Letztes Update am Fr, 10.08.2018 08:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zigarettenstummel

Stoppt die Verstummelung der Landschaft!

Der Umwelt zuliebe begann ein Spanier vor zwei Jahren in Barcelona Zigarettenstummel aufzuklauben. Mittlerweile hat er mit seiner Aktion „No más colillas en el suelo“ Mitstreiter in vielen Ländern der Welt gefunden. Auch in Innsbruck lohnt sich ein Blick auf den Boden – und sich zu bücken.

© TT/Rudy De Moor



Von Theresa Mair

Mit spitzen Fingern wandern die ersten Stummel in die Flasche. „I schmeiß’ sie dann nicht da auf den Gehsteig hin“, rechtfertigt sich ein qualmender Mann von links. „I wirf sie dannn da ummi“, sagt er und deutet auf die Fahrbahn, an deren Rand sich ein schmaler gelber Filtersaum gebildet hat. Gut zehn Meter entfernt beim Zebrastreifen wäre eigentlich ein Müllkübel montiert. „Nimm eine leere Flasche mit, zieh Handschuhe an. Kleb auf das T-Shirt einen Spruch wie ,Ich liebe meine Stadt‘ oder ,Keine Stummel mehr am Boden‘, damit die Leute wissen, dass du nicht verrückt bist,“ hatte Miquel Garau am Telefon geraten, als er von dem Vorhaben erfuhr, in Innsbruck Zigarettenstummel aufzusammeln. Letztere Empfehlung in den Wind geschlagen, also ohne T-Shirt-Aufdruck am Eingang zur Redaktion hockend, spürt man die argwöhnischen Blicke, die von oben herab auf einem ruhen. Passanten gehen vorbei, drehen sich noch einmal neugierig um, ein paar grinsen. Sei’s drum.

Tschicksammeln für die Umwelt

Der 33-jährige Sporttrainer Miquel Garau hat vor zwei Jahren den Kippen den Kampf angesagt und in Barcelona die Bewegung „No más colillas en el suelo“ (deutsch: „Keine Zigarettenstummel mehr am Boden“) gegründet. „Ich habe mich gefragt: Was würdest du machen, ohne dafür bezahlt zu werden? Daraus ist mein Interesse für den Umweltschutz entstanden.“

Die Reaktionen der Passanten auf seine Stummelpickerei seien durchwegs ermutigend. „Sie sagen, ,Es braucht mehr solche wie dich‘ und ,Die Menschen sind so schmutzig‘. Es öffnet ihnen die Augen, sonst starren sie nur auf ihr Handy“, schilderte Garau.

Unverständnis auf der Straße

Zurück auf der Innsbrucker Brunecker Straße, fünf Gehsteig-Meter und rund zwanzig Stummel weiter: Eine Frau schließt auf und schimpft, so dreckig sei die Stadt ja gar nicht. Man wolle sie sicher nur so schmutzig in der Zeitung darstellen, unterstellt sie dem Fotografen, der am heißen Asphalt liegend das traurige, verglühte Häuflein ablichtet.

Auch in Innsbruck hinterlassen Umweltsünder genügend Rauchzeichen.
- TT/Rudy De Moor

Dann schweift ihr Blick weiter in Richtung Kreuzung Museumstraße und sie scheint ihre Meinung zu ändern. Es sei schon eine Katastrophe, was die Leute alles wegwerfen. Sie selbst sei auch Raucherin – ihre Stimme hat es bereits verraten –, doch ihr würde es nie einfallen, die Kippe auf der Straße zu entsorgen. Die Frau geht ihres Weges, während sich das Zigarettensammeln ein bisschen wie eine Eiersuche anfühlt.

Mit dem Unterschied, dass am Ende keine schöne Überraschung wartet. Im Gegenteil: Selbst als Raucher vergeht einem schön langsam die Lust am blauen Dunst.

In Spanien klaubt Garau jeden Tag fünf Stunden oder länger Kippen auf, die andere achtlos weggeworfen haben. „Zwei Minuten im Mund, zwölf Jahre in der Umwelt“, sagt er.Der Gesellschaft fehle es an Umweltbewusstsein. Die meisten würden sich nur dafür interessieren, zu arbeiten und Geld heimzubringen. „Doch mein Haus hört nicht in der Wohnung auf. Mein Lebensraum ist mein Haus, ich liebe es und deshalb halte ich es sauber.“

Überall, wo Menschen sind, ist Dreck und sind Zigarettenstummel. Ganz wild sei es in Spanien vor den Krankenhäusern. „Das hat mich echt schockiert. Eigentlich ist in einem Umkreis von 100 Metern um das Klinikgelände Rauchverbot. Doch unter den ,Rauchen verboten‘-Plakaten stehen Ärzte, Patienten und Besucher, die qualmen – an einem Ort, an dem die Probleme der Nikotinsucht behandelt werden. Das ist ein Mangel an Kultur und Ethik“, empört er sich.

Straße als Aschenbecher

Seit 2005 in Spanien das Anti-Tabak-Gesetz eingeführt und das Rauchen in Lokalen verboten wurde, sei es nur noch schlimmer geworden. „Jetzt werfen die Raucher ihren Dreck einfach auf die Straße.“ Dabei sei in Barcelona alle 30 bis 50 Meter ein Müllkübel aufgestellt, viele davon mit Ascherohren. „Es gibt keine Ausrede“, sagt Garau.

Auf jedem Schritt drei Stummel findet Miquel Garau an Stränden wie hier in Barcelona. 

- Joan Bosque

Was in Spanien ist, dürfte hier nicht allzu anders sein. Im Inns­brucker Stadtgebiet motivieren 2500 Müllkübel mit frechen Sprüchen, sie zu befüllen. Doch die Tschick liegen häufig drumherum, besonders auffällig an den Bushaltestellen und rund um Bäume.Nur das Kopfsteinpflaster in der Maria-Theresien-Straße ist an diesem frühen Nachmittag blitzblank gefegt.Einzig in ein paar Ritzen bei der Annasäule klemmen hartnäckige Filter. Bis zu viermal am Tag geht Günter Kopp mit Kollegen die Runde, bis hinauf zur Salurner Straße. In seinem Wagerl, das er gerade im Durchgang zum Sparkassenplatz geparkt hat, befinden sich hauptsächlich Stummel.

Sammelmarathon

Auch bei uns sei es mit der Verschmutzung schlimmer geworden, seit Raucher öfter draußen bleiben müssen. „Es gibt so Hotspots. Nicht jedes Lokal stellt Aschenbecher draußen hin. Da liegt schon viel herum“, sagt Kopp, legt die Schaufel auf und zieht weiter.

Die meisten Innsbrucker Stummel werden von den Kehrmaschinen mitgenommen, wie Roland Paoli vom Straßendienst des Stadtmagistrats sagt. Er sieht die Verstummelung der Stadt eher gelassen. „Die Zigaretten sind zwar lästig, aber nicht so aufwändig zu entfernen wie Kaugummiflecken.“ Doch über Autofahrer, die beim Warten an der Kreuzung ihre Aschenbecher aus dem Fens­ter kippen, scheint er sich doch zu ärgern. Eigentlich wären in Innsbruck 50 Euro Strafe fällig, wenn man dabei erwischt wird, die Tschick am Boden zu entsorgen. Exekutiert wird das nicht. „Da müsste schon ein Polizist direkt daneben stehen“, erklärt Anna Aistleitner von der Kommunikationsabteilung der Stadt. Eine Sisyphosaufgabe.

Dabei hätte ein Marmeladeglas für die aufgerauchten Zigaretten oder ein Hand­aschenbecher in jeder Tasche Platz, findet Garau. Er will Raucher nicht entwöhnen, hat sogar selbst öfters gepafft. Es geht ihm um die Umwelt. „Deine Zigarette, deine Verantwortung“, betont er. Seine Bewegung hat auf Facebook inzwischen knapp 28.000 Anhänger. 40 „Botschafter“ haben sich – bisher v. a. in spanischsprachigen Ländern – der Aktion angeschlossen. Eine Mitstreiterin hätte die Reinigung von fünf Galapagos-Inseln organisiert, eine andere engagiert sich in Belgien. Sie gehen mit gutem Beispiel voran. Garau veranstaltet „Colillatones“, was sich aus colilla (Stummel) und Marathon zusammensetzt. Vom 13 bis 23. August säubern die Aktivisten die Buchten von Garaus Heimatinsel Mallorca. Über den Sommer möchten sie eine Million Kippen sammeln. Künstler bauen aus den Aschenbecherflaschen dann eine Skulptur – ein Mahnmal sozusagen. „Eine Einliter-Flasche fasst ungefähr 500 Stummel“, sagt Garau. Innerhalb eineinhalb Stunden Aufklaubens wurde die Flasche in Innsbruck zu drei Viertel voll.




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