Letztes Update am Di, 11.09.2018 09:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gerlinde Kaltenbrunner

Still werden, um seine innere Stimme zu hören

Die 14 Achttausender sind Geschichte. Zu erzählen hat Gerlinde Kaltenbrunner aber immer noch viel. Heute geht es um das Erreichen von Zielen und gesunde Ernährung. Oder sie wandert mit Gleichgesinnten wie zuletzt in St. Christoph am Arlberg.

© Patrick BaetzDie Achttausender 
sind Geschichte, 
heute genießt Gerlinde 
Kaltenbrunner die Berge 
anders – wie hier auf dem 
Weg zum Wirt in St. Christoph.



Man kann den Herbst schon riechen. Und das nicht nur, weil die Temperaturen um fünf Uhr morgens daran erinnern, dass es, früher als einem lieb ist, wieder kalt werden wird. Schnell eine vierte Schicht übergestreift und die Stirnlampen in Betrieb genommen. Rund 600 Höhenmeter geht es von St. Chris­toph am Arlberg aus auf den 2339 Meter hohen Wirt. Abmarsch.

Nur eine scheint nicht kalt zu haben und zeigt keine Unsicherheit, im Dunkeln Schritte im alpinen Gelände zu setzen. Aber Gerlinde Kaltenbrunner ist ja auch keine 08/15-Bergsteigerin. Und die Tour für die 47-Jährige ein Klacks.

Auf allen 14 Achttausendern stand die gebürtige Oberösterreicherin schon: als erste Frau ohne die Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff. Sieben Jahre ist das jetzt her und dass sie noch einmal so hoch hinauf, in die sauerstoffarme Todeszone müsse, hat Kaltenbrunner nie mehr gespürt. „Ich genieße die Berge jetzt in einer anderen Form“, erzählt sie beim Gehen. Statt eines Achttausenders stehen nun Sechstausender auf dem Programm, Kaltenbrunner geht viel Felsklettern, macht auch „schöne Bergtouren“, wie sie es nennt. Und wer Angst gehabt hat, dass sie bei einer Wanderung mit „Normalos“ einfach drauflosrennt, der wird eines Besseren belehrt.

Das oberste Ziel

Die Oberösterreicherin steigt gleichmäßigen Schrittes bergauf, bremst zu Schnelle ein, weil sie weiß, dass das Pulver oft schnell verschossen ist, gibt einem Mitglied der Gruppe Geh-Tipps. Aber Wettlauf hat sich Kaltenbrunner ohnehin nie einem ausgesetzt. Das war schon bei den Achttausendern so, als zeitgleich eine Südkoreanerin und eine Spanierin den Titel der ersten Frau auf allen Achttausendern für sich beanspruchen wollten.

„Mein oberstes Ziel war immer die gesunde Rückkehr“, hat sie einmal in einem TT-Interview gesagt. Und wer Kaltenbrunner besser kennt, weiß, dass das eine ehrliche Antwort war und nicht die Entschuldigung dafür, nicht doch die Schnellste gewesen zu sein.

Ihre Authentizität mag auch der Grund sein, warum sie noch immer zahlreich für Vorträge gebucht wird. Mit Themen, die auf der Hand liegen: Wie erreicht man seine Ziele – so wie Kaltenbrunner alle Achttausender? Wie reagiert man auf unvorstellbare Situationen – etwa kurz vor dem Ziel umkehren zu müssen oder den Bergkameraden neben sich in den Tod stürzen sehen? „Dafür braucht es vor allem die volle innere Begeisterung“, gibt Kaltenbrunner Antwort auf die erste Frage. Trotz aller Tragik Ruhe für die maßgeblichen Entscheidungen bewahren, lautet die zweite Antwort. Doch gerade Menschen, die sehr im Kopf verankert seien, würden oft ihre innere Stimme nicht mehr hören. „Die lassen keine Ruhe mehr einkehren. Daher versuche ich zu vermitteln, dass es wichtig ist, in sich still zu werden. Und dann auf seine Intuition zu hören.“

Unverzichtbares Yoga

Langsam wird es heller. Als die Sonne sich allmählich zeigt und die Gruppe gerade auf einem Hochplateau angekommen ist, fällt die Rede auf Yoga. Der Platz hier oberhalb von St. Christoph mit traumhaftem Blick auf St. Anton und die umliegenden Bergspitzen wäre nämlich ideal, um aus der Theorie Praxis zu machen. Yoga ist auch für Kaltenbrunner unverzichtbares Thema. Nicht nur wegen der Körperdehnung. „Asanas, die Yoga-Übungen, verhelfen zu bewusstem Atmen. Das beruhigt den Geist, man kommt in seine Mitte“, erzählt sie. Und so finden sich auf ihrer Homepage auch Angebote wie „Yoga und Bergwandern“. Der Yoga-Sonnengruß – eine Übung – wird auf dem Weg zum Wirt aber vorerst einmal verschoben.

Halb acht Uhr ist es, als der höchste Punkt mit traumhaftem Rundumblick erreicht ist. Tee und Jause werden verteilt. Kekse lehnt Kaltenbrunner ab. Seit zehn Jahren ernährt sich die 47-Jährige vegan, trotzdem hat sie es auf die höchsten Gipfel geschafft. In ihren Vorträgen geht es daher oft auch um dieses Thema. „Meinem Körper hat diese Ernährungsumstellung gutgetan. Dem Geist auch“, sagt sie lachend.

Wer will, bekommt von Kaltenbrunner Tipps, worauf bei der „tierfreien“ Kost zu achten ist. „Ich will aber niemanden missionieren“, so ihr Nachsatz, den sie gar nicht sagen hätte müssen. Denn das würde auch gar nicht zu einer Gerlinde Kaltenbrunner passen. (Irene Rapp)