Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.10.2018


Freizeit

Zu Besuch bei Wohnmobil-Fans: Auf vier Rollen statt in vier Wänden

Ich reise, also bin ich: Moderne Aussteiger erkunden im Wohnmobil die Welt, nennen das „Vanlife“ und verdienen als digitale Nomaden ihr Geld. Eine von ihnen ist die Zirlerin Melanie Schlotze. Ein Bericht über ein Leben jenseits der Komfortzone mit einer Extraportion Freiheit.

© Rene SchmidRené Schmid (53).



Von lautem Geklapper ist Melanie Schlotze (34) im Frühjahr bei Bordeaux in Frankreich aufgewacht. Sie dachte an Frauen in Stöckelschuhen. Doch wie das auf einem Campingplatz im Wald? „Es stellte sich heraus, dass es Hirsche waren", erinnert sie sich. In solchen Momenten weiß sie, warum sie so gerne frei lebt.

Marketing aus dem VW-Bus

Die Zirlerin, die am MCI in Innsbruck Unternehmensführung im Tourismus studierte, war lange im Marketing tätig. Ebenso wie ihr Ehemann Jürgen. Gemeinsam haben sie 2017 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und ihre Kompetenzen zusammengelegt. Mit ihrer Firma Lifetravellerz bieten sie einen Blog und Online-Marketing an. „Wir helfen unseren Kunden im Internet, besser gefunden zu werden", erklärt Melanie Schlotze. Ihr Büro ist einen großen Teil des Jahres ihr Bus „Luigi". Zwischenstopps in der eigenen Wohnung am Mondsee gibt es, die werden aber immer seltener. Das ganze Jahr — im Winter in Südafrika, im Sommer in Europa — sind sie auf der Suche nach dem richtigen Kite-Spot oder dem idealen Gewässer zum Stand-up-Paddling.

„Dabei arbeiten wir sicher nicht weniger als vorher", betont die Zirlerin. „Aber der Trick ist, dass es sich nicht nach Arbeit anfühlt." Wenn die 34-Jährige an ihren festen Job zurückdenkt, kann sie nur den Kopf schütteln: „Ich muss­te täglich 45 Minuten zur Arbeit fahren." Für sie heute undenkbar. Gerade war sie am Comer See in Italien. Am Campingtisch war das Büro. Die Bilanz: Anreise zum „Arbeitsplatz" am Campingtisch rund fünf Sekunden.

Der "rote Horst".
- Nima

Aussteiger mit Botschaft

Ein Pionier des „Vanlife"-Lebensstils, der von Tausenden Bloggern propagiert wird, ist der US-Amerikaner Foster Huntington. Der Fotokünstler kündigte vor sechs Jahren seinen hochdotierten Job bei Designer Ralph Lauren in New York und stieg in seinen VW-Bus. Online startete er das „Burning House Project". Die Frage, die er ins Netz stellte: Was nimmst du mit, wenn dein Haus brennt? Ein Beitrag zur Minimalismus-Debatte, also zum Diskurs darüber, wie viel wir eigentlich zum Leben (nicht) brauchen. Das ist natürlich der Auswuchs einer westlichen Wohlstandsgesellschaft. Es spiegelt aber auch sehr treffend das Lebensgefühl der jetzigen Generation um die 30 wider, die auf Work-Life-Balance statt Burn-out setzt. „Microliving" ist in, dazu zählt auch der Van.

Zu zweit bereisen Melanie und Jürgen Schlotze ihre Traumziele.
- lifetravellerz
Die Frankfurterin Nima Ashoff.
- Nima

Das merkt man auch beim Österreichischen Campingclub, meint Leiter Martin Holzer: „Wir sehen das als absolutes Zukunftsthema." Im September fand in Österreich erstmalig die Messe „Van Days" in der Steiermark statt. Dort wurde eine Frage intensiv diskutiert: Was ist mit der Meldeadresse? Dazu sagt Markus Troger, Leiter des Meldewesen der Stadt Innsbruck: „Wer seinen Wohnsitz aufgibt, muss sich nach drei Tagen am neuen Aufenthaltsort melden." Meist wird jedoch ein Wohnsitz behalten. Dann muss auf Reisen nach zwei Monaten das Meldeamt informiert werden. Regen Austausch zum Thema bieten Facebook-Foren wie „Leben im Wohnmobil" an.

Der Albtraum Campingtoilette

Aber nicht nur, wenn es um Bürokratie geht, ist das Leben im Van nicht immer ganz so cool. Als Melanie Schlotze heuer auf dem Weg zum Nordkap in einer nassen Nacht die Toilette am Campingplatz aufsuchte, traute sie ihren Augen nicht: „Es war widerlich. In dem Moment habe ich mir so sehr ein eigenes Badezimmer gewünscht." Am Tag darauf wurde sie mit einer romantischen Nebelstimmung über dem See entschädigt, alles war vergessen. Es braucht eben die richtige Einstellung, um als Camper zu überleben. Und wenn man als „Vanlifer" mal durchhängt, hilft der Gedanke an diejenigen, die zu Hause im Büro hocken und schuften. Jürgen Schlotze trägt deswegen gerne ein freches T-Shirt mit der Aufschrift „You work, I surf."

Der Steirer Martin Strauß reist mit "der Nuss".
- Privat

Wildcampen statt kaputtschuften

Bis 50 lief René Schmids (53) Leben geregelt ab. „Ich habe vier Kinder großgezogen, eine KFZ-Firma aufgebaut und von Buchhaltung bis zu Reparaturen alles selber gemacht", sagt der Schweizer. Dann kam die Depression. Sein Befreiungsschlag: alles verkaufen und ins Wohnmobil umsteigen. „Heute habe ich nur noch wenig Verantwortung", meint er glücklich. Wehmut schwingt da aber mit, denn seine Ehe zerbrach am neuen Lebensstil. Schmid rollt jetzt alleine durch Europa.

Diese Woche parkte er seinen MB VARIO 815 D mit Phoenix-Aufbau in Rumänien auf einer Landzunge (Bild). Das Wohnmobil ist sein Heim und ein Unikat. Schmid kocht nämlich mit Solarenergie statt mit Gas. Das Fach, in dem einst die Gasflaschen steckten, beherbergt jetzt eine Mini-Waschmaschine. Es ist eines von vielen Kunststücken, nachzulesen auf www.womo-adventure.com. Ein Tausendsassa ist Schmid nämlich geblieben. Aussteigen hin oder her.

Für immer auf Achse mit dem roten Horst

Vor 14 Jahren traf die Frankfurterin Nima Ashoff auf der Brandstatt-Alm im Tiroler Stubaital auf ein „süßes, acht Wochen altes Fellknäuel". Und nahm es mit. „Das war eine „Entscheidung, die ich nie bereut habe, Luna ist ein Traumhund", sagt Ashoff von Herzen. Und die zweite Entscheidung, die die 44-Jährige, die als Coach ihr positives Lebensgefühl weitergibt (www.abenteuer-unterwegs.de), nie bereut hat: den Umstieg ins Wohnmobil. Das war vor drei Jahren ... Wer Nima Ashoff derzeit eine Mail schreibt, bekommt ein gut gelauntes „Kalimera" zurück. Sie ist gerade mit ihrem Lebenspartner Steve (38) und inzwischen drei Hunden (am Foto von l.: Luna, Jule und Merle) in Griechenland unterwegs. „Der rote Horst", wie sie ihren alten Mercedes-Bus 608 Düdo mit Oldtimerkennzeichen getauft haben, ist ihr Zuhause. Der derzeitige Parkplatz: der Strand des westgriechischen Fischerdörfchens Ammoudia. Dass das alles zauberhaft klingt, weiß Ashoff, dennoch steckt auch hinter diesem Leben Arbeit. „Es setzt sogar sehr viel Disziplin voraus", meint die Nomadin. Denn wer am Strand sitzt und totzdem den Laptop aufklappt, muss ganz schön tapfer sein. Ihr Zugang klingt dennoch traumhaft gut: „Ich will ein Leben, von dem ich keinen Urlaub mehr brauche.

Arbeit in Tirol, überall daheim

„Die Nuss" nennt der Steirer Martin Strauß (38) seinen Fiat Ducato Dethleffs von 1985, „weil er hellbraun und unförmig ist". Mit Stärke kann das Wohnmobil nicht punkten, gerade mal 72 PS hat der Wagen. „Aber er hat mich noch überall gemütlich hingebracht", sagt Strauß. Wohin, das kann man auf seiner Facebook-Seite unter „Die Reise mit der Nuss" nachlesen. Der Hobbyfotograf stellt dort regelmäßig seine Bilder online. Atemberaubend sind die Anblicke, die er von den Nordlichtern auf der Insel Senja und der Bucht bei Nykvåg (Bild) in Norwegen eingefangen hat. Das Reisen liegt Strauß im Blut, viel unterwegs war er schon immer. Wenn er zurückdenkt, klingt es fast so, als wäre er niemals sesshaft gewesen. Endgültig ist er es nicht mehr seit 2014. Da verkaufte er seine Sachen, lagerte den Rest bei den Eltern in Graz im Keller und stieg ins Wohnmobil. Nur im Winter macht er Pause. Den verbringt er am Arlberg, um als Chauffeur sein Geld für das restliche Jahr zu verdienen. Strauß rollt also immer durchs Leben — um zu arbeiten oder zu leben. Aber er trennt es strikt: „Beim Reisen möchte ich mich auf die Gegend konzentrieren können."