Letztes Update am Mi, 07.11.2018 12:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schriftart

Sans Forgetica: Eine „kaputte“ Schrift gegen das Vergessen

Forscher der australischen RMIT Universität haben eine neue Schriftart entwickelt, die schwer zu lesen ist und mit der sich Texte besser merken lassen sollen. Sans Forgetica kann jeder kostenlos nutzen.

© sansforgetica.rmit



Von Evelin Stark

Die Ausrede, den gelernten Stoff gleich wieder vergessen zu haben, können Studenten und Schüler von nun an – genau – vergessen. Australische Wissenschafter haben nämlich eine Schriftart erfunden, die das Hirnschmalz anregt und das Pauken leichter macht.

Die Forscher des Melbourner Behavioral Business Lab der RMIT-Universität (Royal Melbourne Institute of Technology) haben Design- und Psychologieprinzipien kombiniert, um eine Schrift zu erstellen, die Schülern und Studenten dabei hilft, sich an das zu erinnern, was sie gelesen haben. Sans Forgetica – ein Wortspiel aus den Schriftarten Comic Sans und Helvetica, und der Idee, nicht zu vergessen – ist um acht Grad nach links geneigt und hat Lücken in den Buchstaben.

Das Gehirn braucht Zeit

Da die klassischen Schriftarten Menschen dazu verleiten, zu schnell zu lesen, muss dieser Prozess künstlich verlangsamt werden, so die These der Forscher. Wenn nämlich Informationen zu einfach zu erhalten sind, würden im Gehirn keine intensiven geistigen Anstrengungen unternommen. Sans Forgetica hilft dem Gedächtnis, indem sie es für die Menschen schwieriger macht, einen Text zu lesen, der in dieser Schriftart geschrieben wird. Damit ist das Gehirn gezwungen, härter zu arbeiten, um die Buchstaben zu entziffern.

„Sans Forgetica arbeitet nach einem Lernprinzip, das als wünschenswert bezeichnet wird. Hier wird dem Lernprozess ein Hindernis hinzugefügt, um eine tiefere kognitive Verarbeitung zu fördern, was zu einer besseren Speichererhaltung führt“, sagt Jo Peryman, Vorsitzende des Behavioral Business Lab.

Angesichts einer unbekannten Gruppe von Schriftzeichen versuche der Geist, die Formen zu vervollständigen, was ihn verlangsamt. „Wenn man länger bei jedem Wort verweilt, hat das Gehirn mehr Zeit, sich mit tieferer kognitiver Verarbeitung zu beschäftigen, was die Informationserhaltung verbessert“, so die Wissenschafterin. In ihrer Arbeit fanden die Forscher auch heraus, dass eine zu schwer lesbare Schrift kontraproduktiv wäre: Das Gehirn könnte sie nicht verarbeiten und somit würde auch keine Gedächtnisspur entstehen. Sans Forgetica liege genau an dem Punkt, an dem gerade genug Wahrnehmungsregeln gebrochen würden, um diese Gedächtnisspur zu erzeugen.

Umfangreich getestet

Perymans Team entwarf drei Schriftarten, von denen jede ein Stück mehr „kaputt“ war. Insgesamt kamen 100 Studenten in das Labor, um an Tests teilzunehmen und weitere 300 nahmen an einem Online-Experiment teil. Die Ergebnisse zeigten, dass Sans Forgetica das Erinnerungsvermögen der Teilnehmer um sieben Prozent erhöhte.

„Das ist das erste Mal, dass spezifische Prinzipien aus der psychologischen Theorie mit Ideen aus der Designtheorie kombiniert wurden, um eine Schrift zu erstellen“, sagt Peryman. Die Schrift wurde für Schüler entwickelt, die unter Prüfungsstress stehen. Die Forscher glauben aber, dass sie auch beim Sprachenlernen helfen kann. Oder älteren Menschen, die unter Gedächtnisverlust leiden.




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