Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 29.06.2019


Exklusiv

Tiroler lebt Traum vom Auswandern: „Die Realität ist ruppiger“

Dominik Croce war 2017 Verkaufsleiter und lebte in Fulpmes. Heute ist der Auswanderer Olivenbauer in Portugal. Sonne statt Stechuhr. Doch das leichte Leben ist manchmal schwer.

Dominik Croce ist nach Portugal ausgewandert. Dort wohnt er nahe einem See.

© CroceDominik Croce ist nach Portugal ausgewandert. Dort wohnt er nahe einem See.



Von Judith Sam

Torrão – Das Gerechteste auf der Welt ist die Verteilung der Zeit. Jeder hat täglich 24 Stunden zur Verfügung. Die Frage ist nur, wie man die verbringt. Im Büro? Inklusive Stress und holprigem Internet? Oder in der Natur, umgeben von Olivenbäumen, mit dem würzigen Duft des Meeres in der Nase? „So mancher dürfte davon träumen, mal aus seinem Alltag auszubrechen“, plaudert Dominik Croce – einst Krawattenträger und Chef über 35 Mitarbeiter, heute Auswanderer, Überlebenstrainer und Olivenbauer.

Bis 2017 war der zweifache Vater Leiter der Online-Plattform Verkauf der Innsbrucker Moser Holding: „Ich mochte den Job. Aber die vielen Anrufe und Deadlines haben mich manchmal bis in den Schlaf verfolgt.“ Dann grätschte der Zufall in sein Leben und sorgte dafür, dass der heute 38-Jährige einen Kurs zum Überlebenstrainer absolvierte: „Drei Tage bin ich nur mit Messer, Wasserflasche und Schlafsack durch einen Wald gestreift. Meine Aufgabe war es, einen Bogen zu bauen.“ Asketische Auszeit. Doch weder gestört durch Termindruck noch Handyklingeln.

- Croce

Zurück zuhause fragten Croces Söhne: „Du, Papa, warum bestellst du nicht einfach einen Bogen bei Amazon? Ist billiger und schöner.“ Der Aha-Moment. Zusammen mit einer anderen Tiroler Familie begannen die früheren Fulp­mer, den Umzug nach Portugal zu planen. Anfangs lief alles rund – vom Umsiedeln über den Kauf des gemeinsamen Grundstücks bis zum Anbau erster Früchte: „Unser Plan war nämlich, das Gemüse, das wir zum Leben brauchen, selbst anzubauen.“

Doch das leichte Leben ist manchmal schwer: „Der Plan scheiterte an Unstimmigkeiten mit der anderen Familie.“

Als Konsequenz kauften Croce und seine Frau Isabel 2018 ihr eigenes Land: „Nun wohnen wir nahe dem Ort Torrão im Herzen Portugals in einem ,Tiny House‘, umgeben von 200 Olivenbäumen und angrenzend an einen Stausee.“ Eine idyllische Ecke, in der seine Kinder grenzenlos toben können. „Die fühlen sich hier pudelwohl“, sagt Croce, der die Elf- und Siebenjährigen zusammen mit seiner Frau und der Schwiegermutter selbst unterrichtet.

Croces Traum scheint Realität geworden zu sein. Sonne statt Stechuhr. Abenteuer statt Alltag. Doch der Auswanderer relativiert: „Das alles klingt verführerisch, aber die Realität ist ruppiger als die Vorstellung.“ Als die Familie kürzlich in Tirol auf Urlaub war, erschienen ihnen das fließende Wasser und die selbstspülende Toilette wie Luxus: „Wir mussten auf unserem neuen Grundstück, wo es weder Zufahrtsstraße, fließendes Wasser noch Strom gab, nämlich von vorne anfangen.“

Die Jurte, die er gebaut hat, wird er bald an Gäste vermieten.
Die Jurte, die er gebaut hat, wird er bald an Gäste vermieten.
- Croce

Mittlerweile steht dort eine Photovoltaikanlage, die Strom erzeugt, und das Wasser fließt. Endlich. Ein Bohrloch musste gegraben und 500 Meter Leitungen verlegt werde. An sich keine große Sache. Wäre da nicht die Mentalität der Einheimischen: „Die sind ausgesprochen hilfsbereit und nett, aber deren Credo lautet: Bist du zum Abendessen eingeladen, komm 30 Minuten zu spät. Alles andere gilt als unfreundlich. Das beherzigen die Portugiesen auch beruflich. Die Arbeiter sagen, sie kommen morgen – und dann sind sie Wochen später immer noch nicht da gewesen.“

Kein Wunder, dass die Croces nicht so rasch vorankommen wie geplant. „Das Gute daran ist, dass ich viel selbst machen kann. Gerade bin ich dabei, unser Haus aus Ziegeln zu mauern und eine mongolische Jurte zu zimmern“, sagt Croce, der sich fehlendes Handwerkswissen über Youtube-Videos aneignet. Die Jurte, ein traditionelles, mit Decken belegtes Zelt, soll bald erste Gäste beherbergen: „Anfangs wohnen die dort kostenlos und helfen uns dafür bei der Arbeit. Später wollen wir vermieten und Überlebens- sowie Webereikurse anbieten.“ Derzeit finanzieren die Croces ihre Leben über Olivenbaumpatenschaften (www.equilibrio.com.pt): „Für 120 Euro pro Jahr kann man einen Baum ,kaufen‘. Wir ernten dann dessen Bio-Oliven, pressen sie in Torrão zu Öl und verschicken das an die Paten.“

Croces Leben hat mit seinem früheren nichts mehr gemein: „Es gibt schon Momente, da hadere ich, ob wir dieses riesige Projekt meistern. Aber bereue ich es, Fulpmes den Rücken gekehrt zu haben? Nein. Sonst würden wir hier einfach die Zelte abbrechen. Wir haben unser Haus in Fulp­mes ja noch. Mal sehen, wohin das Leben uns führt.“