Letztes Update am So, 02.12.2018 07:22

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In der eigenen Spur zum Gipfel: Tipps für Skitouren-Anfänger

Sehnsucht nach dem eigenen Weg: Tourengehen begeistert immer mehr Menschen. Mit den richtigen Tipps wird aus einem stolpernden Neuling und Liftbenützer ein begeisterter Gipfelstürmer.

© RappFreiheit: Sobald Technik und Ausrüstung stimmen, kann es ins Gelände gehen.



Die Beine fühlen sich wackelig an. Schritt für Schritt stolpert der Skitouren-Neuling die ersten Meter der präparierte Piste am Pitztaler Gletscher bergauf. Es fühlt sich an, als würde man Laufen lernen, und irgendwie stimmt das auch.

Stockeinsatz und Ausfallschritt wollen koordiniert werden. Das misslingt am Anfang, trotz Erfahrung im Skifahren – aber bergauf ist eben alles anders. „Nicht die Ski anheben, das kostet nur Kraft. Den Schwung mitnehmen“, tönt der Rat der begleitenden Skitouren-Experten. Der Schuh, der sich bei jedem Schritt hinten von der Bindung abhebt, lässt erstmal keine Sicherheit zu, die Schritte sind zaghaft und schwunglos.

Groß ist noch der Respekt davor, zurückzurutschen. Doch das ist im flachen Stück der Piste völlig unbegründet, das aufgeklebte Fell hält die Skier sicher auf Kurs. Die Jacke wird geöffnet, der Atem beschleunigt sich. Trotz einer Höhe von über 2900 Metern und kalten Temperaturen wird es warm unter dem im Zwiebelprinzip angezogenen Outfit. Dann wird es steiler. Und die eigentliche Herausforderung steht vor: Einen sicheren Stand suchen, sich auf die Stöcke stützen, den Talski belasten - und das, ohne dabei rückwärts den Berg hinunterzukugeln. Darauf folgt die große Verknotungsgefahr: Jetzt soll das bergseitige Knie angezogen werden und - mit Mut und Selbstvertrauen - in die Gegenrichtung, parallel zum Hang gedreht werden. Spitzkehren nennt sich diese Technik. Und die ersten paar Ausführungen davon werden wohl alles andere als elegant gewirkt haben. Doch irgendwann sitzt die Reihenfolge.

Nach einem halben Dutzend Spitzkehren ist dann für das erste Mal genug. Warm eingepackt für die Abfahrt geht es mit zunächst mulmigem Gefühl talwärts: Sind die Schuhe auch wirklich auf den Abfahrtsmodus umgeschaltet, reagieren die Skier wie Abfahrtsski?

Doch all diese Zweifel sind unbegründet, es fährt sich talwärts wie sonst auch. Glücksgefühle machen sich breit. Der anfangs neidvolle Blick auf die Menschen, die am Schlepplift anstehen, ist einem Hauch Genugtuung gewichen.

Die wird noch größer, als es am nächsten Tag mit gewonnenem Vertrauen und mehr Leichtigkeit eineinhalb Stunden bergauf geht. Nur an der Spitzkehren-Technik muss wohl noch ein wenig gefeilt werden.

Ausrüstung: Tipps für Ski, Fell, Bindung, Schuhe und Stöcke

Bei neueren Schuhen reicht ein Hebel, um vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus zu gelangen. Die Zehen sollten Spielraum haben.

Einsteiger kommen mit kürzeren Ski besser zurecht. Zwischen Kinn und Scheitel liegt die ideale Länge. Breitere Ski sind besser für die Abfahrt – leichtere, taillierte einfacher für den Aufstieg.

Statt Rahmenbindungen sind heute Pinbindungen verbreitet: Vorne eingehakt, hebt sich der Schuh hinten von der Bindung. Steighilfen, ausklappbare Fersenstützen, helfen in Steilstücken.

An der Skispitze eingehakt werden Klebefelle angebracht. Nach der Tour trocknen lassen, aber nicht über die Heizung legen.

Verstellbare Stöcke werden beim Aufstieg länger eingestellt als bei der Abfahrt (90-Grad-Winkel).

Für Skier, Fell, Schuhe und Bindung kann man mit über 1000 Euro rechnen. Je leichter Ski und Bindung, desto teurer. Einige Händler verleihen Testausrüstungen.

Technik: Grundlagen und gehobene Ansprüche

Für den Einstieg empfehlen sich Pisten, da man sich hier sowohl im gesicherten Skibereich befindet, als auch jederzeit umkehren kann. Wichtig ist, sich genug Kraft- und Konzentrationsreserven für die Abfahrt aufzusparen.

Die Ski sollten nicht angehoben werden, stattdessen sollte man bei den Schritten möglichst viel Schwung mitnehmen.

Rutscht man in steilerem Gelände merklich zurück, ist es zu steil, um gerade hinaufzugehen. Stattdessen nutzt man nun die Bogentechnik und geht in leichten Bögen den Hang hinauf. Wird es auch dafür zu steil, ist es Zeit für Spitzkehren (Bilder rechts): Im stabilen Stand stützt man sich auf beide Stöcke und belastet den Talski. Den Bergski hebt man mit dem Anziehen des Knies in die Höhe, dreht ihn und setzt ihn für die Kehre parallel zum Hang ab. Nun belastet man den Bergski, hebt den Talski mit einer Kniebewegung an, dreht ihn und setzt ihn parallel ab.

Raus ins Gelände: Was ist zu beachten?

Für den Erfolg der Skitour spielt bereits die Vorbereitung eine entscheidende Rolle, besonders, wenn es ins Gelände geht.

Die größte Gefahr stellen Lawinen dar, der Lagebericht ist daher unverzichtbar, zu finden unter lawine.tirol.gv.at. Kurse zur Lawinensicherheit werden jeden Winter angeboten, etwa vom Alpenverein. Zu Saisonbeginn ist eine Auffrischung sinnvoll.

Auf Gletschern stellen zudem Gletscherspalten eine Gefahr dar.

Neben den nötigen Karten (analog oder digital mit GPS) spielt die Selbsteinschätzung eine wichtige Rolle.Nicht nur der Weg hinauf muss zurückgelegt werden, man muss auch wieder hinunter. Das ist bereits bei der Planung zu beachten.

Im Gelände werden oft Tiefschneefahren und Spitzkehren benötigt. Letztere sollte man zuvor auf der Piste üben.

Wer sich unsicher fühlt, sollte sich an einen Bergführer wenden.

Notfallausrüstung: LVS, Airbag und Co.

Die richtige Ausrüstung für den Fall der Fälle: Wird der gesicherte Skiraum verlassen, ist eine Notfallausrüstung zwingend mitzunehmen.

Eine Variante ist das LVS-Gerät. Das Lawinenverschüttetensuchgerät sollte beim Verlassen von gesicherten Pisten auf Senden gestellt und dann in die Jackentasche gesteckt werden. Die Gerätesoftware sollte regelmäßig aktualisiert werden, auch die Batterien. Wird man verschüttet, kann man so per Funksignal gefunden werden. Schaufel und Sonde dienen der Bergung von Kameraden und komplettieren die Ausrüstung. Der Umgang damit muss zuvor geübt werden.

Eine andere Variante ist der Lawinen-Airbag. Dieser soll in aufgeblasenem Zustand das Verschütten verhindern.

Touren abseits der Pisten sollten – nicht nur für den größeren Spaß, sondern auch aus Sicherheitsgründen – in kleineren Gruppen und nicht alleine erfolgen.

Auf der Piste gibt es klare Regeln

Um Konflikte zwischen Pistenbetreibern und Skitourengehern zu vermeiden, gilt: Beim Pisten-Ausflug immer am Rand der Piste gehen. Sperrungen sind zu akzeptieren und Warnhinweise zu beachten. Parkgebühren und andere lokale Regelungen sind ebenfalls zu berücksichtigen.

Besonders beliebt ist das Skitourengehen auf Pisten nicht nur bei Einsteigern, sondern auch abends: Beim Nachtskitourengehen sind allerdings die Sperreneinzuhalten. Der Grund: Pistenraupen, die teils an Seilwinden, im Einsatz sein können, stellen eine Lebensgefahr dar.

Den ersten Skitourenpark mit drei Übungsrouten für Tourengeher gibt es am Pitztaler Gletscher.

Andere Skigebiete bieten extra Nachtskilauf für Tourengeher an: zum Beispiel in Hochimst am Rangger Köpfl, in der Axamer Lizum, am Glungezer sowie am Kellerjoch. Infos unter: www.tirol.gv.at/sport/richtlinien-initiativen/pistentouren/

(Philipp Schwartze)