Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.04.2019


Freizeit

Das Klassenzimmer auf dem Kartoffelacker

Weil eine Ziege kein Esel ist: 20 Jahre Schule am Bauernhof zum Angreifen und Begreifen – Bewusstseinsbildung für 50.000 Kinder.

Am Bauernhof entdecken die Kinder ihre Liebe zu den Tieren.

© Foto TT/Rudy De MoorAm Bauernhof entdecken die Kinder ihre Liebe zu den Tieren.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – In der Klasse steht ein Bauernhof aus Holz, und Kühe und Schafe kennen die Kinder der 1a der Volksschule Mühlau schon aus dem Alpenzoo. Aber damit haben sie nicht gerechnet: Der Stall vom Max’nhof in Innsbruck ist voller blökender Schafe, es müssen ein paar hundert sein, viele strecken ihre Köpfe den Kindern entgegen. Anfangs vorsichtig und dann immer selbstbewusster nähern sie sich den Tieren, um sie zu berühren. Alle kommen dran, denn bei der Schule am Bauernhof bedeutet Angreifen immer auch Begreifen.

Während manche Nachbarn mitunter die „armen Tiere“ bedauern, die auch bei Regen im Freien stehen „müssen“, lernen sie, dass die Wolle durch das darin enthaltene Lanolin zum wasserdichten Mantel für die Schafe wird. Und die Widerhaken auf der Zunge der Kühe das Gras-Abreißen erleichtern. Oder, wie Maximilian selbst erfahren musste: „Ein bisschen gefällt mir nicht bei den Hasen, dass sie Krallen haben.“ Dabei sind die doch „so süß“, wie seine Klassenkameradinnen immer wieder beteuern. Bedächtig streichen sie über das Fell der Hasenbabys. „Ich liebe Hasen!“, legt Awa zur Verteidigung der Langohren noch drauf.

Burgi Lederer führt die Kinder durch den Max’nhof.
Burgi Lederer führt die Kinder durch den Max’nhof.
- Foto TT/Rudy De Moor

Das Konzept Schule am Bauernhof wurde vor 20 Jahren in Innsbruck ins Leben gerufen, damit Stadtkinder wie sie nicht vergessen, woher die Milch kommt. „Wie manche Produkte entstehen, ist vielen unbekannt“, sagt Evelyn Darmann, Projektpionierin und Geschäftsführerin des Ländlichen Fortbildungsinstituts (LFI). In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde die Idee immer weiter ausgebaut, heute wird in 42 Betrieben in ganz Tirol der Hühnerstall oder der Kartoffelacker zum Klassenzimmer.

Rund 50.000 Kinder vom Kindergarten bis zur Neuen Mittelschule haben seither nicht nur gelernt, woher ihr Essen auf dem Tisch kommt, „sondern sie schätzen es auch viel mehr und sind zufriedener“, ist Max’nhof-Bäuerin Karin Stern vom Mehrfachnutzen der Aktion überzeugt. Auch sie zählt zu den Pionierinnen, die von Anfang an dabei sind: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, den Kindern zu zeigen, wie wir Bauern leben und dass ein Hof eine Produktionsstätte ist.“ Das heikle Thema wird nicht ausgespart, nicht alle Kinder haben bis zu dem Besuch realisiert, dass Nutztiere geschlachtet werden.

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Die Schule am Bauernhof macht den Kindern richtig Spaß.
Die Schule am Bauernhof macht den Kindern richtig Spaß.
- Foto TT/Rudy De Moor

Ihre Schwiegertochter Burgi Felderer ist eine jener Teilnehmerinnen – die meisten sind Frauen –, die den Zertifikatslehrgang „Schule am Bauernhof“ abgeschlossen haben. Sie führt die Kinder an diesem Tag durch den Hof, geht mit ihnen im Hühnerstall auf Eiersuche und zeigt, wie die Hasen gefüttert werden. „Wer ist kräftig? Moritz, kannst du das mit dem Wasser übernehmen?“, fragt sie und holt eine Gießkanne. Ein Bauernhof ist zwar manchmal ein Streichelzoo, aber vor allem harte Arbeit, auch das lernen die Kinder, die begeistert mithelfen.

„Es stimmt mich traurig, dass viele gar keinen Bezug zu unserem Leben haben“, will sie zur Aufklärung beitragen. Die ist manchmal dringend erforderlich, erinnert sie sich an ein Kind, das eine Ziege für einen Esel hielt. Eine 80-stündige Ausbildung ist nötig, um sich Schule am Bauernhof nennen zu können. „In dieser Zeit erkennen viele Teilnehmerinnen ihre Stärke am Hof und welche Möglichkeiten der Betrieb für sie bietet“, berichtet Landesbäuerin und LFI-Obfrau Resi Schiffmann.

„Manche Handelsketten zeichnen ein Bild der Landwirtschaft, das nicht der Realität entspricht“, sagt Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger. „Wir wollen Wissen authentisch vermitteln und gleichzeitig die Kinder als künftige, bewusste Konsumenten gewinnen.“