Letztes Update am Di, 04.12.2018 10:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tanzen

„Beswingt“ zum Trendtanz der Stunde

Für die junge Innsbrucker Staatsmeisterin Stella-Maria Schletterer (26) ist er „der coolste, aber auch unbekannteste Paartanz“: Dabei hat der West Coast Swing das Potenzial, den Disco-Fox als Universalwunder am Tanzparkett abzulösen.

© Rudy De MoorLocker und lässig schwingen Stella-Maria Schletterer und Freund Christopher Piffel ihre Tanzbeine. Stöckelschuhe und enge Kleider sind beim West Coast Swing nicht üblich.



Von Deborah Darnhofer

Poppige Klänge füllen den Raum. Aus den Boxen tönt es „It’s not easy“. Tanzen ist für viele wahrlich nicht leicht. Die Hüfte zu steif, das Hirn für komplizierte Schrittfolgen zu langsam und Taktgefühl keines vorhanden. Doch an diesem Freitagabend im Innsbrucker Kulturzentrum „Vier und Einzig“ scheint es eine leichte Übung, von wegen „not easy“.

Die ein Dutzend Kursteilnehmer lachen, ihre Bewegungen sehen fließend aus. Keiner sieht angestrengt auf seine Füße. Beschwingt geht es über das Tanzparkett. Die flotten Beine scheinen sich problemlos zum Takt durch den Raum zu drehen. Lockerheit und Lässigkeit geben hier eindeutig den Ton an. Hohe Schuhe, enge Kleidung und Umklammerungen sucht man vergebens.

„‚West Coast Swing‘ ist der coolste Paartanz, den ich je kennen gelernt habe. Er ist aber auch einer der unbekanntesten“, erklärt Kursleiterin Stella-Maria Schletterer. Die 26-Jährige ist angetreten, um das zu ändern. Dafür tingelt sie mit ihrem Freund, Tanzpartner Christopher Piffel (25), zwischen Wien und Innsbruck und an den Wochenenden durch ganz Europa.

West Coast Swing ist leicht zu lernen. Der Spaß kommt dabei auch nicht zu kurz.
- Rudy De Moor

Hierzulande noch unbekannt

Obwohl seine musikalischen Ursprünge bis nach Kalifornien der 1940er-Jahre zurückreichen, ist der West Coast Swing hierzulande kaum einem Tanzliebhaber ein Begriff. „Auf Bällen ist es immer sehr lustig, weil die Leute schauen und keine Ahnung haben, was das ist“, erzählt Schletterer.

Seit er vor drei Jahren aber vom Welt-Tanz-Rat zum Tanz des Jahres ausgezeichnet wurde, steigt seine Bekanntheit. Die heimische Szene kommt seit ein, zwei Jahren allmählich in Schwung. In Wien und größeren Städten gibt es einige Kurse und Partys.

„Wir leisten hier echte Pionierarbeit“, meint die Innsbruckerin, die sich durch die meisten ertanzten Punkte in der Weltrangliste Staatsmeisterin nennen darf. Sind in der Bundeshauptstadt derzeit etwa 150 Tänzer aktiv, schätzt Schletterer die Zahl in Tirol auf 50 bis 60. Außer ihr würden eine Handvoll Tanzschulen Kurse anbieten (u. a. in Tarrenz, Telfs und Niederndorf bei Kufstein, Informationen unter www.wcsaustria.com ).

Schletterer legt jetzt ein Soullied auf und zählt ihren Schülern am Parkett geduldig vor: „1-2-3-4-5-6.“ Der West Coast Swing kann zu ganz unterschiedlicher Musik getanzt werden, „die einem gefällt – unabhängig vom Genre. Außer Walzer“, wirft die junge Lehrerin ein. Am Parkett gibt es außerdem keine starren Fußfolgen.

Alles beginnt mit zwei Schritten, darauf folgen zwei Wechselschritte. Der Tanz kommt mit wenigen Grundfiguren aus. Der Rest ist den Tänzern selbst überlassen. Die ausgebildete Gitarristin, die auch eine Swing-Band gegründet hat, vergleicht es gerne mit Jazz: „Man hat ein paar Regeln, innerhalb denen man sehr frei improvisieren kann“, weiß Schletterer.

Viel Improvisation am Parkett

So gibt es einen „Leader“ (im Normalfall der Mann), der seinem „Follower“ (der Tanzpartnerin) signalisiert, wann welche Figur beginnt und endet. Wie die Bewegungen ausgeführt werden, ist dann der Dame überlassen. Dadurch entsteht viel Kommunikation und Augenkontakt.

Nun ruft Schletterer den Paaren eine Grundfigur zu: „Achtung Sugar Push!“ Die Tänzer wissen Bescheid und stoßen sich mit den Händen voneinander ab.

Das Lied ist ausgespielt. „Einmal abklatschen und wechseln“, appelliert Schletterer. Denn typisch für den West Coast Swing ist der Partnerwechsel nach jedem Musikstück. Gerhard Grünauer und Marisa Ferrari aus Imst schwingen schon geübt ihre Hüften. „Ich habe für meinen Mann Tauchen gelernt, dafür musste er mit zum Tanzkurs.“ Nach Zwang sieht es bei Grünauer aber nicht aus.

„Es macht mehr Spaß als gedacht. Jeder kann frei tanzen“, sagt er. Die vielen Wandlungsmöglichkeiten haben es ihm angetan. Aus männlichen Tanzmuffeln können so schnell ausgewachsene Tanzbären werden.

„Ich merke oft, dass sich Männer beim West Coast Swing so bewegen können, wie sie es eben tun“, meint Schletterer. Den Herren kommen die natürlichen Bewegungen des Tanzes zugute. Die seien übrigens in jedem Alter möglich.

Ein gerader Rücken ist gefragt, die Haltung aber nicht so steif wie bei anderen Tänzen. Nun kommt Bewegung in den Saal. Nach dem Kursende ist eine Party angesetzt. Jetzt sehen die Figuren fließend und spielend leicht aus. Die Tänzer fliegen fast über das Parkett.