Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.10.2018


Osttirol

Schloss Bruck in Lienz zeigt Graffiti anno 1543

In der Kapelle von Schloss Bruck verewigten sich 780-mal Besucher vieler Jahrhunderte – nicht alle auf fromme Weise.

Auch unter dem Bett der Heiligen Maria haben sich Schlossbesucher verewigt, einer sogar auf Altgriechisch, wie Wissenschafter Romedio Schmitz-Esser zeigt.

© OblasserAuch unter dem Bett der Heiligen Maria haben sich Schlossbesucher verewigt, einer sogar auf Altgriechisch, wie Wissenschafter Romedio Schmitz-Esser zeigt.



Von Catharina Oblasser

Lienz — „Maria, du Schönste, hilf den Leuten" lautet einer der vielen Sprüche, die sich an den Wänden der Kapelle von Schloss Bruck in Lienz finden. „Hic fuit" (Hier gewesen) ist mehr als einmal anzutreffen. Aber auch Scherze auf Altgriechisch oder Inschriften auf Hebräisch, Englisch und Arabisch wurden im Laufe der Jahrhunderte an den Mauern angebracht — Graffiti anno dazumal.

Die Hauptattraktion in der Schlosskapelle sind eigentlich die prächtigen Fresken, mit denen Simon von Taisten rund um 1480 die Wände geschmückt hat. Im Zuge der Kapellenrestaurierung stachen dann die vielen Einritzungen, Rötel- oder Kohlezeichnungen bzw. -schriften immer mehr ins Auge, sagt Museumsleiterin Silvia Ebner. Vor rund einem Jahr begann Historiker Romedio Schmitz-Esser gemeinsam mit Anna Petutschnig und Elisabeth Tangerner, die alten und neueren Graffiti eingehend zu erforschen.

Die Nachwuchsforscherinnen Anna Petutschnig und Elisabeth Tangerner widmeten sich monatelang Graffiti.
Die Nachwuchsforscherinnen Anna Petutschnig und Elisabeth Tangerner widmeten sich monatelang Graffiti.
- Schmitz-Esser

Die Ergebnisse sind beeindruckend und spiegeln die wechselvolle Geschichte des Schlosses und der zweigeschoßigen Kapelle wider. „Wir haben rund 780 Graffiti erhoben, abfotografiert, katalogisiert und digitalisiert", sagt Schmitz-Esser. Bei jeder dritten Einritzung bzw. Zeichnung hinterließ der Autor die Jahreszahl seines Beitrags, eine davon geht bis ins Jahr 1543 zurück.

Man fand aber auch Graffiti, die vom Ende des 20. Jahrhundert stammen. So zum Beispiel die Erinnerung an „Lilly und Ray" aus dem Jahr 1946 oder eine Eintragung von Besuchern, die 1968 die Spuren ihrer „ancient fathers" verfolgt hatten. „Die Graffiti auf Schloss Bruck bilden einen der größten und interessantesten Bestände dieser Art in Tirol", erklärt Historiker Schmitz-Esser, der auch schon im Tiroler Oberland oder in Hall tätig war.

Anna Petutschnig und Elisabeth Tangerner sichteten vergangenen Winter die Kapellenwände in mühsamer Kleinarbeit und zentimeterweise. Sie entdeckten unter anderem eine Inschrift, die von einem der früheren Besitzer des Schlosses stammt, nämlich von der Adelsfamilie Wolkenstein-Rodenegg aus dem 16. Jahrhundert. Namen finden sich generell häufig an den Kapellenwänden, berichtet Petutschnig. „Die Schreiber haben sich selbst verewigt, manchmal haben sie mehrere Male angesetzt, um ihren Namen in die Mauer zu ritzen." Auch die Heiligen, die in den Fresken dargestellt werden, haben viele Besucher fasziniert. Ein Besucher mit dem Vornamen Johannes hinterließ seine Inschrift auf der Brust seines Namenspatrons. Ein anderer verewigte sich namentlich auf einem gemalten Buch neben dem Bett der Heiligen Maria. Weniger fromm ist die Zeichnung eines Galgens, der den Namen des Schreibenden umgibt. „Ob dieser damit auf die Sterblichkeit des Menschen hinweisen wollte oder etwas ganz anderes im Sinn hatte, lässt sich heute nur noch schwer sagen", meint Elisabeth Tangerner.

Generell bieten die Graffiti aus der Schlosskapelle nicht nur neue Erkenntnisse, sondern lassen auch Fragen offen. „Manche Einritzungen wurden im Nachhinein wieder durchgestrichen", erklären die jungen Forscherinnen. „Oft kann man sie nicht mehr entschlüsseln." Einige Graffiti sind mit nur zwei Millimeter großen Buchstaben geschrieben, manche Einträge erfolgten übereinander oder sind einfach nicht entschlüsselbar.

Die Ergebnisse der Graffiti-Forschung in Lienz sollen jedenfalls in Zusammenarbeit mit Schloss Bruck veröffentlich werden, meint Wissenschafter Romedio Schmitz-Esser. Was über die letzten fünf Jahrhunderte möglich war — nämlich die Kapellenwände für persönliche Botschaften zu nutzen — ist heute übrigens tabu. „Im Schloss ist immer Aufsichtspersonal anwesend", schmunzelt Leiterin Silvia Ebner.