Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.02.2019


Vielfalt

Tagfalter-Monitoring in Tirol: Jeder Schmetterling zählt

Seit einem Jahr beobachten Experten und Laien in einer gemeinsamen Initiative die Tagfalter Tirols. Das in den Alpen einzigartige Projekt soll die dürftige Datenlage verbessern.

Ein Weißbindiges Wiesenvögelchen hat es sich auf einem Blatt gemütlich gemacht.

© Gotthard GlätzleEin Weißbindiges Wiesenvögelchen hat es sich auf einem Blatt gemütlich gemacht.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Die Blütezeit der Schmetterlingsbeobachter ist seit Jahrzehnten vorüber, kaum jemand springt noch in seiner Freizeit mit einem Kescher über die Blumenwiesen und fängt Schmetterlinge ein. Das hat mehrere Gründe: Es gibt kaum noch unberührte Blumenwiesen, deshalb weniger Schmetterlinge, und manche Arten findet man nur noch aufgespießt hinter Glas in einem Schaukasten.

Klar ist, es wird weniger geflattert. Aber wie es genau um die Schmetterlinge in Tirols Bergen steht, würden selbst Forscher wie Peter Huemer, die sich tagtäglich damit beschäftigen, noch besser erfassen wollen: „Die Datenlage in den Alpen ist äußerst dürftig“, sagte der Kustos der Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen gestern bei der Präsentation des Jahresberichts des „Tagfalter-Monitorings Tirol“.

Hinter dieser Bezeichnung versteckt sich ein für den Alpenraum einzigartiges Projekt: Über einen längeren Zeitraum werden regelmäßig Tagfalter an ausgesuchten Standorten gezählt. Zwar hat auch die Schweiz seit Jahren ein Falter-Monitoring, doch in Tirol greifen die Forscher außerdem noch auf die Hilfe von Laien zurück. „Durch die gezielte Kombination von professionell durchgeführten Schmetterlingserhebungen mit Beobachtungen engagierter Freiwilliger beschreiten wir mit diesem österreichweit ersten systematischen Tagfalter-Monitoring auch im internationalen Vergleich Neuland“, fasste es Johannes Rüdisser zusammen. Er arbeitet am Institut für Ökologie der Universität Innsbruck und leitet das auf fünf Jahre ausgelegte Projekt. Gemeinsam konnten die Experten und Laien in den vergangenen Jahren mehr als 3500 einzelne Tiere beobachten und 85 verschiedene Arten bestimmen. Rüdisser erklärt den Vorteil der Zusammenarbeit: Die Forscher überwachen jedes Jahr 25 neue Standorte in Tirol. Und wenn die Experten quasi weiterziehen zu den nächsten 25 Standorten, bleiben die Laien und zählen an den bisherigen Standorten weiter. „Nach einer kurzen Einschulung kann jeder an den festgelegten Orten die Beobachtungen machen. Und die Online-Eingabe schaffen schon Volksschulkinder“, sagte Rüdisser. Bisher habe man mehr als 30 Freiwillige motivieren können, den Experten bei der Schmetterlingszählung zu helfen.

Die Universität Tirol, die Stiftung „Blühendes Österreich“ und das Land Tirol steuern jeweils 81.000 Euro für die fünfjährige Laufzeit der Schmetterlingserfassung bei. LHStv. Ingrid Felipe meinte dazu: „Artenvielfalt ist nicht mehr nur ein Thema der Wissenschafter und Öko-Fundis, sondern bei allen in der Gesellschaft angekommen.“ Dabei gehe es um das bewusste Wahrnehmen, dass es weniger Insekten gibt, und die Glaubwürdigkeit der Daten. „Gerade jetzt in der Debatte um Grenzwerte sieht man, wie wichtig es ist, dass man weiß, wie Forscher arbeiten und wie man achtsam mit Aussagen umgeht“, sagte Felipe.

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Für Aufsehen sorgte in den vergangenen Tagen eine Studie aus Australien, in der es heißt, dass 41 Prozent der Insektenarten vom Aussterben bedroht sind – unter anderem durch intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pestiziden. Bei den Schmetterlingen in Tirol dürfte die Situation noch nicht so dramatisch sein. Immerhin findet man mit 170 verschiedenen Tagfalter-Arten nahezu gleich viele wie in ganz Deutschland. Dennoch zeigt das erste Jahr der Erhebung, dass diese Vielfalt bedroht ist. Von den 85 Tagfalterarten, die von den Beobachtern gezählt werden konnten, wurden nur 9 Arten an mehr als der Hälfte aller Standorte nachgewiesen. Und 24 Arten haben nur einen sehr eingeschränkten Lebensraum, sie wurden nur an einem Standort entdeckt. Nach fünf Jahren der Beobachtungen will man noch genauere Aussagen treffen.

Warum es überhaupt wichtig ist, die Schmetterlinge zu zählen und die Vielfalt zu bewahren, erklären die beteiligten Experten bei öffentlichen Vorträgen und an Schulen. Schmetterlinge sind Nahrung für andere Tiere und fleißige Bestäuber. Allein deswegen seien sie ein „wichtiger Wirtschaftsfaktor, auch für den Tourismus“, sagt Huemer. Und es gebe Leute, die extra zu schönen Plätzen mit vielen Schmetterlingen reisen. Fließ im Naturpark Kaunergrat wird zum Beispiel bereits als Schmetterlingsdorf beworben.


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