Letztes Update am So, 18.11.2018 07:14

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Respekt für die kluge Ziege: Den Bock zum Doc machen

Da gibt’s nichts zu meckern: Kein Tier ist so genügsam und unterhaltsam wie die kluge Ziege. In der Antike verehrt und im Mittelalter verteufelt startet der Hornträger auch in Tirol neu durch.

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Von Silvana Resch

Ist ein Ziegenbock im Stall, sind die restlichen Tiere gesund.“ Eine alte Bauernweisheit, für die der Silzer Ziegenbauer Stefan Scheiber keine Erklärung hat: „Vielleicht liegt es am G’schmack“, vermutet der Bio-Landwirt, der mit „G’schmack“ den beißenden Gestank, den ein Bock zur Brunftzeit verströmt, freundlich umschreibt. Johann Jaufenthaler vom Ziegenzuchtverband Tirol findet deutlichere Worte: „Einen Bock haben und im Büro arbeiten, geht nicht.“

Dass der Ziegenbock für die Stallgesundheit verantwortlich sein soll, hält auch Jaufenthaler für Aberglaube. Weil das Zusammenleben einer Herde mit Bock aber besser funktioniere, hat doch „jeder dritte Ziegenhalter in Tirol ein männliches Tier mit dabei“.

Teuflisches Image

So zählt auch Stefan Scheibers Milchziegenherde bei rund 200 Tieren „ein paar Böcke“. Sein feiner Bio-Ziegencamembert ist in ausgewählten Supermärkten zu finden. Die leicht verdauliche Ziegenmilch – die zudem für Kosmetika stark gefragt ist – hat sich längst ihren Platz im Kühlregal erobert. In der Ernährung von Kranken, Säuglingen und Kleinkindern feiert das flüssige Nahrungsmittel eine Renaissance. Schließlich wurde bereits Göttervater Zeus von der Nymphe Amaltheia mit Ziegenmilch aufgepäppelt. In manchen Quellen heißt es, die Nymphe sei dafür selbst in eine Ziege verwandelt worden. Als dieses göttliche Tier Klein-Zeus vor seinem argwöhnischen Vater Kronos beschützte, verlor es eines der beiden Hörner. Das „magische Horn“ wurde als Füllhorn zum Attribut aller Segen spendenden Götter.

Im Mittelalter hingegen wurde die Ziege und vor allem der Bock zum Symbol für das Böse. Hirtengott Pan mit seinen Bocksfüßen und Hörnern musste als Abziehbild für den Teufel herhalten. Vorurteile haften der als „hinterfotzig“ verschrienen Ziege bis heute an. Dabei punktet der intelligenteste aller Wiederkäuer mit einer ganzen Reihe von Vorzügen.

Neben hochwertigen Nahrungsmitteln – Milch und Fleisch – liefert der Paarhufer Horn, Fell und Wolle. Zweieinhalb bis fünf Kilo Mohair bringt die Schur der Angoraziege pro Jahr, bei der Kaschmirziege fallen beim Auskämmen des Unterhaars alle zwölf Monate lediglich 90 bis 120 Gramm kostbarste Kaschmirwolle ab.

Neben ihrer Genügsamkeit – Ziegen können selbst stachelige Disteln und Giftpflanzen verwerten – besitzen die Hornträger nach dem Kamel auch die größte Anpassungsfähigkeit an Hitze und Wassermangel. Die „Kuh des kleinen Mannes“ ist neben dem Schaf das ältes­te aller Haustiere und so gut wie auf der ganzen Welt zuhause.

Fast verschwunden

In Tirol waren Ziegen in den 1960er-Jahren indes „so gut wie verschwunden“, sagt Johann Jaufenthaler – vielleicht, weil die Tiere an schlechte Zeiten erinnerten.

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren hat sich der Bestand verdoppelt. Von circa 15.000 Tieren sind laut Ziegenzuchtverband 4000 zur Zucht erfasst. Zwölf großteils alte Rassen sind in Tirol vertreten. Die Toggenburger Milchziege zählt neben vier Gebirgsziegenrassen – der Walliser Schwarzhalsziege, der Tauernscheckenziege, der Blobe Ziege und der Gemsfarbigen Gebirgsziege – zu den beliebtesten. Mit rund 650 Tieren wurde bei der Gebirgsziegenausstellung in Längenfeld Ende Oktober eine neue Rekordbeteiligung verzeichnet. Es sind nicht auch zuletzt „Liebhaber“, die sich dieser Tage für die gefährdete Gebirgsziege engagieren.

„Es sind tolle Tiere“, schwärmt Jaufenthaler: „Mit Ziegen ist immer was los, sie sind stets für eine Überraschung gut.“

Auch Stefan Scheiber ist von seinen Nutztieren begeistert: „Jede Ziege hat ihren eigenen Charakter. Sie sind sehr schlau, man kann ihnen fast so viel beibringen wie einem Hund.“ Mit ihren Kletterfähigkeiten – die eine sehr solide Umzäunung des Geheges verlangen – sind die Tiere auch für so manch es Kunststück gut.

So bringen sie bei dem in den USA boomenden „Ziegen-Yoga“ turnende Menschen zum Lachen. Und auch in der Tierwelt werden ihre unterhaltsamen Qualitäten geschätzt: Bei Pferden sollen die Hornträger Depression und Aggression vertreiben. Was die Genesung kranker Reittiere anbelangt, werden den so genannten „Beistellziegen“ sogar wahre Wunder nachgesagt.

Die Tirolerin Ruth Zobel hat sich vor beinahe 20 Jahren eine Zwergziege besorgt: Als Gesellschafterin für das kurz zuvor entwöhnte Fohlen ihrer Stute. „Das hat aber nicht funktioniert“, berichtet sie. Die Zwergziege habe sich nicht in die Ersatzmutterrolle gefügt, sondern sei lieber aus der Box des nervösen Fohlens gesprungen. „Nur wenn die Tiere zu dritt waren, herrschte Harmonie.“

Zobel ist mittlerweile bei Ziege Nummer zwei angelangt. Gemeinsam mit den Pferden ist das Tier in einem Stall in Rum untergebracht. „Die Ziege ist vor allem bei den Kindern das absolute Highlight.“

Wie Forscher jüngst herausgefunden haben, bevorzugen Ziegen eindeutig Menschen mit freundlichen Gesichtern. Frauen oder Männer, die grimmig auf Ziegen starren, gibt es ja hoffentlich nur in Hollywood.