Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.01.2019


Technik

Dampfmaschine: Die Mutter aller Maschinen

Vor 250 Jahren erhielt James Watt das Patent für die Dampfmaschine. Die industrielle Revolution begann. Feuer und Wasser erwecken – zwar selten – auch in Tirol noch Technik zum Leben.

So sah eine der ersten Dampfmaschinen von James Watt aus. Er hat die bereits bestehende Technologie weiterentwickelt.

© dpa/picturedesk.comSo sah eine der ersten Dampfmaschinen von James Watt aus. Er hat die bereits bestehende Technologie weiterentwickelt.



Von Matthias Christler

Jenbach – Wie viele Jahre wird das Smartphone, das man gerade zu Weihnachten bekommen hat, noch durchhalten? Wann muss ein neues Auto angeschafft werden? Sehr wahrscheinlich viel früher, als einem lieb ist. Und wie viele Jahre halten die uralten Dampfmaschinen, mit der die Lokomotiven der Zillertalbahn angetrieben werden, noch durch? Günter Denoth hat sicher keinen Stress: „Die laufen noch in vielen, vielen Jahrzehnten. Natürlich nur, wenn wir sie weiter so fleißig warten“, sagt der Produktmanager Dampfzug der Zillertalbahn.

Die Technologie ist natürlich veraltet, genau genommen 250 Jahre alt, genial ist sie trotzdem. Überspitzt gesagt sei das Grundprinzip ein Wasserkocher, erklärt Denoth. Am 5. Jänner 1769 erhielt der gelernte Instrumentenbauer James Watt (1736–1819) das Patent für seine dann doch etwas komplexere Ausgabe der Dampfmaschine. Der Legende nach soll der Schotte schon als Kind einen Teekessel beobachtet haben, bei dem der Dampf den Deckel in die Höhe hob. Es würde schön in die Geschichte passen, wenn ihm so die zündende Idee gekommen wäre. Aber so romantisch war der Beginn der industriellen Revolution dann doch wieder nicht. Eigentlich hat er „nur“ eine bestehende Technologie weiterentwickelt. Das erinnert zufällig an die Erfindung des Smartphones. Das gab es auch schon vor dem iPhone, aber erst das Apple-Produkt wurde ein Welterfolg.

James Watt tüftelte sieben Jahre daran, den Wirkungsgrad von bereits bestehenden Dampfmaschinen, die u. a. zum Antrieb von Wasserpumpen in Kohleminen eingesetzt wurden, zu verbessern. Dabei half ihm ein Metallunternehmer aus London. Von diesem bekam er Geld und Metallteile. So wurden Hunderte dampfbetriebene Wasserpumpen zur Kupfer- und Zinn-Förderung gebaut. Das Watt-Produkt wurde zum Welterfolg.

Die Zillertalbahnen lassen zum Teil noch mit Dampf fahren.
Die Zillertalbahnen lassen zum Teil noch mit Dampf fahren.
- TT/Thomas Böhm

Das sich nun kraftvoller drehende Schwungrad brachte wortwörtlich Schwung in viele Branchen. Es dauerte nicht lange und die ersten stationären Dampfmaschinen wurden zum Beispiel in der Textilindustrie eingesetzt, im 19. Jahrhundert eroberte die Technologie auch das Verkehrswesen und wurde in Schiffen und Lokomotiven eingesetzt. Deshalb wird die Watt’sche Erfindung, mit der die industrielle Revolution ihren Lauf nahm, gerne auch als die „Mutter aller Maschinen“ bezeichnet.

Damit das Wasser erhitzt, braucht es Kohlen.
Damit das Wasser erhitzt, braucht es Kohlen.
- TT/Thomas Böhm

Im vor 250 Jahren erteilten Patent stand unter anderem dieser Satz: „Eine Methode, um den Dampfverbrauch in Dampfmaschinen zu verringern.“ Günter Denoth von der Zillertalbahn, deren Lokomotiven heute noch zum Teil von Dampfmaschinen angetrieben werden, erklärt die Technologie viel euphorischer: „Es ist eine sehr interessante, ja archaische Technik mit den Urelementen der Erde. Feuer bringt Wasser zum Kochen und das erweckt die Maschine zum Leben.“

Bis auf die Zillertalbahn und auch die Achenseebahn werden Dampfmaschinen hierzulande nicht mehr genutzt. Etwa 100 Jahre nach dem Patent für James Watt sah das noch anders aus. Der deutsche Albert Gieseler weiß es wohl am besten. Er hat auf seiner Webseite (www.albert-gieseler.de) eine Liste mit Dampfmaschinen, die rund um die Welt im Einsatz waren. Auch in Tirol hat er einiges aufgelistet. In der Gasfabrik Innsbruck setzte man die Technologie um 1870 erstmals ein. Ein paar Jahre später folgte zum Beispiel die Wagner’sche Universitätsdruckerei oder in Mühlau die Weyrer Schafwollwarenfabrik. So richtig unter Volldampf stand Tirol jedoch nie, aus einem einleuchtenden Grund: „In Gebirgsregionen mit viel Wasserkraft waren Dampfmaschinen ohnehin selten anzutreffen“, erklärt Gieseler. Eine stationäre Dampfmaschine, die in Tirol noch in Betrieb ist, sei ihm auch nicht bekannt.

Durchgehalten haben nur die Lokomotiven der Achensee- und der Zillertalbahn. Obwohl das Prinzip dahinter denkbar einfach sei, so Denoth, „brauchen die Lokführer und Heizer eine spezielle Schulung. Man glaubt gar nicht, wie viele Hebel bedient werden müssen.“

Aus nostalgischen Gründen nimmt man den Aufwand und die Wartung, die in der eigenen Werkstatt durchgeführt wird, gerne in Kauf. Ob die Maschinen auch in 250 Jahren noch laufen? So weit wagt man in Zeiten von Smartphones nicht zu denken. „100 Jahre“, so Denoth, seien aber sicher denkbar.