Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.07.2018


Brauchtum

Im Ötztal schnöllt’s

Am Anfang war es ein Jux. Inzwischen sind 30 Jahre vergangen und die Längenfelder leben das Goaßlschnöllen nach wie vor. Heute lassen sie es bei der Tiroler Landesmeisterschaft krachen.

© Thomas Boehm / TTAuch Frauen sind dabei: Alina Hausegger und Nadine Klotz tragen die Goaßl auf dem Arm tätowiert.



Von Theresa Mair

Längenfeld – Ein Blick auf das rechte Wadl genügt. Dann weiß man, wofür Renaldo Schöpf brennt. Der Längenfelder Zimmerer hat sich die Silhouette eines Goaßl­schnöllers tätowieren lassen. Mit knapp 18 übernahm er vergangenes Jahr den Obmannposten bei den „Längenfelder Goaßlschnöllern“. „Keiner wollte das machen. Wir hätten den Verein auflösen müssen, dann habe ich mir gedacht, dass das nicht geht“, erzählt er und man sieht in seinen Augen die Begeisterung für das alte Brauchtum funkeln.

Heute richten die Goaßlschnöller – mit ihren ungefähr 70, davon 30 aktiven Mitgliedern – die Tiroler Meisterschaft in Längenfeld aus und feiern gleichzeitig ihr 30-jähriges Bestehen. Schnöller-Mannschaften aus dem Unterland, wo das Aperschnöllen in der Fasnacht noch Brauch ist, um den Winter auszutreiben, werden erwartet. Aus Südtirol sind einige Vereine dabei. Dort ist die Tradition des Goaßl­schnöllens noch lebendiger als diesseits des Brenners, wo es zunehmend in Vergessenheit gerät. „Früher haben die Hirten um eine bestimmte Zeit auf der Alm geschnöllt, damit die im Tal wussten, dass alles in Ordnung ist“, erzählt Wolfgang Hausegger, der schon seit 25 Jahren dabei ist. Oder wie Schöpf sagt: „Das Schnöllen war früher das, was heute das Handy ist.“ Heutzutage lassen es die „Längenfelder Goaßlschnöller“ bei Almfesten, Hochzeiten und bei Almabtrieben krachen.

Die Goaßln lassen sich die Längenfelder in Südtirol von Hand flechten. Sie sind aus dem Leder einer Kuh oder Garn geflochten, das für mehr Festigkeit zusätzlich mit Pech bestrichen wird. Die Peitschen werden an einem aus Weidenruten gedrehten Stiel befestigt. Für den lauten Knall hängt der Schmitzel am Ende der Goaßl. Er sieht aus wie ein ausgefranster Wedel aus Nylonschnüren.

Bei den Bewerben kommt es aber nicht nur auf den Knall an, sondern auch darauf, in geschmeidiger Haltung mit der Goaßl eine Acht in die Luft zu ziehen, ohne mit der Peitsche am Boden zu streifen. Markus Koll, einer der Besten – da sind sich die Schnöller einig –, macht es vor. Der fünffache Tiroler Meister, der von Anfang an dabei ist, holt mit einem Ausfallschritt aus und malt mit Leichtigkeit eine halbe Acht in die Luft. Beim Zurückholen der Goaßl, also bei der Vollendung des Achters, tritt der Schmitzel in den Überschall und es schnalzt laut auf.

Im Bewerb gilt es, in 45 Sekunden 45 solche Schnöller abzulassen und das in einem schönen taktvollen Ablauf mit den Mannschaftskollegen. Das geht in die Arme der Schnöller und in die Ohren der Zuhörer. Die Jury steckt sich deshalb bei Bewerben wie Weltmeisterschaften mit bis zu 1000 Schnöllern Stöpsel in die Ohren, um die Lautstärke etwas abzudämpfen.

Doch auch wenn die „Längenfelder Goaßlschnöller“ gerne gewinnen möchten und großen Wert auf Fairness legen, allzu verbissen sehen sie die Wettbewerbe nicht. Es gibt viele witzige Geschichten zu erzählen, z. B. jene vom Goaßlschnöller, der beim Besuch im Kaunertal einmal versehentlich alle Tulpen auf einer Verkehrsinsel geköpft hat.

Schon der Verein ist „juxhalber“ entstanden, erinnert sich Koll. „Der Vater hat damit angefangen, weil wir Kinder nicht aufgehört haben zu sumsen. Dann hat er gesagt: ,Okay, wir machen einen Wettbewerb.‘ Früher haben sie ja nur zum Almabtrieb geschnöllt.“

Die meisten im Verein können das Goaßlschnöllen von klein auf. „Kinder haben noch die Euphorie und geben nicht so schnell auf“, sagt Obmann Schöpf. Denn ganz so ohne ist das Peitschenknallen nicht. Schnell einmal wickelt sich die Goaßl um den Hals oder streift die Schienbeine. Auf der Wange von Tobias Scheiber zieht sich eine lange Strieme, die zusehends immer blauer wird. Er hat seine neue Goaßl erst vergangene Woche bekommen – und sie offensichtlich noch nicht ganz eingepeitscht.

Jung begonnen, nämlich mit dreieinhalb Jahren, hat auch Alina Hausegger. Die 18-jährige Weltmeisterin wollte damals bei der Geburtstagsfeier ihres Papas Wolfgang nur ein bisschen länger aufbleiben. „Dann hat die Mama gesagt, dass sie wachbleiben darf, wenn sie das Schnöllen kann. Am Abend stand sie vor dem Haus und hat ge­schnöllt“, schildert der stolze Vater. Alina Hausegger und ihre Vereinskollegin Nadine Klotz sind ebenfalls tätowiert. Das Abbild einer Goaßl zieht sich über ihre Oberarme. Auch das mit den Tattoos ist aus einem Schmäh heraus passiert. „2003, vor der Weltmeisterschaft, haben wir ausgemacht, dass wir uns einen Goaßlschnöller tätowieren lassen, wenn wir Weltmeister werden. Wer kneift, muss die Tattoos zahlen“, sagt Wolfgang Hausegger grinsend.

Sie wurden Weltmeister. Keiner hat gekniffen – und einige Junge, wie Schöpf und die Frauen, haben bereits nachgezogen. Welcher Spaß den Ötztalern wohl heute einfällt? Eines ist sicher: Es knallt gewaltig.