Letztes Update am So, 09.09.2018 07:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Wie sich Menschen auf den Weltuntergang vorbereiten

Weltweit bereiten sich Menschen auf den Zusammenbruch der Zivilisation vor. Sie nennen sich „Prepper“, manchen davon reicht ein Fluchtrucksack oder eine gut gefüllte Vorratskammer. Superreiche kaufen sich in VIP-Bunker ein.

© iStockphotoMit einem guten Gefühl in die Katastrophe...



Von Matthias Christler

Die Weltuntergangsuhr tickt und ein Gremium von Atomwissenschaftern und Nobelpreisträgern entscheidet jedes Jahr, wohin sich der Zeiger bewegt. Im Moment steht er auf zwei Minuten vor zwölf, so nah vor einer globalen Katastrophe war die Welt zuletzt 1953. Die Atomabrüs­tungsverhandlungen wurden ausgesetzt und die Emissions-Klimaziele werden nicht erreicht. Das raubt den Menschen den Schlaf, und wenn sie doch einnicken, haben sie Albträume vom Ende der Welt – nicht wirklich. Der Großteil lebt eher nach der „Wird-schon-nix-passieren“-Einstellung. Aber es gibt auch eine kleine Gruppe von Personen, die sich um die großen Katastrophen und die kleinen vor der eigenen Haustür – von Hochwasser über Muren bis zu Stromausfällen – sorgt und sich auch darauf vorbereitet.

Adam Taggart aus Kalifornien hat Vorräte für 35 Jahre gelagert.
- AFP

Vorbereitet auf den Tag X

Sie nennen sich „Prepper“, eine Wortschöpfung aus dem Englischen, „to be prepared“, also „bereit zu sein. Sie lagern Lebensmittel ein, bereiten Fluchtrucksäcke vor oder bauen sich eigene Schutzbunker. Der 30-jährige Ben Pichler leitet als Administrator das Forum der „Austrian Preppers“. Auf der Plattform sind 400 Personen registriert, ca. 40 sind aktive Mitglieder.

„Wir tauschen uns über Vorratshaltung aus, was auf die Checklisten für den Fluchtrucksack gehört oder diskutieren auch über Themen wie Wasserfilter“, beschreibt der Familienvater die Funktion des Forums.

Ein Windrad auf der Überlebens-Expo in Paris. Damit wäre man unabhängig vom Strom.
- AFP

Von den so genannten „Doomsday-Preppern“ grenzt man sich bewusst ab: „Von uns sehnt sich keiner den Weltuntergang herbei.“ Pichler meint andere Szenarien, die viel naheliegender seien: Wenn z.B. im Garten eine Fliegerbombe gefunden wird und man schnell das Haus verlassen muss.

Oder wenn der Strom länger ausfällt. Oder auch nur, wenn man alleinstehend ist und eine Grippe hat und nicht das Haus verlassen kann. Er selbst hat Fluchtrucksäcke für seine dreiköpfige Familie vorbereitet und Vorräte für zwei Monate gelagert. „Das hört sich viel an, man benötigt dafür aber gar nicht so viel Platz.“ Andere „Prepper“ bereiten auch Fluchtorte vor, die sie im Falle einer größeren Katastrophe ansteuern können. Das seien, so Pichler, meist Ferienhäuser außerhalb größerer Städte. „Denn dort will man dann eher nicht sein.“ Er meint damit, dass in Großstädten schon nach wenigen Tagen ohne Strom das Chaos ausbricht. Es wird geplündert, man bekommt kaum Informationen, ist in der Masse auf sich allein gestellt. Am Land, so der Wiener, müsse man sich weniger Sorgen machen. „Da kann die örtliche Feuerwehr einen informieren.“

Auf die Sicherheitsinsel

Damit auch die unvorbereitete Bevölkerung im Krisenfall nicht die Orientierung verliert, will die Bundesregierung in jedem Bundesland Kasernen zu Sicherheitsinseln ausbauen. „Preppern“ wird oft auch unterstellt, dass sie staatlichen Organisationen nicht vertrauen und sich ein Scheitern des Systems, wie es derzeit herrscht, wünschen würden. Pichler verneint das. „Wenn wir nicht darauf vertrauen würden, dass die Organisationen die Katastrophe nach einer gewissen Zeit in den Griff bekommen, würden wir nicht Vorräte für zwei Monate, sondern für zwei Jahre bunkern.“ Eines aber kritisiert er schon. In anderen Ländern gebe es Lebensmittelbunker, von denen aus die Bevölkerung monatelang versorgt werden könnte. „In Österreich fehlt das.“

Die Einfahrt in den Survival-Condo-Bunker für Superreiche.
- Survival Condo Project

In anderen Ländern, vor allem in den USA, nimmt die „Prepper“-Lebenseinstellung überdimensionale Ausmaße an. Vor allem Superreiche wollen sich mit Geld die völlige Sicherheit beim drohenden Weltuntergang erkaufen. Dem Magazin The New Yorker wurde Einblick gewährt in das Survival-Condo-Projekt im Norden von Kansas. In einer ehemaligen Startvorrichtung für militärische Raketen entsteht auf 15 unterirdischen Stockwerken ein Luxusapartment-Komplex.

Ein Pool darf nicht fehlen.
- Survival Condo Project

Für drei Millionen Dollar erhält man folgenden Luxus: 1820 m2 Wohnfläche mit drei Schlafzimmern, die „Fens­ter“ simulieren einen Blick nach außen; Fünf-Jahres-Verpflegung pro Person; eine Schulung; Zugang zum hauseigenen Pool. Schöner Wohnen im Untergang. Oder wie R.E.M. singen: „It’s the end of the world as we know it and I feel fine“, zu Deutsch: „Es ist das Ende der Welt, wie wir es kennen, und ich fühle mich gut.“

Auf 15 Stockwerken können VIPs das Chaos überstehen.
- Survival Condo Project

Im Moment aber dürften die Superreichen nur ein Gefühl kennen: Angst. Angst, dass ihnen eine Katastrophe ihre Leben in Saus und Braus beendet. Der deutsche Psychologe Wolf-Detlef Rost kann sich vorstellen, dass noch mehr dahintersteckt. „In wohlhabenden Kulturen ist die Angst oft stärker vertreten. Es beschleicht einen ein inneres Ungleichgewicht, weil es einem zu gut geht. Man bekommt Schuldgefühle, weil man auf Kos­ten der Dritten Welt lebt oder weil man den Planeten ausplündert“, erklärt er, warum Apokalypse-Szenarien Hochkultur haben.

Für die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung schrieb er 2012 einen Beitrag über Weltuntergangsängste anlässlich des auslaufenden Maya-Kalenders. Es gibt Parallelen zu den „Doomsday-Preppern“. „Schon in der Bibel gab es diese Szenarien, wie bei Sodom und Gomorra. Nur dass die Religion bei uns zunehmend in den Hintergrund tritt, aber die Unvereinbarkeit des Todes gibt es immer noch. Und im Untergang will man weiterhin nicht alleine sein“, glaubt Rost.

Minimalistisch leben

Wie 2012 mit der Maya-Apokalypse, wo esoterische Ratgeber einen Boom erlebten, können sich auch „Prepper“ mit allerhand Literatur eindecken oder mit vorgefüllten Fluchtrucksäcken um 300 Euro. „Mit der Angst lässt sich viel Geld machen“, sagt Ben Pichler, der von solchen Angeboten abrät.

Ganz im Gegenteil. „Wir teilen die Checklisten gratis, wir wollen uns gegenseitig helfen. Und als ,Prepper’ habe ich gelernt, dass man mit wenig auskommen muss. Viele versuchen sich als Selbstversorger.“ Und das sind schließlich Ansätze, die helfen sollten, dass die Welt noch lange nicht untergeht.

Weltuntergangs-Vorbereiter in Österreich