Letztes Update am Mo, 13.05.2019 12:12

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Älteste Erbmonarchie der Welt: Ein neuer und viele letzte Kaiser

Der japanische Monarch Naruhito ist der letzte Kaiser, den es auf der Welt gibt. Alle anderen „Könige der Könige“ haben abgedankt – und kaum einer von ihnen freiwillig wie Naruhitos Vater Akihito. So manche Kaiser, auch ein Habsburger, haben ein tragisches Ende gefunden.

Der 59-jährige Naruhito, der neue japanische Kaiser, gefolgt von Kaiserin Masako, Kronprinz Akishino and Kronprinzessin Kiko am 1. Mai im kaiserlichen Palast in Tokio.

© Japan PoolDer 59-jährige Naruhito, der neue japanische Kaiser, gefolgt von Kaiserin Masako, Kronprinz Akishino and Kronprinzessin Kiko am 1. Mai im kaiserlichen Palast in Tokio.



Von Silvana Resch

Der iranische Schah Mohammed Reza Pahlavi mit seiner zweiten Ehefrau Soraya Esfandiary.
Der iranische Schah Mohammed Reza Pahlavi mit seiner zweiten Ehefrau Soraya Esfandiary.
- AFP

Die älteste Erbmonarchie der Welt hat den längs­ten Atem. Seit 1. Mai sitzt in Japan ein neuer Kaiser auf dem Chrysanthementhron. Naruhito ist die Nachfolge seines 85-jährigen Vaters Akihito angetreten, der lange darum gerungen hatte, bereits zu Lebzeiten abdanken zu dürfen. Das strenge Hofzeremoniell im Land der aufgehenden Sonne macht das Leben der kaiserlichen Familie nicht gerade einfach. Tradition verpflichtet, und in Japan blickt man auf eine sehr lange Tradition zurück. Seit 660 vor Christus soll Jimmu, der erste japanische „Tenno“ (was im Deutschen mit Kaiser übersetzt wird), geherrscht haben.

Geschenke für die Sonne

Der Legende nach war Jimmu der Urururenkel der Sonnengöttin Amaterasu. Sie soll sich vor ihrem schelmischen, aber aufbrausenden Bruder, dem Meeresgott Susanoo, in einer Höhle versteckt haben. Weil der Erde dadurch das Licht abhandenkam, versuchten die anderen Götter, die Sonne mit einer Edelsteinkette, einem Spiegel und einem Schwert wieder hervorzulocken. Diese drei Kleinodien sind bis heute die kaiserlichen Insignien.

Endgültig in die Reihe der japanischen Kaiser wird Naruhito, der 126. Tenno, aber erst nach der eigentlichen Thronbesteigungszeremonie Ende Oktober aufgenommen. Naruhito, der keinerlei politische Macht hat, doch Symbol für die Einheit der Nation ist, läutete in Japan die Ära „Reiwa“ ein, was „schöne Harmonie“ bedeutet.

Vom Kaiser zum Bürger

Harmonie dürfte für den letzten Kaiser von China wohl lange ein Fremdwort gewesen sein. 1908, im Alter von zwei Jahren, wurde Pu Yi zum ersten Mal zum Kaiser gekrönt. China, von den Kolonialmächten ausgebeutet, galt zu diesem Zeitpunkt als unregierbar. Die Bevölkerung war verarmt und verelendet. Als 1912 die Republik ausgerufen wurde, musste der Sechsjährige abdanken. Pu Yi saß in der Verbotenen Stadt fest, nach einem Militärputsch 1924 floh er nach Japan. 1934 bestieg er als „Marionettenkaiser“ der Japaner den Thron des neu errichteten Staates Mandschukuo. 1950 gelangte Pu Yi als „Kriegsverbrecher“ schließlich in chinesische Haft. Nach Jahren der kommunistischen Umerziehung arbeitete er bis zu seinem frühen Krebstod 1967 als Gärtner und Archivar. Seine Autobiografie „Vom Kaiser zum Bürger“ wurde von Bernardo Bertolucci in dem mehrfach Oscar-prämierten Monumantalfilm „Der letzte Kaiser“ auf die Leinwand gebracht.

 Haile Selassie (1892-1975), letzter Kaiser Äthiopiens.
Haile Selassie (1892-1975), letzter Kaiser Äthiopiens.
- AFP

Verwaist ist auch der Pfauenthron im Iran. Mohammed Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien, wurde 1941 mit 21 Jahren zum „König der Könige“. Als jugendlicher Modernisierer und Idealist angetreten, sorgte er später mit seinem glamourösen Jetset-Leben für Schlagzeilen. Sein Volk brachte er mit misslungenen Reformen und einem überaus brutalen Regime gegen sich auf. Als „US-Marionette“ verhasst, wurde er 1979 vertrieben und starb ein Jahr später im Exil an Krebs.

Schwarzer Gott

Auch der Kaiser von Äthiopien führte ein schillerndes Leben – sein Ende war tragisch. Hailie Selassie wird auch heute wie ein Gott verehrt. Als der Spross einer 3000 Jahre alten Dynastie 1930 zum Kaiser von Abessinien gekrönt wurde, erkannte eine kleine jamaikanische Sekte darin das Zeichen für die Wiederkunft eines schwarzen Gottes – die Geburtsstunde der Rastafarians. Der charismatische Herrscher sah sich in einer direkten Linie mit König David und als 225. Nachfahr Salomons. Ob er nun visionärer Erlöser oder gleichgültiger Despot war, darüber ist sich die Nachwelt uneins. In seiner 60-jährigen Regentschaft hatte der Gründer der „Organisation für Afrikanische Einheit“ den Vielvölkerstaat Äthiopien modernisiert und geeint. Auf sich anbahnende Katastrophen reagierte er aber zu spät: 1975 wurde der 83-Jährige von putschenden Militärs mit einem Polster erstickt.

Kaiser Franz Joseph landete 1867 vor dem Erschießungskommando.
Kaiser Franz Joseph landete 1867 vor dem Erschießungskommando.
- Wikimedia Commons

Der Kaisertitel des Habsburger Erzherzogs Maximilian I. entbehrte hingegen jeglicher Tradition. Er wurde vielmehr von Napoleon III. geschaffen – schließlich hatte sich bereits Napoleon I. 1804 selbst zum Kaiser gekrönt. Als Mexikos Regierung unter dem Liberalen Benito Juarez sich weigerte, die immensen Staatsschulden zu begleichen, wurde der 31-Jährige Maximilian von Napoleon III. 1863 als „Kaiser von Mexiko“ installiert. Juarez’ Truppen konnten mit US-Unterstützung jedoch ihr Land zurückerobern und der jüngere Bruder des vorletzten österreichischen Kaisers Franz Joseph landete 1867 vor dem Erschießungspeleton – dem er gefasst ins Auge blickte. Die Habsburger haben als imperiales Herrschergeschlecht freilich eine lange Geschichte.

Das Wort Kaiser entstand im Mittelalter und kommt vom lateinischen „Caesar“. Auch das russische Wort Zar leitet sich davon ab, die russischen Zaren sahen sich als Erben der oströmischen, also byzantinischen, Kaiser. Konstantin XI., der letzte byzantinische Kaiser, starb 1453 beim Fall Konstantinopels.

Mit Karl dem Großen, der 800 vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, lebte das Kaisertum in Westeuropa wieder auf. Wie Karl mussten die Herrscher fortan zum römisch-deutschen König gewählt werden, bevor sie vom Papst zum Kaiser gekrönt wurden. 1806 war das römisch-deutsche Reich Geschichte, die Habsburger nannten sich Kaiser von Österreich.