Letztes Update am Di, 16.04.2019 10:34

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Messner-Doku über Cerro Torre: Ein Toter und zwei gefallene Helden

Die vermeintliche Erstbesteigung des Cerro Torre (3128 m) von Cesare Maestri beschäftigt Bergsteiger seit 60 Jahren. Reinhold Messner dreht derzeit eine Doku und will damit den Nebel um die ominöse Geschichte durchdringen.

Der 3128 Meter hohe Cerro Torre.

© iStockDer 3128 Meter hohe Cerro Torre.



Von Matthias Christler

Hier nahm das Unglück, eine der größten Lügengeschichten im Alpinismus, vor 60 Jahren seinen Lauf. In einem Kiosk in Buenos Aires. Neben Klatschzeitungen sind Plakate von Bergsteigern zu sehen. Hinter dem Tresen steht Kioskbesitzer Cesarino Fava und schreibt einen Brief – an den Italiener Cesare Maestri, und motiviert ihn damit, den „unmöglichen Berg“ zu versuchen: den Cerro Torre in Patagonien. Drei Kameras und Reinhold Messner beobachten die Szene, die an diesem von Wolken verhangenen Nachmittag in Bozen zwischen Hochhäusern nachgestellt wird.

Der deutsche Schauspieler Sebastian Hofmüller, der Fava in der neuen Messner-Dokumentation spielt, lugt aus dem Kiosk hervor und beschreibt seine Rolle: „In Bayern sagt man Hallodri zu solchen Typen. Er schaut, was er für sich rausziehen kann. Und ja, er war für mich der Antreiber des Ganzen.“

Der heroische Alpinismus

Reinhold Messner will dieses Ganze, die wahre Geschichte über die „Erstbesteigung“ des Cerro Torre 1959 mit nachgedrehten Szenen, Originalaufnahmen und Interviews mit noch lebenden Protagonisten erzählen. „Wie einen Krimi, eine Spurensuche“, erklärt er am Rande der Dreharbeiten in Bozen. Und dabei nimmt Fava die Rolle des Bösewichts ein, auch wenn es Messner nicht so ausdrücken würde. „Er war ein Unruhestifter, der besessen war vom heroischen Alpinismus, der im Dritten Reich seine Blüte hatte. Für ihn ist jemand nicht abgestürzt und gestorben, nein, jemand ist für etwas abgestürzt und gestorben, für das höchstmögliche Ziel, einen großen bergsteigerischen Traum.“

Cesare Maestri behauptet bis heute, dass er 1959 den Cerro Torre bestiegen hat.
Cesare Maestri behauptet bis heute, dass er 1959 den Cerro Torre bestiegen hat.
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Die Wolken werden dichter über Bozen. Messner will noch eine Szene beim Kiosk drehen. Eine Frau schiebt ihr Rad vor den laufenden Kameras vorbei, ein älterer Mann bedrängt Messner, ihm ein Autogramm zu geben, mehrere TV-Stationen bitten den Südtiroler Regisseur um Interviews. Chaos. Und das beschreibt genauso die Geschichte dieser ominösen „Erstbesteigung“ ganz gut.

Nachdem sich Cesare Maestri entschlossen hatte, den Berg in Angriff zu nehmen, holte er sich Toni Egger, einen in Osttirol aufgewachsenen Bergsteiger, ins Team. Gemeinsam stiegen sie 1959 in die Nordwand ein, in eine Route, die erst 2005 tatsächlich durchstiegen wurde. Egger verunglückte. Maestri ließ sich ohne Beweis für den Gipfelsieg feiern. Es ist ein Krimi, aber Messner stempelt den Bergsteiger nicht als Bösewicht ab: „Maestri, dem davor schon eine Übermensch-Haltung wie ein Mantel umgelegt wurde, konnte nicht nach Hause kommen und sagen, dass der Berg nicht möglich sei. Deshalb musste er die­se Geschichte dazuerfinden vom Gipfelgang. Vielleicht auch, um Egger als Toten zu rechtfertigen.“ Inzwischen habe er seinen Frieden mit Maestri gefunden und habe sogar Verständnis für ihn. „Der Film verdammt Maestri nicht. Er wird heuer 90 Jahre alt, und das ist vielleicht das richtige Jahr, um die Geschichte zu Ende zu erzählen.“

Dazu gehört auch Maestris zweiter Versuch, als er 1970 mit enormer technischer Hilfe schließlich doch ganz nahe am Gipfel stand. Viele Alpinisten sehen gerade diese Besteigung, auf einer anderen Route mit einem Kompressor für die Bohrhaken als Beweis, dass der ursprüngliche Weg zur damaligen Zeit einfach nicht möglich war. Der Bergsteiger Maestri verlief sich damit endgültig.

Nur eine Frage bleibt offen

Messner wird den Film vermutlich „Verloren in Patagonien“ betiteln. „Weil Maestri auch mit dem Verlust von Toni Egger und mit dem selbstauferlegten Zwang, das Unmögliche zu schaffen, sich selbst in einem Nebel von Chaos hineinbegeben hat. Und er hat sich darin verloren.“ In Bozen beginnt es zu regnen, das Team bringt die Kameras unter das Vordach des Kiosks.

Im Film hingegen klart es auf. „Wir haben das Chaos entnebelt, am Ende liegt alles ganz deutlich vor uns.“ Nur eine Frage bleibt offen: Wo und wie ist Toni Egger gestorben? Messner hätte die Antwort der noch lebenden Schwester von Toni Egger gerne gegeben, „aber Maestri will oder kann es nicht beantworten“.

In der Dokumentation wird es um den besessenen Unruhestifter Fava gehen, vor allem um den gefallenen Helden Maestri – und was ist mit Toni Egger? Reinhold Messner räumt ihm einen besonderen Platz im Film ein: „Für mich ist er ein großer Bergsteiger des letzten Jahrhunderts, auf einem Level mit Hermann Buhl. Mit diesem Film kann der Toni Egger wieder in die Position kommen, in die er alpingeschichtlich gehört – zu den Spitzenbergsteigern.“

Reinhold Messner bespricht beim Dreh in Bozen die Szene. Im Kiosk steht Sebastian Hofmüller, der Cesarino Fava spielt. 

Reinhold Messner bespricht beim Dreh in Bozen die Szene. Im Kiosk steht Sebastian Hofmüller, der Cesarino Fava spielt. 

- TT/Christler