Letztes Update am So, 17.03.2019 07:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Magazin

Russkaja-Frontmann:„Dass kein Mensch illegal ist, sollte immer gelten“

Nicht mehr nur Spaßthemen, sondern auch klare Statements: Die neue Platte von „Russkaja“ verhandelt Politisches und Persönliches. Frontman Gregorij Alexandrowitsch Makazaria verrät, woher die Inputs zum neuen Album kamen und warum Helene Fischer ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Russkaja.

© lukas hüllerRusskaja.



Text: Barbara Unterthurner

Frontman Gregorij Alexandrowitsch Makazaria
Frontman Gregorij Alexandrowitsch Makazaria
- lukas hüller

„No one is illegal“ ist als Albumtitel schon ein recht klares Statement. Seit wann ist „Russkaja“ so politisch?

Gregorij Alexandrowitsch Makazaria: Die Zeiten verschärfen sich gerade. Da muss man auch als Künstler die Stimme erheben. Wir haben es als Band lange erfolgreich vermieden, politische Aussagen zu machen. Aber jetzt wird es Zeit. Der titelgebende Song „No one is illegal“ basiert auf Ereignissen, die derzeit aktuell sind. Trotzdem haben wir versucht, einen zeitlosen Song zu schreiben: Dass kein Mensch illegal ist, sollte eigentlich immer gelten.

Was kann die Musik in dieser Situation überhaupt ausrichten?

Makazaria: Wir Musiker können nur mit dem arbeiten, was uns zur Verfügung steht: unsere Stimme, die Songs und die Texte. Im Idealfall kann man die Zuhörer dazu bewegen, über das besungene Thema nachzudenken, auch wenn sie anderer Meinung sind. Und jene, die unserer Meinung sind, werden laut mitsingen.

Die Platte enthält gleichzeitig aber auch sehr persönliche Songs.

Makazaria: Ja, etwa „Druschba“, was übersetzt Freundschaft heißt und gemeinsam mit einer befreundeten Band entstand, und natürlich „Otets“, also Vater, der meinem Vater in Moskau gewidmet ist ...

... wo Sie ursprünglich herkommen. Haben Sie sich in Österreich jemals nicht willkommen gefühlt?

Makazaria: Ich habe mich eigentlich immer willkommen gefühlt. Seit 1990 lebe ich in Wien. Damals war aber auch einiges leichter. Die Sowjetunion war gerade zusammengebrochen und alles befand sich in einer Art Aufbruch.

Ihre erste musikalische Station in Österreich war „Stahlhammer“.

Makazaria: Genau. Ich war parallel in mehrere Musikprojekte involviert. „Stahlhammer“ war Mitte der Neunziger, nachdem ich mit einer anderen Band als Vorband für „Stahlhammer“ unterwegs war. Eigentlich habe ich anfangs nur ausgeholfen. Im Rückblick war es ein interessanter Ausflug in die Deutsch-Metal-Szene.

Musikalisch ein großer Unterschied zur heutigen Weltmusik von „Russkaja“. Wie kam es zu diesem Stilwechsel?

Makazaria: Ich kam zu diesem Stil durch Wladimir Kaminers Buch „Russendisko“. Zu dem Sound auf der beiliegenden CD hatte damals jeder getanzt. Bei Russkaja haben wir Rock, Ska und Balkaneinflüsse vermischt, einfach, weil wir fasziniert von diesem Drive waren; den versuchen wir uns bis heute beizubehalten.

Wer liefert die Ideen?

Makazaria: Engel Mayr, unser Gitarrist sowie Produzent, und ich schreiben die Russkaja-Songs. Alles beginnt mit Ideen, die wir uns gegenseitig ins Handy summen. Gewohnheitsgemäß ist die Hälfte Schrott, den Rest kann man vielleicht verwerten. Beim aktuellen Album bekamen wir auch Unterstützung von deutschen Produzenten. Alles in allem eine sehr bereichernde Arbeit. Auch deshalb, weil wir dieses Mal spezielle Albumversionen geschrieben haben. Normalerweise war es immer umgekehrt: Das Album musste möglichst live klingen. Derzeit sind wir nun dran, aus den aktuellen Songs wieder Liveversionen zu entwickeln.

Im Umarrangieren von Songs habt ihr bei „Willkommen Österreich“ bereits einiges an Erfahrung gesammelt.

Makazaria: Ja, richtig, immer wieder gibt es dort musikalische Gastauftritte. Wenn die Gäste mitmachen wollen, entwickeln wir ein Konzept, wie der Auftritt aussehen soll. Meistens beinhaltet das eine Bearbeitung in unserem Stil. In den Jahren beim ORF sind schon etliche spannende Kooperationen entstanden: Wir haben irrsinnig gelacht mit Helge Schneider, interessant war natürlich auch die Zusammenarbeit mit Udo Jürgens, Campino von den Toten Hosen oder Nena.

Wer ist Ihnen am besten in Erinnerung geblieben?

Makazaria: Das war Helene Fischer. Sie gab uns im Vorfeld zur Sendung ihr letztes Doppelalbum und meinte, wir sollten uns einen Song daraus aussuchen. Geworden ist es „Adieu“, ein sehr romantischer Song mit französischem Flair – den wir auch so eingeübt haben. Normalerweise probiert man beim Soundcheck kurz vor der Sendung das Arrangement mit dem Künstler aus. Aber Helene kam nicht. Wir wurden langsam nervös und experimentierten am Arrangement herum: Die Gitarren wurden stärker verzerrt, die Brass-Section hat einen heftigeren Einsatz einstudiert, der Groove wurde fetter. In diesem Moment stand Helene in der Tür und meinte: „Genauso machen wir’s!“ Statt dem Soundcheck ging’s dann direkt auf die Bühne.

Wie kam das Projekt „Willkommen Österreich“ überhaupt zustande?

Makazaria: Anfangs wurden neun Folgen der Sendung produziert. Dann stand man vor der Entscheidung, mit der Sendung aufzuhören oder das Konzept komplett neu aufzustellen. Wir wurden als Liveband für die Show angefragt und haben für ein Jahr lang zugesagt. Mittlerweile sind es zwölf Jahre. Und es soll so weitergehen.