Letztes Update am So, 24.03.2019 07:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Barrierefrei vom Gletscher

bis zum Hotelbett

Ob Kultur, Natur oder Sport – Tirol hat touristisch viel zu bieten. Auch für Urlauber, die auf Rollstühle angewiesen sind, hat sich das Angebot verbessert. Musste man früher Vermieter anrufen, ob ihre Zimmer barrierefrei sind, reicht heute ein Knopfdruck vor der Buchung. Doch auf Reisen will man nicht nur schlafen. Wie steht es um rollstuhltaugliche Freizeitangebote?

In einem Barbereich des Hotels Weisseespitze im Kaunertal können Rollstuhlfahrer mit Gehenden und dem Barkeeper auf Augenhöhe sprechen.

© In einem Barbereich des Hotels Weisseespitze im Kaunertal können Rollstuhlfahrer mit Gehenden und dem Barkeeper auf Augenhöhe sprechen.



Text: Judith Sam · Fotos: Thomas Böhm

Charly Hafele konzipierte das erste Rolli-Hotel der Alpen.
Charly Hafele konzipierte das erste Rolli-Hotel der Alpen.
- Thomas Boehm / TT

Ein Ferrari zum Geburtstag? Klingt verführerisch. Selbst wenn der Bolide nur für einen Tag gemietet ist. Der Gedanke an sein Geschenk hat einen Urlauber mit Strubbelfrisur so abgelenkt, dass er angefahren ist. Allerdings – keine Sorge – hat er nur seinen Rollstuhl gegen eine Schneewehe gelenkt. Der Ferrari in der Tiefgarage des Kaunertaler Hotels Weisseespitze, zu dem er gerade fährt, ist unbeschadet: „Der Wagen ist so umgebaut, dass ich damit fahren kann, obwohl meine Beine taub sind.“

Erstes Rolli-Hotel der Alpen

Der Querschnittsgelähmte verlagert sein Gewicht, ruckelt am Stuhl – schon hat er sich aus dem Schnee befreit. Es ist sein dritter Urlaub in dem Hotel, wenige Kilometer hinter Kaltenbrunn: „Wenn Rolli-Fahrer buchen, gilt es neben dem Hotel auf das Freizeitangebot zu achten.“ Also warum gerade das Kaunertal? Schroffe Gipfel, hoher Schnee, steile Straßen – klingt nicht nach dem optimalen Urlaubsziel für Rollstuhlfahrer.

Den Gästen stehen Sauna-Rollstühle zur Verfügung.
Den Gästen stehen Sauna-Rollstühle zur Verfügung.
- Thomas Boehm / TT

„Nur auf den ersten Blick“, entgegnet Charly Hafele. Als er seinen Betrieb im Jahr 2000 für Rollstuhlfahrer adaptiert hat, war das Weisseespitze das erste Rolli-Hotel der Alpen. Seitdem stieg die Nachfrage enorm. Auch wegen des „Rolli Roadbooks“ (zu finden auf: www.tirol.at), in dem Hafele barrierefreie Freizeitangebote gesammelt hat: Von kulturellen Angeboten über Wandertouren, Ausflugsfahrten bis zu Handbikerouten.

Die Kaltenbrunner Kirche bietet einen barrierefreien Beichtstuhl.
Die Kaltenbrunner Kirche bietet einen barrierefreien Beichtstuhl.
- Thomas Boehm / TT

Initiativen wie diese begrüßt Jürgen Einwanger vom Alpenverein: „Angebote gibt es für Rollstuhlfahrer einige in Tirol. Das Problem ist, dass man die Infos dazu meist auf vielen Webseiten zusammensuchen muss.“

Um dem entgegenzuwirken, hat der Alpenverein vor vier Jahren begonnen, behindertengerechte Wandertouren zusammenzustellen (www.alpenvereinaktiv.com): „Zwei Dutzend geschulter Autoren, die selbst Rollstuhlfahrer sind, testen Wege in ganz Tirol.“ Farbcodes unterscheiden zwischen drei Schwierigkeitsgraden: Je nach Gefälle, Wegbeschaffenheit, -breite und Hindernissen.

Hafeles Betrieb Weisseespitze liegt vor dem Kaunertaler Gletscher.
Hafeles Betrieb Weisseespitze liegt vor dem Kaunertaler Gletscher.
- Thomas Boehm / TT

„In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich viel getan. 1989 bin ich mit einer Gruppe Rollstuhlfahrern nach Irland zum Sporturlaub gefahren. Damals haben uns Redakteure der Zeitung Times begleitet – so spektakulär war die Vorstellung von Rollstuhlfahrern auf Reisen“, erinnert sich Einwanger.

In Hafeles Hotel wiederum ist die größte Veränderung die Klientel: „Wir haben schon in den 80er-Jahren Rollstuhlfahrer beherbergt. Sie waren querschnittsgelähmt, sportlich, flexibel und kamen wegen des Kaunertaler Gletschers zu uns.“ Dort kann man mit dem Auto nämlich unmittelbar bis zur Bahn fahren.

Feuerlöscher auf Kniehöhe

Heute buchen bei Hafele oft auch Gäste, die wegen eines Schlaganfalls oder Multipler Sklerose auf Rollstühle angewiesen und folglich etwas unflexibler sind. Umso wichtiger ist es, dass das Hotel barrierefrei ist. „Was nicht bedeutet, dass das Ambiente an eine Klinik erinnert – was manche Urlauber anfangs denken“, sagt Hafele.

 Alois Praschberger kreiert diese Ski, die er in die ganze Welt verkauft.
Alois Praschberger kreiert diese Ski, die er in die ganze Welt verkauft.
- Thomas Boehm / TT

Nur wer genau hinschaut, bemerkt die Raffinessen: Die Feuerlöscher hängen auf Kniehöhe, damit sie auch aus dem Rollstuhl greifbar sind. Hinter einer dezenten Klappe im Hotelflur versteckt sich ein Schacht, in den man Windeln und Katheder, auf die Rollstuhlfahrer manchmal angewiesen sind, werfen kann. „Die werden im kühlen Keller gesammelt und entsorgt“, sagt Hafele.

Besonders durchdacht ist die Hotelbar. Rollstuhlfahrer, die dort sitzen, können mit dem Kellner und ihren gehenden Begleitern auf Augenhöhe sprechen. Der Barbereich liegt nämlich etwas vertieft und die Barhocker sind gerade mal 60 Zentimeter hoch.

„Einen Pfiff bitte“, bestellt Alois Praschberger gerade. Der Niederndorfer ist auf Urlaub in der Weisseespitze: „Ich bin aber oft auch beruflich hier, wenn ich am Kaunertaler Gletscher Monoskikurse gebe.“ Diesbezüglich gibt es in Tirol kaum einen Erfahreneren. Praschberger, der seit einem Motorradunfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, hat als erster Tiroler selbst Monoski entwickelt und verkauft sie heute in die ganze Welt: „Die Ski bestehen aus einer Art Schale, in die man sich setzt.“ Wer das 4000-Euro-Gerät nicht kaufen will, kann es bei Praschberger leihen.

Beim Monoski sitzt der Sportler in einer Schale, die für seinen Körper angepasst wurde.
Beim Monoski sitzt der Sportler in einer Schale, die für seinen Körper angepasst wurde.
- wsxwsw

Doch der beste Monoski nützt nichts, wenn das Skigebiet nicht barrierefrei ist: „Oft sind es Banalitäten wie Toiletten, vor denen eine Stufe ist.“ Ein unüberwindbares Hindernis. Auch für Daniela Friedle, die das Projekt „Rollstuhlfreundliches Pitztal“ (www.pitztal.com) geleitet hat. „Hat man nicht genug Routine, um die Wanderwege, die wir getestet haben, aus eigener Kraft zu bezwingen, kann man einen Swiss-Trac ausleihen“, sagt die Rollstuhlfahrerin. Dieser elektrische Antrieb für Rollstühle kostet sonst bis zu 8000 Euro.

Rollstuhl-WC ohne Zugang

Friedles Pitztal-Highlight ist das Gletscher-„Café 3.440“: „Wo sonst genießt man im Rollstuhl in so einer Höhe das Panorama?“ Kleiner Wermutstropfen: „Die Toi­lette im Untergeschoß nennt sich Rollstuhl-WC, ist aber weder durch Lifte noch Rampen zu erreichen.“

Mit ähnlichen Problemen schlägt sich Harald Hörmann herum. Der Sozialmediziner, der seit einem Fahrradunfall querschnittsgelähmt ist, hat für die Tirol Werbung Hotels getestet: „Jährlich kommen drei bis vier Betriebe dazu. Bei booking.com findet man die bequem über den Button ,barrierefrei‘.“

Früher musste Hörmann vor dem Buchen beim Betrieb anrufen: „Dann haben die Vermieter gemessen, wie breit ihre Türen sind.“ Die heute geltende Ö-Norm hält er für übertrieben: „Ist eine Tür 60 Zentimeter breit statt der vorgeschriebenen 90, kommen viele Rolli-Fahrer auch damit gut zurecht.“

Hörmann selbst reiste zuletzt als Rucksacktourist durch Thailand: „So lange man auf freundliche Leute trifft, haben Rollstuhlfahrer im Urlaub keine unüberwindbaren Barrieren zu befürchten.“