Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.01.2019


Freizeit

Der schlauste Schnüffler Neuseelands

Biologe Corey Mosen und sein Hund Ajax sind in den Bergen Neuseelands unterwegs, um die Alpinpapageien vor dem Aussterben zu bewahren. Sie kämpfen dabei mit der unwirtlichen Wildnis, vor allem aber gegen gefräßige Nagetiere.

Ajax (r.) und Woody, der auf das Aufspüren nicht heimischer Nagetiere spezialisiert ist, bei ihrer Arbeit im Mount-Cook-Nationalpark.

© SillerAjax (r.) und Woody, der auf das Aufspüren nicht heimischer Nagetiere spezialisiert ist, bei ihrer Arbeit im Mount-Cook-Nationalpark.



Von Kathrin Siller

Christchurch — Wenn Corey Mosen in der Früh zur Arbeit geht, geht er manchmal Stunden, schlägt sich mit einer Machete den Weg durch den Urwald frei und durchquert Flüsse. Oder er wacht bereits in der Arbeit auf, streckt den Kopf aus einem Zelt in die würzige Bergluft und schaut auf die Täler des Kahurangi-Nationalparks, die noch nie eine Menschenseele betreten hat.

Am Ende eines Tagesmarsches lässt sich der dann schon etwas gehfaule Ajax von seinem Herrl, Corey Mosen, tragen.
Am Ende eines Tagesmarsches lässt sich der dann schon etwas gehfaule Ajax von seinem Herrl, Corey Mosen, tragen.
- Siller

Der 35-Jährige arbeitet für die neuseeländische Naturschutzbehörde und hat sich auf Keas, Neuseelands Alpinpapageien, spezialisiert. Sie leben auf etwa 1000 Metern und brüten in Höhlen am Boden. In der Wildnis gibt es nur noch 5000 Stück, sie leben allesamt auf der Südinsel. „Wir nennen sie auch die Clowns Neuseelands. Sie tun sich manchmal in Gangs zusammen und lenken die Menschen ab, um etwas anzustellen, stehlen Skiausrüstung oder zerlegen Scheibenwischer. Keas sind unglaublich intelligent", erzählt der Biologe.

Keas leben in den Bergen der Südinsel Neuseelands und sind streng geschützt.
Keas leben in den Bergen der Südinsel Neuseelands und sind streng geschützt.
- Siller

Immer an Mosens Seite ist Ajax, ein achtjähriger Bordercollie-Catahoula-Mischling und der einzige aktive Kea-Hund der Welt. „Ajax ist darauf trainiert, den Kot der Keas, der sich in größerer Menge um ihre Nester befindet, zu erschnüffeln und sie so zu finden", erklärt Mosen. „Wenn er das Nest aufgespürt hat, setzt er sich ruhig hin, bellt nicht, sondern wartet, bis ich ihm sage, dass er aufstehen darf." Nicht selten zwängt sich der Wissenschafter dann selbst in die engen Bruthöhlen, um nachzusehen, wie es um die Eier oder Jungvögel bestellt ist.

Unzählige Stunden an Training und viele Prüfungen machten Ajax zu dem Naturschutzhund, der er heute ist. „Hätte ich nicht die absolute Kontrolle über ihn, dürfte er keinen Nationalpark betreten. Bei einer Prüfung musste ich mit Ajax durch eine Gruppe von Enten gehen. Er durfte sie gar nicht beachten."

Keine Platzangst: Da Keas in Höhlen brüten, muss sich Biologe Mosen oft in enge Nischen hineinzwängen.
Keine Platzangst: Da Keas in Höhlen brüten, muss sich Biologe Mosen oft in enge Nischen hineinzwängen.
- Siller

Mittlerweile ist Ajax zu einer nationalen Berühmtheit geworden. Mosens eben erschienenes Buch „Ajax, the Kea dog" ist ein Bestseller, sein Vierbeiner hat einen eigenen Facebook-Account und spielte in einem BBC-Film über Neuseeland eine Hauptrolle.

Die Filmemacher dokumentierten damals Mosens Arbeit in der Wildnis. Auch die Jagd auf jene Tiere, die den Fortbestand der Keas bedrohen. „In Neuseeland gab es ursprünglich außer einer Fledermausart keine heimischen Säugetiere. Das ist einzigartig." Allerdings wurden mit den europäischen Siedler Ratten, Opossums, Katzen oder große Wiesel eingeschleppt, die sich ohne natürliche Feinde wie die Made im Speck vermehren konnten und nun mühsam bekämpft werden müssen: Opossums ruinieren die Wälder, weil sie die Triebe der Bäume fressen, Ratten stehlen die Eier kleiner Vögel und die omnipräsenten Wiesel jagen so ziemlich alles und sind auch für Keas, die ja am Boden brüten, gefährlich.

„Diese Plagegeister zu dezimieren, ist die größte Arbeit, die wir im Artenschutz haben", sagt Mosen. In unzugänglichen Gebieten wie dem Kahu-rangi-Nationalpark kommen vor allem 1080-Pellets zum Einsatz, die aus Hubschraubern abgeworfen werfen. Sie enthalten ein Gift, das Säugetiere tötet. „Wir werfen 150 Pellets über einem ein Hektar großen Gebiet ab und können so Tausende Hektar an einem Tag abdecken", rechnet Mosen vor.

Richtig lebendig fühlt sich der Vater von einjährigen Zwillingen — seine Frau Sarah ist ebenfalls Biologin — in extremen Situationen. „Ich erinnere mich an einen Morgen, an dem Ajax und ich im Zelt aufgewacht sind und völlig eingeschneit waren. Meine Hosen und Bergschuhe waren gefroren. Und dann mussten wir auch noch einen Tag lang durch ein Tal in die Zivilisation hatschen."

Mittlerweile merke man Ajax die vielen Arbeitsjahre aber doch an. „Er wird schneller müde. Einmal musste ich ihn bereits im Rucksack tragen, weil er nicht mehr gehen konnte." Zum Glück hat der Vierbeiner bereits einen neuen Job: als Babysitter. „Anfangs war er wahnsinnig eifersüchtig auf die Zwillinge, mittlerweile können die beiden aber alles mit ihm anstellen und er liebt sie."




Kommentieren


Schlagworte