Letztes Update am So, 26.05.2019 07:15

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Mehr als nur „a scharfe“ G’schicht: Warum mächtige Männer Lockvögeln erliegen

Eine angebliche russische Oligarchin hat Heinz-Christian Strache zu Fall gebracht. Wobei er nicht der erste Mann ist, den so ein Schicksal ereilt hat – und sie nicht die erste Frau, die als Lockvogel derart in Aktion getreten ist. Aber immer mit ihm Spiel: toxische Männlichkeit.

Mächtige Männer tappen in die Falle "scharfer" Frauen - bei weitem kein Einzelfall.

© Montage: Tiroler TageszeitungMächtige Männer tappen in die Falle "scharfer" Frauen - bei weitem kein Einzelfall.



Von Irene Rapp

Mata Hari vernebelte als erotische Tänzerin den Männern die Sinne.
Mata Hari vernebelte als erotische Tänzerin den Männern die Sinne.

Im Ibiza-Video sah man sie nur einmal ganz kurz. Von hinten natürlich. Eine grazile Frau mit langem dunklen Haar nimmt neben Ex-FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache Platz. „Bist du deppert, die ist scharf“, entfährt es eben diesem, um sich fortan wie ein liebestoller Gockel aufzuführen. Der Lockvogel, die angebliche russische Oligarchen-Nichte Aljona Makarow, wird innerlich frohlockt haben. Und einmal mehr macht es einen fassungslos, obwohl man derartige Geschichten ja zur Genüge kennt, dass, wenn Mann mit einer „scharfen“ Frau konfrontiert ist, sein Hirn mitunter um Etagen tiefer rutscht.

Auch „Agent H21“ hat diese Erfahrung gemacht. Wobei man „ihn“ besser unter dem Namen Mata Hari kennt. Als angebliche javanische Prinzessin trat die gebürtige Niederländerin ab 1905 in freizügiger Kleidung mit erotischen Tänzen zunächst in Paris, dann ganz Europa auf. Der Erste Weltkrieg erzwang eine Pause.

„Agent H21“ wusste zu verführen

Die in Geldnot geratene Mata Hari, als Margaretha Geertruida Zelle 1876 zur Welt gekommen, war von einem deutschen Diplomaten daher schnell zu überzeugen, für Deutschland zu spionieren.

Als „Agent H21“ lagen der Schönheit viele Offiziere zu Füßen, mit dem Image als Femme fatale spielte sie gerne. Ein ebenfalls optisch äußerst ansprechender Lockvogel sorgte 2010 für Aufsehen: Die heute 37-jährige Anna Chapman wurde als Kreml-Spionin von den USA entlarvt, sie kehrte in einem spektakulären Agentenaustausch nach Russland zurück. Dort errang Chapman als „Agentin 90-60-90“ Aufmerksamkeit. HC-Strache würde vielleicht sagen: „Bist du deppert, die ist scharf.“

Anna Chapman erfüllte als hübsche Spionin jedes Klischee.
Anna Chapman erfüllte als hübsche Spionin jedes Klischee.

Männer, so ist es wissenschaftlich bereits viele Male bewiesen worden, denken häufiger an Sex als Frauen. Ebenfalls bewiesen ist, dass sie häufiger Sex haben wollen als Frauen. Wäre da nicht die Mauer zwischen Wunsch und Realität, die in einem normalen männlichen Leben Partnerin, Kinder, Moralvorstellungen und Gesellschaft bilden.

Mächtigen Männern geht es mit ihren Trieben nicht anders. Mächtige Männer haben jedoch viel mehr Möglichkeiten, ihre Wünsche wahr werden zu lassen. Und das nicht nur, weil Macht angeblich Sex-Appeal verleihen soll.

Italiens ehemaliger Ministerpräsident Silvio Berlusconi etwa bestellte Prostituierte zu seinen Bunga-Bunga-Sexpartys, die auch die Gerichte beschäftigten. Dominique Strauss-Kahn, ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds, sorgte 2011 durch eine angeblich versuchte Vergewaltigung eines Zimmermädchens in einem Hotel in New York für Schlagzeilen. Und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton stolperte beinahe über seine junge Praktikantin Monica Lewinsky.

Macht lässt manche Männer offensichtlich glauben, dass sie sich nehmen können, was sie wollen. Gepaart mit Narzissmus – extreme Selbstverliebtheit, einhergehend mit Egozentrik und einem Mangel an Einfühlungsvermögen – sind dann Geschichten wie jene möglich, dass der amtierende US-Präsident u. a. einmal meinte, „wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles machen. Ihnen an die Pussy fassen, alles.“ Donald Trump ist trotzdem immer noch im Amt. Auch die #MeToo-Debatte überstand er mit einem von sich ganz und gar überzeugtem Lächeln.

Das Ibiza-Video führte zum Rücktritt von HC Strache ...
Das Ibiza-Video führte zum Rücktritt von HC Strache ...
- Screenshot

Toxische Männlichkeit schadet

Noch nie zuvor war die westliche Gesellschaft so weit in Sachen Gleichberechtigung fortgeschritten wie jetzt. Mit einer vorsichtigen Abkehr von ihrer klassischen Rolle tun sich trotzdem viele Männer schwer: Er glaubt, keine Schwäche zeigen zu dürfen, sexuell immer können zu müssen und in der Beziehung die Kontrolle ausüben zu müssen. Der Mann, so sagen viele Experten, steht unter einem inneren Leidensdruck. Und flüchtet sich in der allgemeinen gegenwärtigen gesellschaftlichen Verunsicherung nur zu gern wieder in die „alte, vermeintlich stabile Männlichkeit“ – toxische Männlichkeit, die dazu führt, dass Männer häufiger hinter Gittern, im Krankenhaus oder auf dem Friedhof landen als Frauen.

Frühzeitig aus dem Leben scheiden musste auch Mata Hari: Sie wurde wegen Spionageverdachts in Frankreich erschossen. Anna Chapman ist in Russland u. a. als Model tätig. Silvio Berlusconi tritt bei den heute stattfindenden EU-Wahlen an, die strafrechtliche Anklage wegen sexueller Belästigung im Fall Strauss-Kahn wurde fallen gelassen. Heinz-Christian Strache wiederum legte nach Auftauchen des Ibiza-Videos sein Amt zurück.

... während Donald Trump immer noch im Amt ist.
... während Donald Trump immer noch im Amt ist.
- REUTERS

„Bist du deppert, die ist scharf“ darf man sich vielleicht denken. Das Hirn sollte aber trotzdem dort bleiben, wo es hingehört.

Silvio Berlusconi machte mit seinen Bunga-Bunga-Partys Schlagzeilen.
Silvio Berlusconi machte mit seinen Bunga-Bunga-Partys Schlagzeilen.
- REUTERS