Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


Life Ball

„Das wird nicht der letzte Life Ball sein“

Seit 1993 gibt es den Life Ball – am Samstag fand der letzte statt. TT-Redakteurin Judith Sam war im Wiener Rathaus mit dabei – und sah phantastische Kostüme sowie einen gerührten Gery Keszler.

Der Zirkusdirektor in Person von Conchita bei der Eröffnung des Life Ball 2019.

© APADer Zirkusdirektor in Person von Conchita bei der Eröffnung des Life Ball 2019.



Wien – Das Gatter vor dem Eingang muss Massen bändigen. 3780 Tickets wurden verkauft – für bis zu 2500 Euro pro Stück. Kaum haben Securitys jeden abgetastet, lauert die nächste Kontrolle auf die Gäste des Wiener Rathauses – ein Mann, groß, muskulös, krault sich den Bart und sagt mit rauchiger Stimme: „Hi, ich bin die Daphne von der Stylepolizei. Ich verwarne jeden, der Jeans trägt.“ Daphne lächelt und nestelt an ihrem goldenen Korsett herum. Willkommen am Life Ball.

Das Rathaus, wo sich sonst Herren in dunklen Anzügen tummeln, wird für einen Abend zum Kaleidoskop: Luftballons, Seifenblasen und sanfte Musik schweben durch die Luft. Es duftet nach Parfüm, Sonnencreme, Popcorn. Von Jeans keine Spur. Daphne hat ganze Arbeit geleistet. Stattdessen: strassbesetzte Zylinder. Perücken aus Federn. Haarige Männerbeine in High Heels. Elegante Seidenroben. Netzstrumpfhosen – übrigens nicht nur an den Beinen. Die Stylepolizistin mustert gerade Nils aus Berlin: 43 Jahre, gestern Börsenmakler, heute Zirkusdirektor. Roter Frack, Peitsche, das Gesicht überzogen von Rautenmustern: „Ich habe mir eine Netzstrumpfhose übers Gesicht gezogen und Farbe darüber gespritzt. So entsteht das Muster, das zum Zirkusmotto des Balls passt. Fünf Stunden hat es gedauert, bis dieses Make-up sitzt.“

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Hinter Nils tanzen Senioren – schließlich liegt die Altersgrenze für Debütanten bei 75 Jahren – Studenten, Homo- und Heterosexuelle. Zwei textilarm gekleidete Akrobaten posieren für Fotos vor einem Riesenrad. Das stammt aus dem Fundus des Zirkus Roncalli, dessen Mitarbeiter zwei Monate an den Kulissen gearbeitet haben.

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Roncalli-Direktor Bernhard Paul ist eigens für das Charity-Event angereist: „Der Life Ball, wo in 26 Jahren 30 Millionen Euro für Aidsprojekte gesammelt wurden, gibt Österreich international ein farbenfrohes Image. Schließlich ist das Land mehr als ein Vizekanzler. Schade nur, dass es der letzte Ball in dieser Form sein wird.“ Denn Gründer Gery Keszler wird keinen weiteren organisieren. Nicht ganz so negativ sieht Alfons Haider die Situation. Der Moderator war vom ersten Ball 1993 an mit dabei: „Mein damaliger Chef meinte, es sei nicht gut, bei so einem Ball öffentlich aufzutreten. Schließlich galt die Show als Treffen für Homosexuelle. Heute ist er nach dem Opernball das leuchtendste Ereignis, das Wien zu bieten hat. Ich bin überzeugt, dass das Event in einer anderen Form weitergehen wird.“

Das wäre im Sinn der schillernden Besucher, die sich gegen 21.30 Uhr am Rathausplatz versammeln, um die dreistündige Show zu bewundern. Conchita geleitet durch den Abend – in schrillem Look, den sie ein knappes Dutzend Mal wechselt: von der Ganzkörpernetzstrumpfhose bis zum himbeerfarbenen Seideneinteiler mit violetter Wuschelmähne.

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Mehr als 650 Kostüme wurden für die Show geschneidert. Nahezu bieder ist Gery Keszler gekleidet – im schwarzen Anzug –, als er um Mitternacht die Bühne betritt: „Es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen. Das Ende des Life Balls ist keine Laune von mir, sondern eine Entscheidung des Vorstands.“ Die bedrückte Abschiedsstimmung hält nur kurz an. Minuten später beginnt Teil zwei der Nacht: die Party im Rathaus.

In neun Räumen empfängt die Gäste ein Sturm an Farben, Lichteffekten, Musik – vom sanften Saxophon bis zum Pochen intensiver Bässe. Die anfangs so akkuraten Frisuren der Tanzenden fallen zusehends zusammen. Das Make-up verläuft. Egal, die Stimmung muss passen. Und das ist der Fall. Harmonisch tanzen Tausende Seite an Seite ans Ende des Regenbogens, bis der Morgen dämmert.

Inmitten des Getümmels steht Daphne und wischt sich Tränen aus den Augen: „Freudentränen, keine Sorge. Ich bin überzeugt, dass das nicht der letzte Life Ball ist. Eines Tages werden wir uns hier wieder treffen, um zu feiern. An dem Tag, wenn HIV besiegt ist!“ Auch Wiens Bürgermeister Michael Ludwig will das Ende des Fests nicht akzeptieren. „Ich bin ganz sicher, die Idee des Life Balls muss weiter bestehen, weil wir den Life Ball brauchen, auch in Zukunft. Ich bin bereit dazu, der Life Ball muss weitergehen“, meinte er zuvor. (sam)