Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.03.2019


Weltmeere

Überfischung weltweit: Weniger Meer, mehr Heimat

Hecht statt Heringsschmaus: 90 Prozent der Weltmeere sind überfischt. In Österreich werden nur sechs Prozent heimischer Fisch gegessen. Zeit, dass sich das ändert.

(Symbolfoto)

© iStock(Symbolfoto)



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Heringssalat mit Rohnen (rote Rüben) oder mit Apfel und Essiggurke, Matjesfilets, Rollmops, Krabbensalat, Garnelen, Eier mit Kaviar: Zum traditionellen Heringsschmaus biegen sich morgen wieder einige Tische. Dabei ist der Aschermittwoch nach dem Karfreitag der zweitstrengste Fasttag im Christentum. Hering galt in früheren Jahrhunderten als „Arme-Leute-Essen“ und wurde wohl auch deshalb zum Symbol für den Verzicht. Fleisch war verpönt, Fisch erlaubt. Doch die Zeiten haben sich geändert: Fasten statt Schlemmen steht vielerorts auf dem Programm. Allein im berühmten Wiener Gourmettempel Julius Meinl am Graben werden während des auf zehn Tage ausgedehnten Heringsschmauses u. a. 874 Kilogramm Heringssalat, 105 Kilogramm Flusskrebssalat und 44 Kilogramm Cocktailgarnelen verkauft. Nur um den Hering geht es längst nicht mehr. Das wird auch an anderen Zahlen deutlich: Knapp 90 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände sind laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen bereits überfischt oder bis an die Grenze genutzt.

TV-Serie "Fisch Ahoi - Das Meer braucht eine Pause".
TV-Serie "Fisch Ahoi - Das Meer braucht eine Pause".
- ORF

Das Meer muss ohne dem Mehr an Fisch zurande kommen, mit verheerenden Folgen für das empfindliche Ökosystem. „Das Wichtigste ist eine Trendumkehr beim Konsum. Nur wenn weniger Meeresfisch konsumiert wird, können wir zur Rettung der Weltmeere und deren Fischbestände beitragen“, appelliert Nunu Kaller, Konsumentensprecherin bei Greenpeace in Österreich, anlässlich des morgigen Aschermittwochs. Dabei seien Zertifizierungen wie das „MSC-Siegel“ kein Garant für nachhaltigen Fischfang. „Angesichts der schwachen Standards ist der MSC im Grunde eine Augenauswischerei“, kritisiert sie.

Zudem bergen Aquakulturen an den Küsten das Risiko, die Umwelt zu schädigen und dort lebende Fischarten zu verdrängen. Hecht statt Hering soll es daher in Zukunft heißen oder passend zur Fastenzeit: auf Meeres­fisch verzichten. Heimische Süßwasserfische, wie Karpfen, Forelle oder Saibling, seien „eine schmackhafte und nachhaltige Alternative“, sagt Kaller und ist mit dieser Meinung nicht allein.

Pertramer, Nowak und Holzer haben den heimischen Fisch selbst in Dosen konserviert.
Pertramer, Nowak und Holzer haben den heimischen Fisch selbst in Dosen konserviert.
- ORF

Noch spricht die Statistik aber eine andere Sprache: 7,8 Kilogramm Fisch essen die Österreicher pro Kopf und Jahr. Wurden 2017 hierzulande rund 4000 Tonnen erzeugt, kamen fast 72.500 Tonnen aus dem Ausland. Magere sechs Prozent des konsumierten Fisches kommen also aus heimischen Gewässern.

Ein Mehr aus der Heimat und dem Meer eine Pause gönnen, möchten Fotograf Ingo Pertramer, Künstler Thomas Nowak sowie Gourmetkritiker Florian Holzer. Mit der Verarbeitung eines ganzen Ochsen lieferten sie 2015 einen TV-Erfolg ab („Ochs im Glas“). Nun sind sie quasi abgetaucht. Heute Abend wird die dritte Folge ihrer Sendung „Fisch ahoi!“ über die Bildschirme flimmern (22.55 Uhr, ORF eins). Fischen, ausnehmen, konservieren, lautet das Motto. Die drei Männer haben sich im letzten Jahr in heimischen Seen getummelt und kiloweise Süßwasserfisch zu „Dosenfutter“ verarbeitet. „Hering lasse ich aus. Mit der Serie wollen wir anregen, nachzudenken, was man konsumiert“, erklärt Pertramer.

Die Supermarktregale seien voll mit Fischkonserven. „Man glaubt, das geht nie aus. Doch auf den Booten geht der Fisch aus.“ Fette Beute fingen die drei hingegen in Österreich ein. Die heimischen Fischzüchter hätten ein Qualitätsbewusstsein und würden nachhaltig produzieren, erklärt der Wiener. „Sie arbeiten im Prinzip wie Förster und achten auf das ökologische Gleichgewicht im See.“

„Fisch ahoi!“ Die Sendung zur Verarbeitung und Konservierung von heimischem Fisch läuft bis Ende März auf ORF 1 (Dienstag, 22.55 Uhr).
„Fisch ahoi!“ Die Sendung zur Verarbeitung und Konservierung von heimischem Fisch läuft bis Ende März auf ORF 1 (Dienstag, 22.55 Uhr).
- ORF

Die Vorteile von heimischem Fisch liegen auch für Autorin Angela Hirmann auf dem Tisch. Die Köchin und ehemalige Restaurantbetreiberin hat ihm daher ein eigenes Buch mit Tipps und Rezepten gewidmet („Fisch echt einfach“, Löwenzahn Verlag). „Heimischer Fisch wird unterschätzt. Die Sortenvielfalt ist reichhaltiger, als viele annehmen“, meint Hirmann.

Sie registriert aber auch gewisse Berührungsängste. „Die Angst, Fisch falsch zuzubereiten, ist sehr verbreitet. Man kann aber getrost behaupten, dass die Zubereitung von frischem Fisch meist ganz einfach ist. Oft reichen bloß Butter und Salz“, findet sie. Und wer auf den Schmaus morgen nicht verzichten will, dem empfiehlt sie geräuchertes Karpfenfilet im rosa Cremesalat. Hering hin oder her!