einem Seil übt, das fest an der Brücke hängt. Livia gibt Tipps, wie man sich im Inn verhält und im Idealfall surft. Auf den Knien klappt’s. „Jetzt versuch aufzustehen“, ruft sie. Klar, dass es nicht gleich hin- und es einen in den Inn haut. Auch beim zweiten und dritten Mal. Die Strömung reißt einen bis zur nächsten Bucht mit. Wieder auf Anfang. Livia gibt nicht auf: „Stütz dich erst mit der Hand am Brett ab, versuch die Balance zu halten und dann steh auf.“ Es wird später Nachmittag, eine Bucht weiter macht eine Fotografin von einer Frau Strandfotos. Langsam kommt Urlaubs-Feeling auf.

Und das mit dem Surfen wird auch noch, Livias Tipps fruchten nämlich. Beim vierten Versuch steht der Gelegenheitssurfer auf dem Brett. Zwei Sekunden, immerhin. Und es hat sich wie Surfen angefühlt. „Jetzt können wir aufs große System wechseln“, schlägt Livia vor. Immerhin ist der Sinn von „Up Stream“, dass man etwa 300 Meter und ca. 50 Sekunden lang durch den Inn gezogen wird. Michael Strobel zeigt es vor. Am Ende des Laufs springt er kopfüber ins Wasser. Er krault zum Ufer. Inzwischen ist der Besitzer des Strandgrundstücks, Josef Nocker, dazugestoßen. Er stellt den Grund zur Verfügung und möchte sehen, wie das System funktioniert. In ein paar Wochen eröffnet hier beim Radweg am Ende der Flughafen-Landebahn ein Strandcafé. Etwas Sand liegt auch davor. Zumindest an Land soll es so sein wie im Surf-Urlaub: Und im Wasser? „Es hat schon etwas von Wakeboarden, weil man ja gezogen wird. Aber man kann Turns machen wie im Meer, deshalb hat man ein ähnliches Gefühl dabei“, sagt Michael Strobel. Ab Mitte Juli, sobald die letzten Behördengänge bewältigt sind, kann man 3-Stunden-Sessions für 45 Euro buchen.

Michael Strobel hat "Up Stream Surfing" nach Innsbruck gebracht.
- TT/Julia Hammerle

Die drei Stunden heute sind noch nicht ganz um. Am Ufer wird ein Lagerfeuer entzündet. Jetzt fühlt man sich wie auf Sri Lanka. Aber der erste Versuch mit dem großen System muss warten, weil die Kräfte nachlassen. Der Fluss fordert seinen Tribut. Bei einem der sanften Schleudergänge muss ein Schluck Inn zu viel dabei gewesen sein. Das nächste Mal.

Livia und Emanuel dürfen durchatmen. Bei ihrem ersten Surf-Kurs im Tiroler Gewässer ist alles gut gegangen und die beiden Coaches haben sich jetzt ein bisschen Spaß verdient. Noch eine Stunde lang surfen sie auf dem Inn gegen den Strom, immer wieder und wieder, sie werden nicht müde. Emanuel lacht zwischen einem der Versuche auf: „Das in der Bucht weiter hinten ist jetzt ein Nackt-Shooting.“ Hawaii ist ganz nahe. Und als Livia etwas später aus dem Wasser steigt, leuchten ihre Augen, so als hätte sie gerade die perfekte Welle erwischt. „Das ist viel mehr als ein Kompromiss. Es macht Spaß wie am Meer.“