Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 27.08.2018


Exklusiv

Tickets bei Viagogo? Ein No-Go

Karten für die Fußball-WM oder die Salzburger Festspiele – bei so großen Events tappten schon viele in die Online-Ticket-Falle. Jetzt hat es Besucher eines Theaterstücks in Mayrhofen erwischt.

© iStockphotoZum Leid der „Staudenkinder“ auf der Bühne in Mayrhofen kam der Ärger einzelner Besucher. Sie kauften auf Viagogo Karten zu Wucherpreisen.Fotos: Volksbühne Mayrhofen, iStock



Von Matthias Christler

Mayrhofen – Die Straße in Genf, in der das Ticketportal Viagogo den Hauptsitz hat, heißt „Rue du Commerce“ – die Handelsstraße. Man muss kein Schelm sein, um Böses zu denken. Denn viele Betroffene, die mit dem Unternehmen zu tun hatten, würden es lieber in der „Wucherstraße“ ansiedeln. In Mayrhofen nehmen einige sogar ein weiteres Wort in den Mund: „Betrug“.

Dazu muss man erst einmal wissen, wie Viagogo funktioniert: Die Seite sieht wie ein offizielles Verkaufsportal aus, ist jedoch eine Online-Börse, bei der Private ihre Tickets anbieten – wie am Schwarzmarkt. Als „Vermittler“ kassiert Viagogo eine Provision. Fußball-Fans, die schon lange horrende Preise beklagen, gründeten die Initiative ViaNoGo – frei übersetzt: Diese Seite ist tabu. Zuletzt häuften sich die Beschwerden. Die Salzburger Festspiele prüfen rechtliche Schritte; der Kitzbüheler Ski­club beschwerte sich wegen Wuchers bei Eintrittskarten für das Hahnenkammrennen; kurz vor der WM in Russland reichte die FIFA wegen unlauteren Wettbewerbs Strafanzeige ein.

Viagogo animiert die privaten Ticketverkäufer sogar zu Wucherpreisen, wie ein Test beweist: Eine Karte für das Spiel Wacker Innsbruck gegen Austria Wien kostet offiziell 17 Euro (Nord-Tribüne). Wer die Karte online weiterverkaufen will, erhält auf Viagogo folgenden Vorschlag angezeigt: „Damit sich Ihre Tickets schnell verkaufen, empfehlen wir Ihnen einen Verkaufspreis von 72 Euro.“ 72 Euro statt 17 Euro – bei größeren und schnell ausverkauften Spielen oder Konzerten schlagen Fans, die das Ereignis nicht verpassen wollen, eben auch beim Vierfachen des Preises zu.

Doch auf Viagogo zahlen inzwischen sogar Besucher kleinerer Veranstaltungen drauf – wie im Zillertal. Die Volksbühne Mayrhofen führte bis vergangenen Dienstag das Stück „Staudenkinder“ auf. Irma Ebster aus Fügen wollte sich das nicht entgehen lassen und prüfte im Internet, ob es noch Eintrittskarten gibt. „Normalerweise mache ich das über Ö-Ticket, aber ganz oben bei Google war eine andere Seite: Viagogo“, verriet die 76-Jährige. Sie kaufe seit Jahren regelmäßig online, unter anderem Zugtickets. Erstmals stutzig wurde sie, als sie den Preis für eine Karte sah: 43 Euro. „Ich dachte mir, Herrschaftszeiten, die Mayrhofner müssen sehr gut spielen. Trotzdem klickte ich weiter und wollte zwei Karten“, erzählt sie. Im letzten Schritt, kurz vor der Bezahlung, schoss der Preis in die Höhe: 25 Euro für diese Gebühr, dann noch etwas für eine weitere. Die Kosten für zwei Karten lagen schlussendlich bei 123 Euro.

Spätestens jetzt hätte man den Schlussstrich ziehen müssen. Doch Viagogo setzt den Käufer geschickt unter Druck: Ein Countdown zählt die Minuten herunter, in denen man sich entscheiden muss. Außerdem wird gewarnt, dass nur noch wenige Karten zu haben sind. Das suggeriert eine fast ausverkaufte Veranstaltung. Deshalb zahlte Ebster schnell mit ihrer Kreditkarte. Kurz darauf kam die Meldung, sie könne die Online-Tickets ausdrucken. Weil ihr die Summe doch überteuert vorkam, fragte sie beim Veranstalter nach.

Martina Schwemberger, Ob­frau der Volksbühne Mayr­hofen, kocht jetzt noch vor Wut. Es habe zu dem Zeitpunkt genug Karten gegeben – für 18 Euro das Stück. Ebster zahlte genau 123,27 Euro statt 36 Euro. „Diese Seite wirft ein ganz schlechtes Licht auf den Verein“, sagt Schwemberger. Kurz nachdem sie von dem Wucher erfahren hatte, warnte sie auf der eigenen Homepage davor. Trotzdem tappte noch eine zweite, 53-jährige Frau aus dem Unterland, in die Ticketfalle. Sie will anonym bleiben.

Beide kauften anschließend reguläre Karten für je 18 Euro direkt bei der Volksbühne. Sie versuchen derzeit, die Zahlung an Viagogo beim Kreditkarten-Institut rückgängig zu machen. Rechtlich gibt es kaum eine Handhabe. Das hat drei Gründe: Erstens ist es fraglich, ob die Masche tatsächlich Betrug ist. Zweitens hat man bei Veranstaltungskarten kein Rücktrittsrecht. Und drittens liegt der Geschäftssitz in der Schweiz, also außerhalb der EU, was die Rechtsdurchsetzung trotz Konsumentenschützern aus der EU sehr erschwert.

Ilona Zweckberger vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) berichtet, dass man schon in mehreren Fällen versucht habe, Kontakt mit Viagogo aufzunehmen. „Selbst auf eingeschriebene Briefe wird nicht geantwortet.“ Übrigens blieben Anfragen der TT-Redaktion auch unbeantwortet.

Die VKI-Expertin rät Konsumenten auf der Suche nach Tickets grundsätzlich: „Wenn man online kauft, sollte man genau nachsehen, wer der Vertragspartner ist und ob im Impressum Kontaktmöglichkeiten angegeben sind. Außerdem ist es ratsam, wenn möglich, die Karten direkt beim Veranstalter oder offiziellen Verkaufsstellen zu erwerben und in jedem Fall die Preise zu vergleichen.“

Irma Ebster will andere warnen. Das Theaterstück konnte sie trotz des Ärgers genießen. „Ich habe eben ein Lehrgeld bezahlt.“ Wie so viele andere vor ihr bei Viagogo. Der Widerstand wächst jedenfalls – mit ersten Erfolgen. Weil das Unternehmen auf eine Klage der Kabarettisten Viktor Gernot und Monika Gruber nicht reagiert, hat ein Gericht ein Versäumnisurteil gefällt. Auf der Plattform dürfen keine Karten für Veranstaltungen der Künstler mehr vertrieben werden.